Das hatten sich Gabi Schülein und Georg Hofmann lange gewünscht: Einmal auf Schusters Rappen über die Alpen laufen. In diesem Sommer klappte es, ihr Wunsch wurde in die Tat umgesetzt. Die 54-jährige Sachbearbeiterin und der 65-jährige Grafiker machten sich auf die vierwöchige Wanderung von München nach Venedig.
Und das kam so: Georg Hofmanns Frau, die mit Gabi Schülein befreundet ist, ließ den Satz fallen: "Georg will über die Alpen laufen." Gabi Schülein wurde sofort hellhörig, denn sie ist eine begeisterte Jakobsweg-Pilgerin, und der Trip über die Alpen war immer schon einer ihrer Träume, "aber allein macht mer's nicht". Also war sie elektrisiert von dem Gedanken, zusammen mit Georg Hofmann die Alpenüberquerung anzugehen.

Nach einem gemeinsamen Abendessen und etlichen Vorbereitungsgesprächen fuhren die beiden schließlich nach München. Sie warfen dort traditionsgemäß eine Münze in den Fischbrunnen - was besagt, dass man zurückkommt - und machten sich mit Rucksack, Karte und Kompass auf den Weg. Die Graßler-Route hatten sie ausgewählt, benannt nach einem Bergführer, der eine der schönsten Touren von München nach Venedig ausgearbeitet hat.

Verlockende Biergärten

Doch gleich am Anfang wartete Ungemach auf die beiden Wanderer: "Wolfratshausen war die Hölle", berichtet Georg Hofmann. Nachdem der Weg zunächst ohne große Herausforderungen an der Isar entlang führte, hatten sie sich hinreißen lassen, Pausen zu machen. Nach dem vierten Biergarten kamen sie zeitlich in Verzug. Sie hatten nicht bedacht, dass die ersten beiden Etappen absichtlich flach gewählt waren, ideal zum Einlaufen. Das Gepäck von rund 14 Kilogramm fiel da nicht besonders ins Gewicht. Am zweiten Tag aber fiel Regen. Schürlregen. Die beiden wanderten 28 Kilometer durch eine Wasserwand. Es folgten "drei ganz brutale Regentage", fährt Georg Hofmann fort, "wir sind von früh bis abends im Regen gelaufen", natürlich war auch die Wanderkarte klitschnass.

Allmählich besserte sich das Wetter. Dafür steigerte sich der Schwierigkeitsgrad der Strecken. "Es waren Tage dabei, da ging's 1100 Meter rauf und 1700 Meter runter." Übernachtet wurde in einfachen Pensionen oder in Alpenvereinshütten. Gelaufen wurde mit Stöcken, denn das sei "entlastend und gibt Sicherheit", wie Gabi Schülein anmerkt.

Wundervolle Dolomiten

Die einzelnen Etappen gestalteten die beiden Wanderer zwar nicht nach Lust und Laune, wohl aber danach, ob sie die Landschaft genießen wollten oder ob sie zügig vorankommen wollten. "Die landschaftlich schönsten Passagen hatten wir in den Dolomiten", sagt Georg Hofmann. "Im Wanderbuch stand manchmal, man brauche sechseinhalb Stunden für diese Etappe - aber wir waren länger unterwegs, weil wir rasteten."

Immer seien sie bei der Tour "voll Adrenalin" gewesen und "nie das Gefühl gehabt, keine Lust mehr zu haben", erzählt Georg Hofmann. Die Müdigkeit, sagt er, sei erst hinterher gekommen, bei der Heimreise. Für ihn sei der schönste Abschnitt jener an der Tissi-Hütte gewesen, einer Hütte, die direkt unter der Civetta-Wand steht. Von hier aus habe man einen wundervollen Blick aufs Alpenpanorama.

"Ich bin dankbar, dass ich's machen konnte, ich bin glücklich", sagt Gabi Schülein. "Ja, dort oben lebst du ohne Zeitgefühl", fügt Georg Hofmann an, "und man bekommt eine gewisse Ehrfurcht vor der Natur", wenn man den Sonnenauf- oder Sonnenuntergang vor der Kulisse der Dolomiten erlebe.

Eine der anstrengendsten und schwierigsten Passagen sei das Teilstück von der Schlüter-Hütte zum Grödner Joch gewesen, ergänzen die Wanderer, denn hier galt es, viele Schneefelder zu überwinden.

Im Gepäck und auf dem Leib hatten Gabi Schülein und Georg Hofmann leichte und praktische Funktionswäsche. Überhaupt stellten sie auf der Tour fest, wie wenig Sachen ein Mensch eigentlich braucht. Von einigen, zunächst mitgeschleppten Dingen trennten sie sich unterwegs. Mehrere Garnituren Unterwäsche waren nicht erforderlich, weil die Stücke regelmäßig gewaschen, getrocknet und anderntags wieder angezogen werden konnten.
Unterwegs lernten die beiden Michelauer etliche nette Menschen kennen. Wanderer wie sie. Mit diesen Zufallsbekanntschaften liefen sie mal ein Stück, dann wieder blieben sie zurück, um allein die Stille der Alpen zu genießen.
Nach diesem Erlebnis konnte die Kontrastwirkung nahe dem Zielort Venedig nicht größer sein: "Jesolo war für mich ein Schock, vor allem der Strand, Tausende Schirme, dicht an dicht", gibt Gabi Schülein ihre Eindrücke vom Touristengetöse wider. Gleichwohl sei es schön gewesen, nach den rauen Gebirgspfaden nun barfuß am Lido entlang zu laufen.
"Auf dem Markusplatz angekommen folgte Schock Nummer zwei", fährt Georg Hofmann fort, denn Tausende Touristen tummelten sich dort. Doch dann, welch schöne Überraschung: acht, neun Leute, Zufallsbekanntschaften aus den Bergen, warteten auf die beiden Ankömmlinge und bewirteten sie auf dem Markusplatz mit Häppchen und Rotwein - das Mahl wurde auf dem Boden sitzend eingenommen.
Anderntags fuhren die glücklichen Alpenüberquerer mit der Eisenbahn nach Hause zurück. "So eine Tour ist nichts Alltägliches", sagt Georg Hofmann, "ich habe schon Demut und Ehrfurcht verspürt, gerade in den Dolomiten. Ich habe bei dieser Tour auch zu mir gefunden".
"Wir sind ja auch losgelaufen, um zu entschleunigen", ergänzt Gabi Schülein. "Ich würde sowas jedem empfehlen - ich habe nie sowas Schönes gemacht", sagt Georg Hofmann. Und Gabi Schülein resümiert: "Es war eine Erfahrung fürs Leben."