Die ganze Zeit über lag der AC Lichtenfels am Samstagabend gegen den KAV Mansfelder Land im Hintertreffen. Die ganze Zeit? Nein! Zehn Sekunden vor Schluss gingen die ACler erstmals in Führung. Ein denkwürdiger Heimauftakt in der Ringer-Bundesliga Nord.
Als während dieser kurzen Zeitspanne der ganz große Jubel um sich griff und der Mythos AC-Halle um eine weitere Episode reicher war, fand Hallensprecher Ralf Hirle treffende Worte: "So ringt der ACL!"
Erstaunlich, wie sie es immer wieder mal schaffen, diese international durchsetzten Korbstadt-Kämpfer, dass der geneigte Zuschauer staunend dasteht angesichts des möglich gemachten Unmöglichen und nur noch stammelt: "Für solche Abende geht man zum Ringen."

Gewichtsnachteile für "Lupo" und "Pilzi"

Vorausgegangen nämlich war so manches Duell, in dem es einfach nicht recht laufen wollte für die Kämpfer von Trainer Ali Hadidi. So ließ sich Daniel Luptowicz (130 kg, griechisch), der für den verletzten Miloslav Metodiev einsprang, vom 40 Kilo schwereren Mihaly Deak Bardos nach 20 Sekunden schultern. Simon Pilzweger (86 kg, Freistil) - für den fehlenden Patrik Dublinowski eine Gewichtsklasse aufgerückt - zog gegen den sieben Kilo schwereren Florian Rau mit 0:4 den Kürzeren.
Auch die Neuzugänge Timur Seidel (66 kg, 1:10 gegen Krystof Bienkowski) und Mateusz Filipczak (98 kg, 0:4 gegen Zbigniew Baranowski) setzten im freien Stil noch keine aufregenden Akzente - im Gegensatz zu Krum Chuchurov (57 kg, Freistil). Doch auch er unterlag trotz manch guter Aktion und nach wechselvollem Verlauf über die Stationen 0:3, 4:3, 4:5, 6:5 und 6:9 gegen den etwas konsequenteren mehrmaligen deutschen Meister Emanuel Krause.

Venkovs Gegner wegen Passivität disqualifziert

Einziger ACL-Gewinner der ersten fünf Duelle blieb somit Venelin Venkov (61 kg, gr.), weil er Dennis Nowka so vehement bearbeitete, dass der Disqualifikations-Vierer beim Stand von 5:0 schon in Ordnung ging.
Zur Pause hieß es damit 4:11, doch Trainer Hadidi prophezeite: "Wir gewinnen noch vier Kämpfe!"
Europameister Zhan Beleniuk (86 kg, gr.) schürte gleich mal die Hoffnungen bei seiner Premiere im ACL-Trikot mit einem atemberaubenden Schultersieg über den mehrfachen deutschen Meister Fabian Jänicke. Rumen Savchev (66 kg, gr.) schob mit taktisch kluger Vorstellung ein 3:1 gegen Ondrej Ulip nach. Und dennoch waren die ACL-Felle nach der Pilzweger-Niederlage beim Stand von 9:13 schon irgendwie davon geschwommen.

Shishkov dreht in Runde 2 auf

Aber eben nur irgendwie. Denn Serghei Shishkov (75 kg, Fr.il) legte sich nach eher durchwachsener Runde 1 und einem 2:3-Rückstand ins Zeug wie zu besten Zeiten und demolierte förmlich den konditionell komplett einbrechenden Said Abakarov bis zum 19:3-Überlegenheitssieg.
Mit einem Mal hatte der ACL zum 13:13 gleichgezogen. Und so schlug für den 19-jährigen mehrfachen deutschen Jugendmeister Hannes Wagner (75 kg, gr.) die Stunde der ultimativen Bewährungsprobe im ACL-Trikot gegen den Dritten der polnischen Seniorenmeisterschaft, Jacek Tomaszewski.
Trainer Ali Hadidi berichtete von einem Gespräch in der vorletzten Woche: "Dabei sagte ich ihm: ‚Du bist jetzt unser Mann in 75 Kilo! Beweise dich! Die Zukunft gehört dir!‘ Dass er aber so zuhört, hätte ich nicht gedacht."
Wagner ließ mit einer fast unerhörten Unbekümmertheit den favorisierten Tomaszewski zunächst wirklich passiv aussehen. Und selbst als dieser in Runde 2 gnadenlos attackierte und mit 1:0 in Führung ging, hatte der ACL-Junior die Ruhe weg, glich mit einem "kleinen Einser" zehn Sekunden vor Ultimo aus und gewann aufgrund der letzten Wertung.

Wagner: Ich fühlte keinen Druck

Die Nachbetrachtung des EM- und WM-Fünften der Junioren konnte man einfach so stehen lassen: "Klar kriegt man in der Bundesliga nur Top-Leute als Gegner. Aber ich fühlte trotz des 13:13 keinen Druck, bin positiv in den Kampf und habe gesagt: Man muss immer dran glauben, dass man auch ein bisschen Ringen kann."
Begeistert war auch der nach 30 Jahren auf eigenen Wunsch zurückgetretene ACL-Betreuer und Mannschaftsführer Jürgen Lieb, aus dem es heraussprudelte: "Deshalb haben wir jahrelang den Aufwand für die Bundesliga betrieben, damit am Ende ein echter Lichtenfelser auf der Matte steht und für den ACL einen Mannschaftskampf entscheidet."