Wie soll die Kreisstadt mal aussehen, so um 2030 herum? Zu dieser Frage gibt es Themenfelder und zu diesen seit Mai eine Art Gedankenmobilmachung auch unter Einbeziehung der Bürger. Am Montagabend war wieder Bürgerversammlung. Diesmal aber nicht im Stadtschloss, sondern in der Stadthalle. Große Ideen brauchen Platz.

Es sollte "die etwas andere Bürgerversammlung" werden. Das erkannte man schon an den Autos vom Stadtbauhof, die vor der Stadthalle standen, das sah man an der irgendwie festlichen Beleuchtung in der Stadthalle, das sah man zudem an den sechs Nischen mit Stehtischen, die nach dem üblichen Programmpunkt, wonach Bürger fragen und Beschwerden vorbringen können, Anlaufstationen für Ideen und Austausch mit Vertretern der Stadtverwaltung oder projekteingebundenen Bürgern werden sollten. Und es stand auch auf den ausliegenden Flyern, auf deren Rückseite man ankreuzen konnte, auf welchen der 26 Themenfeldern zwischen Ehrenamt, Ausbau der Kommunikationssysteme, Grundschulkonzept oder Wohnraumbedarf man seine Erfahrungen oder Fachwissen für die Vision eines Lichtenfels im Jahr 2030 zur Verfügung stellen möchte.

Mehr eine Ü60-Party?

Das, was hingegen nicht anders als sonst war und den Trend nicht verließ: der Altersschnitt der wohl 250 Anwesenden im Foyer der Stadthalle. Zumindest an diesem Abend mochte es scheinen, als ob Bürgerbeteiligung und Bürgerversammlung mehr so eine Domäne der Ü50, wenn nicht gar der Ü60 ist. Aber das Bild würde trügen, denn wie Stadtkämmerer Dominik Först auf der Bühne stand und seinen Part des obligaten städtischen Rechenschaftsberichts über das Jahr 2019 vortrug, da erwähnte er auch den ausgesprochen hohen Rücklauf bei jüngst an junge Eltern ausgesendeten Fragebögen. Über 50 von insgesamt 100 Adressaten hätten tatsächlich Wünsche und Anregungen rund um die Konzeptionierung von Kindertagesstätten geäußert und auch bei der Stadtverwaltung eingereicht. "Sie werden jetzt ausgewertet", so Först.

Die Stadt soll sozial-integrativ werden, ein Wirtschaftsstandort, der Städtebau soll gefördert werden, grün soll Lichtenfels auch werden, eine Stätte herausragender kommunaler Bildung zudem und das unter Steigerung der Mobilität. In ausliegenden Broschüren konnte man auch nachlesen, wie die einzelnen Zielsetzungen konkret lauten, in welchen zeitlichen Stadien Fortschritte verlaufen oder zu erwarten sind. Oder was aktueller Sachstand ist.

Einen solchen bot eben auch das Referat zum nun bald abgelaufenen Jahr aus Sicht und mit Zahlen der Stadtverwaltung. Laut diesem Referat sei 2019 der dritte Haushalt in Folge ohne Neuverschuldung bei gleichzeitigem jährlichem Schuldenabbau um rund eine Million Euro. Auf 16,8 Millionen Euro bezifferte Bürgermeister Andreas Hügerich den aktuellen Vermögenshaushalt der Stadt, aus welchem Investitionen möglich wurden.

Wohin das Geld fließt

Diese flossen hauptsächlich in Straßen- und Kanalbau, Wohnen und Gewerbe sowie Kinderbetreuung und Schulen. Auch bekräftigte Hügerich die Sinnhaftigkeit des Projekts Marktplatz 10 als "Verbindung zum Stadtschloss". "Hier waren Sie unglaublich wertvoll", so das Stadtoberhaupt an die Bürger gewandt. Eben deren Vorstellungen flossen in drei Architekturentwürfe ein, die noch in diesem Monat im Stadtrat besprochen würden.

Lichtenfels, das war der Eindruck, der sich laut Referat bot, ist derzeit reich an Erfolgsgeschichten. Und die, wie immer in der Amtszeit Hügerichs, an dem Wort "Gemeinsam". So wie das für die Kirschbaummühle angestrebte FADZ (Forschungs- & Anwendungszentrum für digitale Zukunftstechnologien). "Es ist ein Sinnbild dafür, was wir als Stadt erreichen können (...), wenn wir gemeinsam handeln."

Doch irgendwann, nach all den Zahlen, den Einblicken zur gedachten Umrüstung des Stadtbauhoffuhrparks, den Zwischenstandberichten und Erfolgsaussichten, hatte auch der Bürger das Wort. Doch dabei sollte mit fünf Meldungen nicht nur die Zahl der sich zu Wort Meldenden gering bleiben, sie hatten mitunter auch Petitessen vorzubringen. So suchte jemand die Lichtenfelser dafür zu sensibilisieren, wortwörtlich mehr vor der eigenen Haustür zu kehren und ein anderer wollte in der Gabelsbergerstraße eine Tempo-30-Zone erblicken.

Die "Rennstrecke" vor dem Haus

Konrad Reheuser konfrontierte Günther Lorenz, seines Zeichens Sachgebietsleiter für Stadtplanung, Baurecht und Verkehrswesen damit, dass besagte parallel zu einer Hauptverkehrsstraße verlaufende Straße "zu einer Rennstrecke" verkommen sei. "Wir werden das nicht mehr hinnehmen", so der Mann weiter. Eine Unterschriftenaktion in der gesamten Straße habe es auch gegeben. Ob diese wirklich Aussagewert besitzt, kann aber angezweifelt werden. Zumindest ein Anwohner (Name ist der Redaktion bekannt) erklärte auf Nachfrage, dass er nie von einer solchen Aktion erfahren habe. Und Lorenz konnte Reheuser keine Hoffnung auf eine Tempo-30-Zone machen. Zum einen, weil es verdeckte Tempomessungen gab, die keinen Hinweis auf Rennstrecke erbrachte, zum anderen, "weil die Straßenverkehrsordnung vorgibt, wo man Geschwindigkeitsbegrenzungen machen kann und wo nicht. Die Gabelsbergerstraße gibt das nicht her".

Auf Rentners Lothar Hornungs Frage, wie sich ein Genossenschaftsgedanke zwecks Wohnraumschaffung und der Baulichkeit der Maiacher Stiftung in der Nordgauer Straße vertrüge, antwortete Hügerich, dass er selber gerne "drei, vier Schritte weiter wäre", dass aber die Klärung der Vermögensverhältnisse der Stiftung Priorität vor weiteren Gedankenspielen haben müssten. All das geschah in 105 Minuten. Dann leerte sich der Saal, wobei an den Tischen mit den Ansprechpartnern noch etwas Andrang herrschte.