"Im Rettungsdienst ist jeder Tag anders. Du weißt nie, was dich erwartet", sagt Stephan Moser. "Es macht Spaß, sich dieser Herausforderung zu stellen." Der 37-Jährige arbeitet schon viele Jahre als Rettungsassistent für den BRK-Kreisverband Lichtenfels. Meist werden die Retter zu Routine-Einsätzen gerufen. "Häufige Fälle sind Platzwunden, Schlaganfälle und Herzinfarkte oder auch Stürze bei älteren Patienten."

Doch manchmal kommt es auch anders. "Es gibt schon Einsätze, die einen aufwühlen. Wir stecken auch nicht alles einfach so weg", sagt Moser. Ihm hat sich ein Unfall eingeprägt, bei dem ein Kleinkind aus einem Fenster im zweiten Stock gestürzt ist. "Als wir dort ankamen, war mein erster Gedanke: Um Himmels Willen, wie konnte das passieren", erinnert er sich. "Das Kind hatte schwere innere Verletzungen und Kopfverletzungen und ist später im Krankenhaus gestorben. Das geht einem schon nahe."

Die Bilder bleiben im Kopf

Die 21-jährige Antonia Büttner befindet sich im zweiten Jahr ihrer Ausbildung zur Rettungsassistentin. Auch sie kann von einem aufwühlenden Einsatz berichten. "Ein Mädchen, jünger als ich selbst, ist mit ihrem Auto im Wald verunglückt. Sie war eingeklemmt und schwer verletzt, mit vielen zertrümmerten Knochen. Sie stand unter Schock und hat geschrien. Diese Bilder bleiben im Kopf." Werden die Retter zu solchen extremen Einsätzen gerufen, ist auch ein Notfallseelsorger vor Ort. "Nach so einem Einsatz schicken wir unsere Mitarbeiter für den Rest des Tages nach Hause", erklärt der stellvertretende Rettungsdienstleiter Tobias Eismann. "Und wir geben ihren Familien Bescheid."

"Ich versuche, meine Familie nicht damit zu belasten", sagt Stephan Moser. "Aber das geht natürlich nicht immer, der Partner merkt ja auch, wenn einen etwas beschäftigt." Mosers Frau ist Polizistin und kann nachvollziehen, was in solchen Fällen in ihm vorgeht. Auch Eismanns Freundin, die in der Lichtenfelser Notaufnahme arbeitet, kennt diese Situationen. "Es hilft wirklich, wenn der Partner das versteht, ohne dass man es erklären muss", sagt er. "Mir ist es auch lieber, wenn die Freundin nicht nachbohrt. Man macht einfach vieles mit sich selbst aus."

Drüber reden hilft

Antonia Büttner dagegen redet lieber über belastende Situationen. "Mir hilft es. Meine Mutter merkt inzwischen, wenn mich etwas beschäftigt, dann kann ich mit ihr darüber sprechen." Auch bei alltäglichen Einsätzen finden die Helfer oft Bedrückendes vor. "Wir bekommen viel vom Leben der Menschen mit, zu denen wir gerufen werden", sagt Büttner. Oft sind das ältere Menschen. "Es ist erschütternd, wie viele alte Menschen total vereinsamen", sagt Tobias Eismann. "Da bekommt die Oma ein Hausnotrufgerät, und das war's. Die Kinder wohnen 200 Kilometer weit weg und kümmern sich nicht weiter drum. Das gibt's nicht nur in Großstädten, sondern auch bei uns." Stephan Moser stimmt ihm zu. "Manche Wohnungen sind total verwahrlost."

Durch den Beruf, sagt Eismann, wisse er vieles im Leben mehr zu schätzen. "Man sieht ja täglich, dass es einem immer noch schlechter gehen kann." Moser sieht das genauso. "Ich habe schon Menschen getroffen, die waren schwer krank und haben trotzdem nicht gejammert. Und wir regen uns schon über einen Kratzer am Auto auf."

Schwer heben gehört zum Alltag

Auch körperlich ist der Beruf belastend. "Die technische Entwicklung in den letzten 20 Jahren hat uns vieles erleichtert", so Eismann. "Aber wenn ein Patient in einem engen Badezimmer oder Flur liegt, müssen wir ihn trotzdem heben. Der Notfallkoffer wiegt 30 Kilo, den trägt man in der einen Hand, das EKG 25 Kilo, das hat man in der anderen. Und Nachschichten sind mir mit 18 auch leichter gefallen als jetzt mit 31. Ich hab Respekt vor den Kollegen, die den Job noch mit über 50 machen."

Der Beruf ist anspruchsvoll, keine Frage. Doch er sei bei Weitem nicht nur belastend. "Es gibt auch viele lustige Situationen", erzählt Eismann. "In der Fußballsaison werden wir zum Beispiel oft zu Sportplätzen gerufen. Da kommt es schon vor, dass wir zwei verletzte Spieler ins Krankenhaus fahren, und die diskutieren unterwegs lebhaft über das Spiel", erzählt er. "Und außerdem: Wenn man merkt, man hat alles richtig gemacht, und einen Menschen gerettet, dann ist es alle Mühen wert." Büttner und Moser stimmen ihm zu. "Das verunglückte Mädchen aus dem Wald hat übrigens überlebt", erzählt Büttner. "Nach ein paar Wochen ging es ihr schon viel besser. Da hab' ich mich wirklich gefreut."