Klimawandel? Alles halb so wild, meint Gerald Oehrl. "Das haben wir alles schon mal gehabt", sagt der 51-jährige Landwirt, der ehrenamtlich auf dem Herrether Berg eine geeichte Messstation des Deutschen Wetterdienstes (DWD) betreibt. Man müsse abwarten, ob sich die extreme Trockenheit dieses Sommers in den kommenden Jahren wiederhole und zur Regel werde.

1991 hatte Gerald Oehrl die Wetterstation von seinem Vater Georg übernommen. Seitdem notierte er akribisch die Niederschlagsmengen per Hand in ein Notizbuch und meldete die Daten an den DWD weiter. Seit zwei Jahren steht am Rand seines Hofes eine moderne, mit Computertechnik ausgestattete Messstation. Sie meldet die Daten automatisch übers Internet an den DWD weiter.

Eine ideale Wetterwarte

Der Herrether Berg ist ideal für eine solche Messstation. Von hier aus bietet sich ein phantastisches 360-Grad-Panorama: Der Staffelberg, die Eierberge, die Haßberge, der Kamm des Thüringer Waldes und die Veste Coburg sind von dieser Kuppe aus zu sehen, die rund 300 Meter über dem Meeresspiegel liegt.

Etwa 550 bis 680 Liter Niederschlag pro Quadratmeter misst Gerald Oehrl hier im Jahresdurchschnitt. Heuer, sagt er, sei's jedoch nur etwa ein Drittel bis die Hälfte der normalen Jahresdurchschnittsmenge gewesen. "Bisher", schränkt er ein, denn das Jahr sei ja noch nicht vorüber. Es seien freilich auch schon Ausreißer nach oben auf der Skala vorgekommen - also ein Jahr mit 900 Litern pro Quadratmeter. "Diese Extreme hat's immer schon gegeben."

Starkregenereignisse nehmen zu

Was gleichwohl anders geworden ist: "Die durchschnittliche jährliche Niederschlagsmenge bleibt gleich, aber die Intensität bei Gewittern ist stärker." Kurzum: Örtliche Starkregenereignisse nehmen zu. In diesem Jahr, sagt er, fielen beispielsweise in Herreth an Christi Himmelfahrt binnen 15 Minuten 35 Liter Wasser pro Quadratmeter vom Himmel.

1947, so sei ihm erzählt worden, herrschten ähnliche klimatische Verhältnisse wie 2018. Alte Aufzeichnungen belegten das. Als Landwirt habe er deshalb die Hoffnung, dass der trockene Sommer 2018 eine Ausnahme war, und dass es 2019 wieder Niederschlagsmengen gebe wie im langjährigen Jahresmittel. Für seine Milchkühe, sagt er, musste er in den vergangenen Jahren immer Futter zukaufen, obwohl es gute Futterjahre waren. Ein Landwirt sollte dennoch stets versuchen, Rücklagen zu bilden, also Futter aufzubewahren für schlechtere Zeiten.

Der Wahrheit verpflichtet

Gerald Oehrl hat als Landwirt ein Gefühl fürs Wetter. Durch seinen Vater, der die Aufzeichnungen Ende der 1960-er Jahre begann, wurde er schon als Kind mit solchen Messungen vertraut. "Das muss man gewissenhaft machen", sagt er, "die Daten müssen der Wahrheit entsprechen." Selbst weitergeben darf er seine Messergebnisse nicht. Veröffentlicht werden sie jedoch auf der Internetseite des DWD. Dort fließen die Erhebungen aller Messstationen in das Bild der Großwetterlage ein. Die Allgemeinheit profitiert davon, denn aus den Datensätzen erstellt der DWD regionale Unwetterwarnungen. Die Messstationen sind also das Netzwerk dieses Vorwarnsystems.

Die Windrichtung und Windgeschwindigkeit zeichnet Gerald Oehrl zwar nicht auf, doch von Oktober bis Ende April misst er jeden Morgen die Schneehöhe und meldet das Ergebnis weiter - auch wenn kein Schnee gefallen ist. Ab fünf Zentimeter Neuschnee wiegt er den Schnee und ermittelt den Wassergehalt der weißen Pracht.

Viel Schreibarbeit nimmt ihm inzwischen die autonom arbeitende Messanlage ab. Das Messgerät mit dem trichterförmigen Aufsatz muss zwar regelmäßig überprüft werden, bedarf aber nur hin und wieder einer Reinigung. Zuvor hatte Gerald Oehrl täglich den Blechtopf der alten Messanlage ausleeren, die Menge der Niederschläge aufzeichnen und die Daten einmal monatlich per Post nach München senden müssen. Früher, fährt er fort, musste er zudem die Zugrichtung von Gewittern vermerken. Das falle nun fort, weil die technischen Überwachungsmethoden verfeinert wurden. Wenn jedoch Hagel zusammen mit einem Gewitter auftrete, sei er noch immer verpflichtet, dies schriftlich zu fixieren.

Die Landwirte und das Wetter

Ob es weitergehen wird mit der Messstation wollen wir von Gerald Oehrls Sohn Marco (29) wissen. Unbedingt, antwortet der. Das Beobachten und Aufzeichnen des Wetters hat ja schließlich eine über 50-jährige Familientradition. Und außerdem lässt sich der Beruf des Landwirts mit der Passion des Wetterbeobachters gut vereinbaren. Gerald Oehrl merkt selbstironisch an: "Das ist so eine Sache mit Bauernregeln - manchmal treffen sie zu, manchmal auch nicht."