Vor zehn Jahren berichteten wir über einen Erzieher im Kindergarten. Ein Exot damals. Daran hat sich bis heute nichts geändert, wohl auch nicht an den Klischees, mit denen sich mancher Mann in einem typischen Frauenberuf konfrontiert sieht. Sie reichen von der Herabwürdigung als Weichei bis hin zum Verdacht auf Pädophilie. Jener Mann steht da drüber und findet Anerkennung. Er macht seine Arbeit nach wie vor gern, wenn auch inzwischen nicht mehr im Kindergarten, sondern in einer Ganztagsschule.

Pädagogen haben längst erkannt, dass einseitig durch Frauen geprägte institutionalisierte Erziehung und Bildung nicht gut ist. "Vor allem Jungen fühlen sich oft nicht akzeptiert und haben Probleme mit diesem einseitigen Rollenvorbild", sagt Schulamtsdirektorin Stefanie Mayr-Leidnecker.

Besonders im Grundschulbereich ist die Zahl der männlichen Lehrkräfte seit Jahren rückläufig. Man schaue sich die Klassleiter der ersten bis vierten Jahrgangsstufen im Landkreis Lichtenfels an und wird feststellen, dass dies eine weibliche Domäne geworden ist. Von den 251 Grundschullehrkräften im Schulamtsbezirk sind 200 Frauen. Untereinander sind die Kollegen und Kolleginnen gleichberechtigt. Doch es mag an traditionellen, von echter Gleichberechtigung noch weit entfernten Rollenbildern liegen, dass es zu diesem Zahlenverhältnis gekommen ist: Die Frau (Lehrerin und Mutter) kümmert sich um die Kleineren, der Mann (Hauptverdiener in der Familie) strebt nach besserer Bezahlung und Karrierechancen.

Im Vergleich zwischen Lehrern an Grundschulen und solchen an weiterführenden Schulen kann man durchaus von Ungerechtigkeit sprechen. Ist es weniger wertvoll, Kindern das Lesen, Schreiben und die Grundrechenarten zu vermitteln als die Themen der Lehrpläne der fünften Klassen und aufwärts? Ihren Start in die Schullaufbahn zu begleiten, die Weichen für die Freude am Lernen zu stellen und prägenden Einfluss auf ihre Persönlichkeitsentwicklung zu nehmen?

Das Image des Grundschullehrers ist niedriger angesiedelt als das eines Lehrers an anderen Schularten - dies hat auch die Leiterin des Staatlichen Schulamtes festgestellt. "Oft denken Eltern, das Vermitteln der einfachen Kulturtechniken sei keine anspruchsvolle Aufgabe", sagt sie und nennt eine geringere Bezahlung und geringere Aufstiegschancen als weitere Gründe für das Ungleichgewicht. Gerecht sei das freilich nicht. Beim Lehrernachwuchs verschärft sich das Bild noch. 15 Lehramtsanwärter gibt es im Schulamtsbezirk. Darunter sind nur zwei Männer. Einer von ihnen, David Michler, nennt als Grund für seine Berufswahl zuvorderst die Freude an der Arbeit mit Kindern. Dies habe er schon im Umgang mit seinen Geschwistern festgestellt. Es gefällt ihm, dass er ein breites Spektrum an verschiedenen Fächern unterrichten kann, jeder Tag anders ist. Gerade in diesem Alter geben die Schüler im Vergleich zu älteren mehr zurück, findet der 27-Jährige, der sich an der Lichtenfelser Grundschule am Markt schon über positives Feedback ("cool, dass wir einen Lehrer haben") freuen konnte. Plausi ble Gründe, warum ein Gymnasiallehrer mehr Geld mit weniger Unterrichtszeitverpflichtung erhält, fallen ihm nicht ein, zumal man als Grundschullehrer nicht nur Wissensvermittler, sondern auch Erziehungsberater sei.

Freunde und Bekannte seien zum Teil überrascht gewesen, als er sich fürs Grundschullehramt entschied. "Sie fanden es aber überwiegend spannend - und wichtig, dass es mehr Grundschullehrer geben sollte."

Diese Meinung vertritt auch Schulleiterin Michaela Schell. Denn: Immer mehr Kinder wachsen ohne männliche Bezugspersonen auf, und das ist für ihre Entwicklung nicht das Beste.

Kommentar: "Wo die Stellschrauben sitzen"

Ist es an der Zeit für eine Quotenregelung mal in umgekehrter Form, um in den Lehrerkollegien der Grundschulen ein ausgeglicheneres Verhältnis zu schaffen? Wären für erzieherische Tätigkeiten Ausschreibungen angebracht mit dem Zusatz "Bei gleicher Eignung männliche Bewerber bevorzugt"? Auf alle Fälle ist es an der Zeit, Rollenklischees zu hinterfragen und diese nicht noch zu befeuern. Die Wichtigkeit einer Aufgabe drückt sich auch in ihrer Bezahlung aus. Das Kultusministerium kann in diesem Sinne auf pragmatische Weise für Gleichberechtigung eintreten - bei der Festlegung der Besoldungsgruppen.