Sein ganzes Leben lang hat Rudolf M. (79) immer versucht, alles selbst zu regeln. Jetzt aber geht das nicht mehr. Zwar hat er eine Tochter, die sich auch um ihn kümmert, aber Rudolf M. lebt alleine in seiner Wohnung, und eigentlich hätte er dort mehr Unterstützung nötig, als er zugibt. Bei Angela Lohmüller im Büro sucht er Rat. Um einen Hausnotruf geht es zunächst.

Im Gespräch wird dann deutlich, dass Rudolf M. eigentlich auch den Haushalt nicht mehr alleine bewältigt. Aber wie sollte er eine Haushaltshilfe bezahlen, wo doch seine Rente so niedrig ist, dass er schon jetzt zusätzlich auf Grundsicherung angewiesen ist? Die Gutachter des Medizinischen Dienstes hatten ihm zwar einen gewissen Pflegebedarf attestiert, jedoch nicht ausreichend für eine Pflegestufe. Also erhält Rudolf M. kein Pflegegeld.

Hilfe zur Pflege
Es gibt aber die Möglichkeit, beim Sozialamt "Hilfe zur Pflege" zu beantragen. Mit diesem zusätzlichen Geld könnte Rudolf M. es ein bisschen leichter haben. Es steht ihm zu - er wusste davon nur bislang noch nichts.

Für Angela Lohmüller ist dies ein typisches Beispiel für ihre Arbeit. Seit 2009 hält sie einmal in der Woche einen Sprechtag in Altenkunstadt, wo der Caritasverband im Zuge des Modellprojektes "In der Heimat wohnen" ein Büro eingerichtet hat. Sie leitet das Projekt in dieser Gemeinde, wird als Quartiersmanagerin zu einem Teil vom Kreiscaritasverband Lichtenfels, mit einem Zuschuss des Diö zesancaritasverbandes, und zu einem Teil von der Gemeinde Altenkunstadt bezahlt. Zehn Stunden in der Woche stehen ihr zur Verfügung, in denen sie sich unter anderem um die Mieter in der dortigen Wohnanlage, aber auch um die Koordination von Veranstaltungen, Besuchsdiensten usw. kümmert.

Die weiteren Wochenstunden ist sie in der Allgemeinen Sozialen Beratung der Caritas in Lichtenfels tätig; dann nicht nur für Senioren, wobei sie sich, wie sie sagt, hier mittlerweile schon viel spezielles Fachwissen angeeignet habe.

Sprechstunden gut besucht
Ihre Sprechstunden in Altenkunstadt, jeden Donnerstag von 14 bis 16 Uhr, sind offen für alle Ortsbewohner. Wenn nötig, vereinbart sie auch andere Zeiten oder einen Hausbesuch. Das Angebot werde mit rund 50 Ratsuch enden im Jahr sehr gut angenommen, findet Lohmüller.

Längst nicht immer geht es dabei um finanzielle Hilfen, manchmal nur um minimale Unterstützung, wie darum, einen Brief absendefertig zu machen oder ein Formular auszufüllen. Und manchmal vor allem darum, einfach zuzuhören.

Altenkunstadt darf als Vorreiter in Sachen Seniorenpolitik gelten. Nicht nur, was entsprechenden Wohnraum angeht, hat sich dort viel getan. Für ihr Konzept wurde die Gemeinde vor drei Jahren vom bayerischen Sozialministerium ausgezeichnet. Besonders gewürdigt worden sei dabei die Bürgerbeteiligung, erzählt Angela Lohmüller. Die 10.000 Euro Preisgeld dienen der Weiterfinanzierung ihrer Stelle.

Alle Kommunen im Landkreis Lichtenfels haben inzwischen Seniorenbeauftragte - mit Ausnahme der Stadt Lichtenfels. In der Kreisstadt gibt es, angesiedelt am Landratsamt, seit 2008 ein Seniorenbüro als Anlaufstelle für alle älteren Menschen im Landkreis und deren Angehörige. Beratung und Vermittlung stehen auch dort im Vordergrund. Der Landkreis hat ebenfalls ein seniorenpolitisches Gesamtkonzept, und daraus geht hervor, dass das Bemühen um Alte wie auch um Jugend und Familie als wichtiger Aspekt im Hinblick auf eine positive wirtschaftliche und demographische Entwicklung verstanden wird. Die elf Städte und Gemeinden möchte man in ihrer Arbeit unterstützen, lokale Aktivität vernetzen, generationenübergreifende Zusammenarbeit fördern.

