Jener sei der einzige Kabarettist, der nebenbei eine Großstadt regiert, lobte einst Dieter Hildebrand die humorige Ader des seinerzeitigen Münchner Oberbürgermeisters Christian Ude. Auch bei der Feier zum 100-jährigen Bestehen des SPD-Ortsvereins Bad Staffelstein in der Peter-J.-Moll-Halle legte der heute 71-jährige Sozialdemokrat einen verbalen Auftritt aufs Parkett, der auch die Ehrengäste anderer Fraktionen schmunzeln ließ.

Ganz bewusst hatte sich der Ortsverein zu seinem "Runden" etwas Besonderes einfallen lassen, verzichtete bei der Gestaltung der Feier auf viele Reden und Ehrungen. Freilich skizzierte Ortsvorsitzender Dieter Leicht wichtige Eckdaten aus 100 Jahren Sozialdemokratie in der Adam-Riese-Stadt.

Am 6. März des Jahres 1919 wurde unter dem damaligen Vorsitzenden Martin Schmeußer in der Gaststätte "Zur Post" die "sozialdemokratische Sektion Staffelstein" ins Leben gerufen. Kurze Zeit später, am 1. Mai, stellte die Partei ihre ersten Kandidaten für die Kommunalwahl auf. Die Tatsache, dass auf der damaligen Liste mit der Taglöhnersgattin Barbara Lauer nur eine einzige Frau stand, kommentierte Leicht mit den Worten: "Da hat sich seitdem viel zum Guten verändert."

Dem unrühmlichen Kapitel des "Dritten Reiches" folgte die Neuzulassung der SPD 1945 (nachdem in Folge des Naziregimes die Parteien verboten worden waren).

Willy Brandt in Staffelstein

Unvergessen bleibt dem SPD-Ortsverein der Kurzbesuch von Willy Brandt 1972. Den größten Erfolg bildete im Jahr 2000 die Wahl von Georg Müller zum Bürgermeister. Der heutige Stadtrat wohnte der Feier ebenso bei wie weitere Vertreter des Ortsvereins und des Kreisverbandes mit dem Lichtenfelser Bürgermeister Andreas Hügerich, Kreisvorsitzendem Sebastian Müller und der Fraktionsvorsitzenden im Kreistag, Monika Faber.

Das parteienübergreifende, konstruktive Miteinander wurde durch das Erscheinen so manchen Kommunalpolitikers anderer Parteien betont. Dass sich der Ortsverband anlässlich seines "Hundertjährigen" bessere politische Rahmenbedingungen, sprich Umfrage- und Wahlergebnisse, gewünscht hätte, steht außer Frage. Dieter Leicht nahm das mit Humor: "Sieht man sich die Zahlen der vergangenen Jahre an, steht SPD leider nicht für siebenundreißig Prozent durchschnittlich." 100 Jahre seien dennoch ein Grund zum Feiern.

Ude gewann im Handumdrehen das Herz der zahlreichen Zuhörer. Von schwungvollem Charakter war schon der erste Abschnitt seiner Ausführungen, in dem er über wichtige Väter der bayerischen Sozialdemokratie sprach. Viel zu verdanken habe man Georg von Vollmar, dem ersten Vorsitzenden der bayerischen SPD. Allerdings wäre diesem fast ein schnödes Brotzeitmesser zum Verhängnis geworden, welches Vollmar im sächsischen Landtag vergessen hatte und weswegen er - natürlich völlig an den Haaren herbeigezogen - beinahe wegen unerlaubten Waffenbesitzes bestraft worden wäre.

Nach nicht minder kurzweiligen Ausführungen über die friedliche Revolution 1918, die bekanntlich das Ende des Königreichs Bayern besiegelte, meinte Ude im weiteren Verlauf: "Es soll sogar langjährige SPD-Mitglieder geben, die nicht wissen, dass die bayerische Verfassung von einem Sozialdemokraten entworfen wurde." Keineswegs oberlehrerhaft, vielmehr kumpelhaft, unkompliziert und mit einem Augenzwinkern, wie es seine Art ist, sprach er in diesem Zusammenhang über Wilhelm Hoegner. Als junger Jurastudent habe er, Ude, das Glück gehabt, Hoegner, der einst den Verfassungsentwurf erarbeitet hatte, für ein Staatsexamen interviewen zu dürfen. Vor dem Hintergrund, dass in der bayerischen Verfassung viele wichtige Punkte von Grundrechten über Wohnungsprogramm bis zur kommunalen Wasserversorgung verankert wurden, sei es Hoegner sauer aufgestoßen, wenn Konservative ihn immer wieder nur auf den ebenfalls in die Verfassung aufgenommen "Schwammerl-Paragrafen" angesprochen hätten, der besagt, dass sich jedermann die Früchte des Waldes aneignen darf.

Als der frühere Oberbürgermeister Szenen und Erlebnisse aus seinem eigenen politischen Leben zum Besten brachte, lief er zur Hochform auf. Die Zuhörer genossen es, wie er launig vom "Schwabinger Toni" erzählte, einem Pförtner im Münchner Zeitungsverlag, wo Ude Redakteur war.

Das erste "Ozapfen"

"Werd' doch OB, do musst bloß ozapf'n könna", hatte man ihm einst in Verkennung der eigentlichen Aufgaben eines Münchner Oberbürgermeisters auf den Weg gegeben. Und bekanntlich wurde Ude Jahrzehnte später - und das am Ende gleich viermal - zum selbigen gewählt. Für Heiterkeit sorgte seine Schilderung, wie er sich auf seinen ersten "Wies'n"-Anstich vorbereitete. Als Gabriele Weishäupl, damals Direktorin des Münchner Tourismusamtes, mitbekam, dass Ude Linkshänder ist, war sie mit den Nerven am Ende: "Sie sind ja ein Linker! Eine Katastrophe! Wir müssen alles umbauen", habe sie gerufen. In der leeren Küche einer Münchner Brauerei habe er heimlich geübt und riesiges Lampenfieber verspürt vor dem Hintergrund, dass das Prozedere ja sogar im fernen Osten übertragen wird. Als es endlich soweit war, saß der dritte Schlag aufs Fass. Ude allerdings legte mit dem Schlegel zur Sicherheit noch ein paar Mal nach, bis ihm jemand aufgeregt "Aufhören, aufhören!" zurief.

Aufrüttelnde Lieder

Der Auftritt Udes war ein Volltreffer. Auf den Gesichtern in der Menge sah man ein Lächeln, als er schließlich den Staffelstab an Erik Konietzko weitergab. Der junge Liedermacher aus Bad Staffelstein umrahmte die Feier musikalisch mit einfühlsamen, aber auch gesellschaftskritischen Songs wie "Sage nein" von Konstantin Wecker.

Spende statt Gage

Ude verzichtete übrigens auf eine Gage, stattdessen wurde für einen sozialen Zweck gespendet (ein Betreutes-Wohnen-Projekt der Caritas).