Platten sind seine Jugendliebe. Eigentlich geht die Geschichte noch etwas weiter zurück: "Ich war neun Jahre alt und bin nachts hochgeschreckt", erinnert sich Markus Häggberg. Er ist Autor, Plattensammler und schreibt auch für den Fränkischen Tag. "In meiner Kolumne kam diese Nacht auch schon einmal vor." Häggberg wollte um 3 Uhr Radio hören. Das musste er ganz leise machen, damit es seine Oma, bei der er aufwuchs, nicht merkte.

In dieser Nacht lief "Baker Street" von Garry Rafferty aus dem Jahr 1979. "Ich war hin und weg. Es war einfach unglaublich. Meine Liebe zur Musik ist in dieser Nacht geboren. Dieses fantastische Saxofonsolo hat mich einfach umgehaun." Also hat er sich den Titel so aufgeschrieben, wie er ihn gehört hat und bei Radio-Bohne versucht herauszufinden, welche Platte das sein könnte.

"Von meiner Oma habe ich sie mir dann zum nächsten Geburtstag gewünscht - und auch bekommen."

Lange blieb das die einzige Scheibe von Häggberg, schließlich hatte er kein Geld, um weiter in Vinyl zu investieren. Aber diese LP legte den Grundstein. "Von fast allen Platten weiß ich die Titel der A- und B- Seite in der richtigen Reihenfolge. Ich habe dafür bis heute ein Gedächtnis." Natürlich, fügt er schnell hinzu, wisse er auch bei jeder Scheibe das Produktionsjahr. Das ist wichtig, denn der Sammler Häggberg steht auf Scheiben aus dem Original-Jahr. Bitte keine Nachpressungen oder Neuauflagen. "Musik von ´69 auf einer Pressung von ´69, das ist ein echtes Zeitdokument.

Näher kommst Du nicht an die Musik ran."

Mehr als nur Liebe: Markus Häggberg und seine Plattensammlung by Infranken.de

Als er dann als Jugendlicher in der Ferien jobbte und ein Teil des Geldes in LPs anlegte, entstand der Grundstock für die Sammlung, vor der er heute steht: Bestimmt einen Meter ist das Regal mit den Platten breit und mannshoch. Es ist so gestellt, dass keine Sonne drauf scheint, zu keiner Tageszeit", sagt er. Konstant zwei Grad wären noch besser für den Erhalt, aber so ist es ein guter Kompromiss.

Häggberg wuchs und seine Sammlung auch: "Wir haben uns dann natürlich die besten Stücke gegenseitig auf Musikkassette kopiert und gegenseitig vorgespielt." So wuchs auch das Repertoire und die Liebe zur Musik der 1960er-Jahre. "Das ist meiner Meinung nach das kreativste Jahrzehnt der Rock- und Popgeschichte." Simon and Garfunkel. "Da habe ich die allermeisten Platten." Natürlich die große Leidenschaft für die Beatles.

"An denen kommst du nicht vorbei."

Endgültig vorbei war es mit ein paar wahrlosen LP-Käufen, als sich Häggberg dann das erste Rocklexikon gekauft hat. Es steht heute in seinem Musik-Bücherregal, neben Büchern von Leonard Bernstein, und einer Büste von Richard Wagner - oder seiner Prinz-Eisenherz-Sammlung. In den Büchern war zu lesen, welche Platten jede Band veröffentlicht hatte. "Das war auch eine bittere Erkenntnis für mich als Sammler. Ich kann ja nicht alles kaufen."


Zu bewusstem Lauschen erzogen
Aber Häggberg zog und zieht immer noch seine Erkenntnisse aus den guten alten Vinyl-Platten, von denen er viel gelernt hat. Nicht nur die Abfolge der Titel: "Ich habe mich auf die Musik eingelassen und mich selbst diszipliniert.

Man konnte damals ja nicht einfach auf weiter drücken, wie heute mit der Fernbedienung des CD-Spielers." Also hat er die Scheiben komplett gehört. Wenn er ein bestimmtes Gitarrensolo wieder und wieder genießen wollte, dann hat er die ganze Seite wieder und wieder gehört. Er konzentrierte sich, er hatte Vorfreude, er erkannte Zusammenhänge. Oder er saß mit einem guten Freund nach dem Training im Auto und die spielten sich ihre Kassetten vor.

"Ich habe mich zu bewusstem Lauschen erzogen. Das mache ich heute noch so. Wenn ich mal eine Schreibblockade habe und der Fränkische Tag länger als gedacht auf einen Text von mir warten muss, dann setze ich mich hin und höre Musik. Ganze Stücke. Ganze Seiten. Das inspiriert." Häggberg spielt dann Luftgitarre - und die Redaktion wartet.

Die Musik der 60er im Ohr, hadert er mit dem heutigen Musikbetrieb. "Mit der CD ist alles schnelllebiger geworden.

Die Zuhörer, aber auch die Musiker. Die Ansprüche haben sich geändert - das ist alles Bedarfsmusik." Die Castingsshows sind für ihn ein Beispiel dafür, dass Musik heute für einen Markt geschrieben wird. "Es gibt immer weniger Bands, die etwas Großes, Bleibendes schaffen wollen." Häggberg lobt da lieber Paul Simon. "Das sind Interpreten, die ihre Stücke selbst geschrieben haben."

Für den Sammler steigt dann der Wert an solchen alten, echten Dokumenten. "Das kann schon mal vorkommen, dass ich für eine ganz besondere Platte auch 60 oder 80 Euro bezahle."

Es nimmt ihn mit, wenn die alte Garde langsam abdankt. "Pink Floyd wird nie mehr zusammen spielen, und als George Harrison starb, war auch die letzte Hoffnung dahin, dass die Beatles nochmal auftreten."

Für Häggberg bleibt die Hoffnung auf die nächste LP.

Momentan sucht er "A greece Girl in Ney York", mit Nana Mouskouri, "produziert von Quincy Jones - da gab es jetzt eine CD-Veröffentlichung. Die brauche ich nicht, ich würde einfach gerne das Original haben." Und dann? Dann wird er sich auf die Suche nach der nächsten unglaublichen Platte machen.