Wo es im Alltag hapert
Es wird also augenscheinlich viel getan für ältere Mitbürger, die schon über 20 Prozent der Landkreisbevölkerung stellen, Tendenz steigend. Aber was kommt aus diesen Konzeptionen in der Lebenswirklichkeit an?

Ruth Müller, 93 Jahre alt, sagt, sie habe da noch nicht viel gemerkt. Seit Jahrzehnten engagiert sich die Lichtenfelserin politisch. Ganz am Anfang stand ihr Einsatz für Frauenrechte, später erst trat sie der SPD bei, um einen Rückhalt für die Forderungen zu haben, wie sie erklärt. Vor fast 20 Jahren war sie bei der Gründung der Arbeitsgemeinschaft "60plus" der Partei in Mainz dabei, ist auf Bezirksebene immer noch aktiv. Altersarmut bekämpfen, den barrierefreien Wohnungsbau fördern, den Personalschlüssel in der Pflege verbessern, das waren Forderungen von damals. Sie sind aktuell geblieben. "Gemessen an der Zeit, die wir eingesetzt haben und noch einsetzen, haben wir sehr wenig erreicht", sagt Ruth Müller.

Dann erzählt sie von den Hoffnungen auf eine Begegnungsstätte in Lichtenfels, in der man nach einem Arztbesuch auf den Bus oder jemanden, der einen abholt, warten könnte, ohne Geld auszugeben. "Man kann nicht jedes Mal ins Café gehen." Im einmal geplanten "Flechthaus" hätte so ein offener Treff sein können. Aber daraus ist ja nichts geworden. Das Mehrgenerationenhaus in Michelau sei ohne Auto kaum zu erreichen, sagt Ruth Müller, und untermauert das mit Detailwissen zu bestehenden Bus- und Bahnverbindungen. Wenn man in Lichtenfels am Abend mal einen Vortrag besuchen oder ins Kino wolle, habe man ebenfalls keine Chance. "Abends fährt kein Bus."

Diskriminierung für Frauen und Ältere
Ruth Müller, die so rüstig und selbstständig ist, dass sie sich heuer ihren Traum erfüllt hat, nach Australien zu reisen, hat diskriminierende Behandlung sowohl als Frau als auch wegen ihres Alters erfahren. Sie wünscht sich einen respektvolleren Umgang miteinander. Wenn man alt ist, sei man nicht gleich dement, und auch nicht "Muttchen" oder "Oma". Dass mal jemand beim Tragen einer schweren Tasche hilft? - Ist nicht die Regel. Die Betreuung der alten Menschen ist in Ruth Müllers Augen eher schlechter geworden. Viele seien sehr einsam. "Früher, bei meiner Schwiegermutter, da kam einfach mal die Gemeindeschwester zu Besuch und fragte nach, wie's ihr geht; und das, obwohl die Schwiegermutter gar nicht allein lebte. Aber das gibt's nicht mehr."

Ein seniorenpolitisches Gesamtkonzept gibt es im Landkreis Lichtenfels seit Jahren, und es wird weiter daran gearbeitet. Im Gespräch mit Senioren werden einfache Wünsche genannt wie einen Besuchsdienst für Leute, die nicht im Heim leben, oder eine Möglichkeit, auch am Abend noch eine Veranstaltung besuchen zu können, wenn man sich den Taxi-Fahrpreis nicht leisten kann. Für junge Leute gibt es hier schon seit 2002 das erfolgreiche Fifty-Fifty-Taxi-Angebot, das an den Wochenenden günstiges und sicheres Mitfahren ermöglicht. Es ist eine freiwillige Leistung des Landkreises.

Die Präsentation des Seniorenpolitischen Konzepts im Landkreis Lichtenfels als pdf zum Nachlesen finden Sie links neben dem Artikel.