Es sieht unheimlich ungemütlich aus, wie sich Jan Kretzschmar ins Cockpit des Segelflugzeugs quetscht. Der Lichtenfelser Pilot misst knapp zwei Meter - und hat damit nicht die ideale Größe für die kleinen Flugzeuge. Zuerst schraubt Kretzschmar die Sitzschale heraus, sonst würde er überhaupt nicht hineinpassen.

Dann setzt er sich und versucht, Arme und Beine so zu verstauen, dass er das Dach schließen kann. Nach dem fünften Versuch klappt es endlich. "Manchmal bräuchte ich einen großen Schuhlöffel, um einzusteigen", sagt Kretzschmar und lacht. Für seine große Leidenschaft scheut er keine Mühen.

Andere Kinder gehen gerne in Freizeitparks - Kretzschmar wollte sich lieber Flughäfen ansehen. Egal ob Frankfurt oder Nürnberg - die Geschäftigkeit und die großen Maschinen faszinierten ihn. Es war keine Frage: er wollte Pilot werden. Und so begann er bereits mit 14, seinen Flugschein für Segelflugzeuge zu machen. "Ich fand das super. Während andere mit 16 den Führerschein für den Roller gemacht haben, war ich schon im Segelflugzeug unterwegs", sagt Kretzschmar.

Ein teures Hobby

Ein Jahr und 3000 Euro später hatte er es geschafft. Seinen ersten Alleinflug unternahm er im Alter von 15 Jahren: "Das war schon ein mulmiges Gefühl, ohne den Fluglehrer zu fliegen, der im Notfall hätte eingreifen können." Doch es ging alles gut. Kretzschmar vertraute auf das Urteil seiner Lehrer, "die können das schon einschätzen". Ziel der Ausbildung sei ohnehin, die Nachwuchs-Piloten eigenständig zu machen.

Der Berufswunsch "Pilot" ging für Kretzschmar indes nicht in Erfüllung. Die erste Runde des Bewerbungsverfahrens bei der Lufthansa absolvierte er zwar noch erfolgreich, in der zweiten Runde war jedoch Schluss. "Da kommen nur etwa fünf Prozent der Bewerber weiter", sagt Kretzschmar. Die Enttäuschung hielt sich bei ihm aber in Grenzen, denn die Ausbildung in der Flugschule ist teuer. "Das kostet rund 200 000 Euro, etwa ein Viertel muss man selbst bezahlen", sagt der 23-Jährige.

Das Studium gemäß dem Hobby ausgesucht

Viele nehmen einen Kredit auf und gehen dann bei der Jobsuche leer aus, weil derzeit nur wenige Piloten gesucht werden. Deshalb ist Kretzschmar zufrieden, dass die Fliegerei für ihn nur ein Hobby ist - für das er sich allerdings mächtig ins Zeug legt. Man könnte meinen, er habe sogar sein Studium nach seinem Hobby ausgesucht. Kretzschmar studiert Meteorologie in Leipzig.

"Beim Segelfliegen hängt viel von Wind und Wetter ab. Und da habe ich dank meines Studiums ein breites Hintergrundwissen - das hilft natürlich schon", sagt der Lichtenfelser. "Ich schaue morgens in die Wetterkarte und weiß, was läuft." Doch entscheidend sei das nicht allein. Als Pilot müsse man vor allem beobachten und innerhalb von Sekundenbruchteilen die richtigen Entscheidungen treffen können. "Wenn man sich von einem Ort Aufwind erhofft, aber zu spät kommt, hat man ein Problem. Segelfliegen ist ein Entscheidungssport", erklärt Kretzschmar.

Ein Problem haben, bedeutet in diesem Fall zu tief zu sinken. Wenn der Pilot zu viele schlechte Entscheidungen trifft, kommt es vor, dass er notlanden muss. "Außenlandung nennen wir das", sagt Kretzschmar. "Das klingt weniger dramatisch."

Eine brenzlige Situation

Dabei kann eine solche Landung kritisch werden. Auch Kretzschmar hat schon eine brenzlige Situation erlebt. Bei einem Flug verlor er an Höhe und musste in einem Acker landen. Dabei hatte er einen Graben übersehen, der das Flugzeug um ein Haar ins Schleudern gebracht hätte - doch auch diesmal ging alles gut. Angst vor solchen Situationen hat er nicht: "So etwas haben wir in der Ausbildung geübt", sagt der 23-Jährige, "ich glaube außerdem, dass Motorradfahren oder Fallschirmspringen gefährlicher ist."

Zusammen mit seinen Teamkollegen vom Aero-Club Lichtenfels tritt Kretzschmar in der Landesliga an und ist bei internationalen Turnieren wie kürzlich in der Slowakei dabei. Segelfliegen, sagt er, sei ein Mannschaftssport. "Klar, man fliegt alleine, aber beim Weg dorthin braucht man Hilfe. Ohne die Leute am Boden wäre es gar nicht möglich." Über den Wolken ist Kretzschmar fokussiert und eins mit den Kräften der Natur. Hier, in seiner Sardinenbüchse in Leichtbauweise, kann er die Weite der Welt genießen.