Mit dem Rennsteig um Gäste zu werben, das macht keinen Sinn für einen fränkischen Landkreis, dem es nicht an eigenen touristischen Attraktionen mangelt. So jedenfalls bringt Landrat Christian Meißner (CSU) die Haltung auf den Punkt, die zum Austritt des Landkreises Lichtenfels aus dem Tourismusverein Oberes Maintal - Coburger Land geführt hat. Eine Gebietserweiterung in Richtung Südthüringen war von dessen Geschäftsführung angebahnt und ein neuer Name erdacht worden. In den Slogan vom "grenzenlos fränkischen" Urlaub sollten die thüringischen Nachbarn an vorderster Stelle eingebracht werden: "Rennsteig. Coburg. Obermain."

Nach dem deutlichen Veto aus Lichtenfels kam es schließlich zu der Übereinkunft, künftig getrennte Wege zu gehen. Nach dieser Entscheidung habe er überwiegend positive Reaktionen erhalten, informierte der Landrat am Donnerstag den Ausschuss für Kreisentwicklung, Wirtschaft und Infrastruktur, der zum ersten Mal in der neuen Wahlperiode zusammenkam. Er könne keine Verstimmungen zwischen den einstigen Partnern im Gebietsausschuss erkennen, sagte Meißner, der auch weiterhin Kooperationsbereitschaft mit Coburg signalisierte - aber eben nicht mehr in einem gemeinsamen Gebietsausschuss, sondern in zwei getrennten. Ein entsprechender Antrag beim Tourismusverband Franken ist seit Mitte Juni gestellt. Künftig also will der "Gottesgarten am Obermain" ein eigenes Marketing auf die Beine stellen.

Gebietsausschuss "Gottesgarten"

Der Landkreis Lichtenfels habe genug, womit man Gäste begeistern könne, betonte Meißner, und zählte auf: die Obermain-Therme als Zugpferd, die Wanderregion Fränkische Alb im Raum Altenkunstadt-Weismain mit dem Kordigast, der zur Attraktion weiterentwickelt werden soll, den "Pfad der Flechtkultur" zwischen der Deutschen Korbstadt Lichtenfels und Michelau mit dem Korbmuseum, außerdem den neuen Erlebnispfad Rudufersee.
Da es sich bei der Tourismusarbeit um keine Pflichtaufgabe einer Kreisverwaltung handelt, setzt Christian Meißner darauf, dass sich die Kommunen als Mitglieder im Tourismusverein einbringen und mithelfen, "unsere Pfunde herauszustellen".

Das Selbstbewusstsein fußt nicht nur auf landschaftlicher Schönheit, sondern auch auf statistischen Zahlen: Der Landkreis Lichtenfels hatte im bisherigen Verbund den größten Anteil an den Übernachtungszahlen, wie Meißner herausstellte, nämlich 59 Prozent, während der Landkreis Coburg auf 30 Prozent und die Stadt Coburg auf 11 Prozent kamen. Und dies, obwohl ein großer Teil von Zimmervermietern hierbei noch gar nicht erfasst wurden, da es sich um Anbieter mit unter zehn Betten handelt.

Über die Neustrukturierung der Tourismus-Arbeit will Meißner den Ausschuss, in dem zwölf Kreisräte vertreten sind, nun laufend informieren.

Gerade in Anbetracht der touristischen Ambitionen will man sich Fördermittel der EU aus dem "Leader"-Programm für ländliche Räume nicht entgehen lassen. Andrea Musiol, die als Mitarbeiterin des Landratsamtes als Geschäftsführerin der LAG (=Leader-Aktionsgruppe) Region Obermain e.V fungiert, erinnerte an die geplante Auftaktveranstaltung am 10. Juli, bei der man sich Anregungen der Bürger für die neue Förderperiode erhofft. Aus den gesammelten Ideen werde dann bis Ende November ein Konzept entwickelt. Die Antragstellung habe bis zum zweiten Quartal 2015 zu erfolgen. Jede Aktionsgruppe kann bis zu einer Million Euro erhalten, wobei sich die Förderung auf 60 Prozent der Kosten für die Umsetzung eines Projektes beläuft. "Wir können was draus machen, der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt", unterstrich Landrat Meißner, der "Leader" als ein "wahnsinnig interessantes" Förderprogramm bezeichnete.

Den Landkreis als Flechtregion, als Naturerlebnisregion oder als Gesundheitsregion weiterzuentwickeln, das sind Ziele, die zu verfolgen sich lohnen kann - im touristischen Sinne, und im Hinblick auf eine Finanzspritze aus Brüssel.

Im Landkreis gerne leben

Es gilt, den Landkreis attraktiv zu machen - nicht nur für Gäste, sondern auch für Menschen, die hier leben oder künftig hier leben wollen. Der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit Hochschulabschluss an der Kreisbevölkerung ist mit 4,2 Prozent "erschreckend niedrig": In Bamberg sind es 15,5 Prozent. Brigitte Glos, Chefin der regionalen Arbeitsagentur, sieht hier Verbesserungsbedarf. Auch sie zeigte den Ausschussmitgliedern aktuelle Zahlen auf. Positiv aber: Was vor vier Jahren zur demografischen Entwicklung prognostiziert wurde, ist so nicht eingetreten, wie Kreisentwickler Andreas Grosch unterstrich. Man werde im Jahr 2028 nach einem aktualisierten und um 3400 Einwohner nach oben korrigierten Ausblick 63 000 Einwohner zählen. Eine Mut machende Entwicklung, wie der Landrat befand. Damit sich diese fortsetzt, wird etwas getan. Helmut Kurz, der aktuell in Vertretung von Dilber Demiray als Zukunftscoach für die Region aktiv ist, gab Einblick in einige Projekte, die hierzu initiiert wurden. Via Internet will man dafür sorgen, dass junge Leute, die zu Ausbildung oder Studium weggezogen sind, in Verbindung mit ihrer Heimat bleiben. Der Facebook-Auftritt myLIF soll die Türen zu einer eventuellen Rückkehr offen halten. 620 "Gefällt mir"-Angaben gibt es in dem Sozialen Netzwerk hierzu bereits.

Im Juli werden im Landkreis 20 Nachwuchskräfte aus dem europäischen Ausland begrüßt. Sie will man, wie Helmut Kurz erläuterte, nicht nur als Arbeitskräfte, sondern als Menschen willkommen heißen.