In der Kreisstadt wurden weitere "Stolpersteine" im Gedenken an verjagte und ermordete jüdische Mitbürger gesetzt. Bürgermeister Andreas Hügerich (SPD) begrüßte dabei ein zweites Mal den Künstler und Initiator dieser Aktion, Gunter Demnig, in Lichtenfels. Am 9. November 2018 hatte dieser die ersten Erinnerungssteine hier gesetzt. Ein dritter Termin wurde bereits angesprochen. Was während des Nazi-Regimes geschehen sei, könne man nicht mehr gutmachen, sagte Hügerich, aber man wolle ein Zeichen setzen, damit es nicht vergessen wird - ein Zeichen gegen Antisemitismus und Fremdenhass, für Offenheit und Toleranz.

Eigens zu diesem Termin war aus Tel Aviv der Enkel eines deportierten Lichtenfelser Ehepaars gekommen, das 1942 umgebracht wurde. Gabriel Hellmann sprach in bewegenden Worten über sich und seine Familie.

Ein Stolperstein ist ein Zeichen gegen das Vergessen. Um elf mit Namen versehene kleine Messingplatten ist die Stadt seit Donnerstag reicher. Zwischen Marktplatz und Bamberger Straße wurden sie vor den einstigen Wohnungen jüdischer Mitbürger verlegt; jede Station eine Erinnerung an Schicksale, an Menschenleben. Den weitesten Weg hatte Gabriel Hellmann auf sich genommen, um dabei zu sein. Er, geboren vor 67 Jahren in Israel, ist der Enkel eines ermordeten Ehepaars. Seine Heimat ist Tel Aviv, aber seine Wurzeln sind hier am Obermain. Er begrüßt mit einem "Shalom", spricht ein gutes Deutsch und bemüht sich gar nicht zu verbergen, wie sehr ihn das Geschehen bewegt. "Mein Vater hat nie über die Eltern gesprochen", berichtet er, und dass er sich zu einer "Generation ohne Großeltern" zähle. Von den 40 Kinder in seiner Klasse hätten zwei oder drei Großeltern gehabt. Dabei sei Opa-sein doch das Beste in der Welt, wie er heute weiß...

Biografien erforscht

Bevor man gemeinsam zu der Stelle kommt, wo Max und Kathinka Hellmann wohnten, berichten Schüler des Gymnasiums gemeinsam mit ihrem Lehrer Manfred Brösamle-Lambrecht von dem, was sie in einem Geschichtsseminar über die jeweiligen Familien herausgefunden haben. Diese Forschungsarbeit geht weiter, wie Stadtarchivarin Christine Wittenbauer aufzeigt.

Gunter Demnig setzt derweil schweigend die Steine. Mitarbeiter des Bauhofs assistieren. Manchmal genügt ein Stemmeisen, manchmal braucht es die Schlagbohrmaschine dazu, um den Untergrund vorzubereiten. Aber immer geht der Künstler in die Knie - eine Tätigkeit mit Symbolcharakter. In Israel kennt man das Projekt und schätzt es sehr, erfahren die Umstehenden von dem Gast aus Tel Aviv. Man habe ihm aufgetragen: "Wenn Du Demnig triffst, sag ihm danke!"

Es ist ein sonniger Vormittag in Lichtenfels. Passanten gehen vom Einkauf oder anderen Erledigungen kommend vorbei, manche eilig, manche innehaltend - neugierig, was da geschieht, warum hier Rosen niedergelegt werden.

Aus heutiger Sicht sei es kaum zu glauben, was vor 80 Jahren geschehen ist, sagt Gabriel Hellmann. Heute zeige er als Reiseleiter in Israel Deutschen sein Land. Die Verbindung der Menschen ist ihm wichtig, er spricht ein Gebet auf Hebräisch, das Amen findet ein Echo. Am Schluss eine Umarmung mit dem Bürgermeister. Eine Geste, die in Erinnerung bleibt.

An Josef Motschmann erinnert

Josef Motschmann (1952-2016) war Forscher und Kenner der Geschichte der Juden am Obermain. Seine Heimatgemeinde Altenkunstadt ernannte ihn zum Ehrenbürger. Im Lichtenfelser Rathaus, vor dem Setzen weiterer Gedenksteine für ehemalige jüdische Mitbürger, begrüßte Bürgermeister Hügerich am Donnerstag auch Motschmanns Witwe Elfriede Fischer. Sie und ihre Familie pflegen seit Jahren freundschaftliche Bande zu dem Gast, den die Stadt zu dieser Gedenkveranstaltung eingeladen hatte: Gabriel Hellmann aus Tel Aviv. Er ist der Enkel von Max und Kathinka Hellmann. Max Hellmann war Altenkunstadter und als Hausierer tätig. Ein Lottogewinn 1937 ermöglichte es ihm, mit seiner Familie nach Lichtenfels zu ziehen und dort das lange ersehnte eigene Geschäft, ein Fachgeschäft für Schmierstoffe, zu eröffnen. Doch das Glück währte nur kurz: Das Ehepaar wurde 1942 aus Lichtenfels deportiert und ermordet. Sohn Siegfried (*1920), gelang die Flucht.

Gabriel Hellmann berichtete, dass der frühere Altenkunstadter Bürgermeister Fred Hermannsdörfer Kontakt zu seinem Vater aufgenommen und zu einem Treffen eingeladen hatte. Daraus sei eine Freundschaft entstanden. Auch an Motschmanns Verdienste erinnerte er: "Er sollte heute hier sein."

Ausstellung erneut zu sehen

In einem Geschichtsprojekt haben Schüler des Meranier-Gymnasiums Lichtenfels die Biografien ehemaliger Mitbürger erforscht, deren Führerscheine 1938 eingezogen worden waren, weil sie Juden waren. "13 Führerscheine. Dreizehn jüdische Schicksale" heißt die Ausstellung, die das Kultusministerium mit dem Bayerischen P-Seminarpreis ausgezeichnet hat. Sie ist bis Ostermontag erneut in der ehemaligen Synagoge in Lichtenfels zu sehen.

Bis Ostern in der Synagoge

Die Öffnungszeiten: Samstag/Sonntag, 6./7. April, und Dienstag, 9. April, jeweils 14 bis 17 Uhr; Donnerstag. 11. April, 16 bis 20 Uhr; Dienstag, 16. April, 14 bis 17 Uhr; Donnerstag, 18. April, 16 bis 20 Uhr, Samstag/Sonntag/Montag, 20./21./22. April, 14 bis 17 Uhr.

Stellvertretender Landrat Helmut Fischer (CSU) wünschte der Ausstellung erneut viele Besucher.

Im Vorfeld der Verlegung weiterer "Stolpersteine" dankte er der Stadt Lichtenfels für ihr Engagement. "Man muss sich auch dem Unangenehmen stellen." Er selbst zählt zur Nachkriegsgeneration, von der er sagte: "Wir haben manchmal unser Problem mit Schuldzuweisungen. Aber vergessen - das dürfen wir nicht."