Der Name Thomas Dehler ist nicht mehr oft präsent. Abgesehen vielleicht von der FDP-Zentrale, die manchmal in den Nachrichten auftaucht und Dehlers Namen trägt. Auch in Lichtenfels ist Dehler längst nicht mehr allgegenwärtig. Eine Gedenktafel in der Lichtenfelser Innenstadt erinnert an den Politiker und Ehrenbürger. Heute vor 45 starb Dehler im Alter von 69 Jahren; Doch weshalb sollte sich die Nachwelt heute noch für ihn interessieren? Dehler teilt letztlich das Schicksal von tausenden Leben, die in Messingplatten verewigt, die Fassaden ihrer Heimatorte zieren.

"Hier lebte", "Hier wirkte", "Hier starb". Salbungsvolle Worte, die in der Gegenwart verhallen. Dem Bamberger Rechtsanwalt Wolfgang G. Jans ist das zu wenig. Für ihn ist Dehler "fachlich und menschlich mein größtes Vorbild". Es gräme ihn, wenn jüngere Richter den Namen Thomas Dehler nicht mehr kennen. Dehler sei damals Star-Anwalt in Bamberg gewesen. Er schreckte nicht davor zurück, auch Juden zu vertreten. Mutig, trotz der Tatsache, dass er mit einer Jüdin verheiratet war. Sie hieß Irma und war mit Wolfgang Jans' Mutter bekannt.

Kämpfer gegen die Todesstrafe


Dehler war einer der wenigen, dem die Alliierten in den Nachkriegsjahren trauten. So wurde er schnell Bamberger Landrat, Generalstaatsanwalt und dann Oberlandesgerichtspräsident.Später wurde er gar Bundesjustizminister. Fast noch mehr als Dehlers Widerstand im Dritten Reich fasziniere Jans an Dehler sein Beitrag am "Aufbau eines stabilen demokratischen Rechtsstaats namens Bundesrepublik Deutschland".

Thomas Dehler erlebte mehrere Zeitenwenden: der Sturz des Kaiserreichs, die bröckelnde Weimarer Republik, die Zeit des Nationalsozialismus und die Bundesrepublik Deutschland. Letztere hat er entscheidend mitgeprägt. Immerhin war Dehler Mitglied der verfassungsgebenden Versammlung. "Wir Deutschen hatten ja wenig Erfahrungen mit Demokratie," sagt Jans, "da war es seine Leistung, einen demokratischen Rechtsstaat zu entwerfen, der sich bis heute bewährt hat." Damals sei das eine Vision gewesen.

Tod im Schwimmbad


Dehlers größte Leistung sei nach Jans' Meinung gewesen, zu verhindern, dass die Todesstrafe wiedereingeführt wird. Daran habe es "massives Interesse gegeben", erzählt Jans. Der damalige Bundesjustizminister Dehler sagte hierzu 1952 im Bundestag: "Ich würde die Todesstrafe in unserem Strafsystem auch deshalb als einen Fremdkörper empfinden, weil es nach den Vorstellungen unserer Zeit die entscheidende, mindestens doch die wesentliche Aufgabe der Strafe ist, zu resozialisieren, den Menschen zu bessern." So beherrscht gab sich Dehler jedoch nicht immer. "Man hat ihm nachgesagt, er konnte mit Worten um sich werfen wie ein anderer mit scharfen Messern", sagt Jans. "Er konnte unbeherrscht und außerordentlich verletzen sein und danach wieder versöhnlich." Dennoch prägte er die Nachkriegsjahre und blieb bis zu seinem Tod der Bonner Republik als Bundestagsvizepräsident erhalten.

Am 21. Juli 1967 starb Dehler im Streitberger Schwimmbad (Kreis Forchheim). Aus dem heißen Auto direkt ins Wasser soll er gesprungen sein. Zu viel für Dehler. Herzinfarkt. Zum Begräbnis am 25. Juli 1967 in Lichtenfels kamen unter anderem der Präsident des Deutschen Bundestages, der Bundeskanzler und der Außenminister. Am Grab spielten die Bamberger Symphoniker. Ein letztes Mal zeigte sich seine streitbare Persönlichkeit. Weil er Freimaurer war, sagt Wolfgang G. Jans, seien längst nicht alle Lichtenfelser einverstanden gewesen, dass er kirchlich beerdigt wurde.