Über 5000-mal wurde die im Internet verbreitete Nachricht gelesen: Familie Holl ist beklaut worden. Nur wenige Tage, nachdem es in der Selbstbedienungs-Verkaufsstelle für Eier, Wurst, Käse und andere landwirtschaftlich erzeugte Produkte auch Eiernudeln gab, betrug die Diebstahlquote 40 Prozent. Vertrauen gegen Vertrauen: Die Nudeln, die ein Betrieb im Raum Erlangen aus den von den Holl-Hühnern produzierten Eiern herstellt, befinden sich nicht im abgeschlossenen Kühl-Automaten, sondern in einem Regal daneben.

Wie beispielsweise beim Kauf von selbstgeschnittenen Blumen am Feld ist eine sogenannte Vertrauenskasse angebracht, in die der Preis für jede entnommene Packung einzuzahlen ist. Diese Methode hatte seit Eröffnung des speziellen Ladens in der Siemensstraße im Januar auch mit Kartoffeln, Heu- oder Strohballen funktioniert. Dann aber die Enttäuschung. Junior Simon Holl, der das Soziale Netzwerk Facebook ausschließlich geschäftlich nutzt, machte diese negative Erfahrung öffentlich bekannt - verbunden mit der Botschaft, sollte diese Art der Selbstbedienung so anhalten, werde man die Nudeln wieder aus dem Angebot nehmen.


Vertrauenskasse

Die Resonanz war riesengroß. Viele kommentierten die Nachricht und machten ihre Missbilligung deutlich. Ob's der oder die Betreffenden gelesen haben? Auf alle Fälle stimmen jetzt die Münzen in der Kasse wieder, wie Holl berichtet. "Wenn mal etliche Cent drin sind und ein geringer Fehlbetrag besteht, merkt man genau, dass da einer wohl bloß nicht mehr genug Kleingeld einstecken hatte." Oft sei am Tag darauf dann ein kleiner Mehrbetrag feststellbar - Zufall oder bewusste Nachzahlung? Das lässt sich natürlich nicht mehr nachvollziehen. Aber irgendwie doch eine Art Gerechtigkeit im System.

Nun setzt die Bauernfamilie darauf, dass das so bleibt. Ihre mutige Geschäftsidee ist aus verschiedenen Überlegungen heraus entstanden, wie Simon Holl im Gespräch erläutert. Die inzwischen in dritter Generation betriebene Landwirtschaft basierte auf Milchviehhaltung und Rinderzucht. Größenwachstum sei im Obermaintal aber nur schwer möglich, merkt der 30-Jährige an, der zunächst beruflich im Außendienst für Züchter in Niedersachsen und Schleswig-Holstein unterwegs war. Für einen Hofladen erschien der eigene Standort Stöcken (ein Ortsteil von Lichtenfels-Schney) nicht geeignet. Der Hof, den Simon Holl zusammen mit seinen Eltern im Rahmen einer GbR betreibt, sei einfach zu abgelegen. "90 Prozent der Navis finden uns nicht."

Das wenige Kilometer entfernte Michelau mit entsprechendem Durchgangsverkehr war erfolgversprechender.
Einen Nachteil der ausgelagerten und auf Selbstbedienung basierenden Verkaufsstelle sieht der junge Landwirt darin, dass es kaum direkten Kundenkontakt gibt, obwohl er zweimal täglich vor Ort ist, um sich um die Tiere zu kümmern und nach dem Rechten zu sehen. Deshalb überlegt er, nach der arbeitsintensiven Erntezeit einmal gezielt zu einem Info-Nachmittag einzuladen. Denn Interesse besteht schon an dem Hühnermobil, das hat er gemerkt. "Manchmal werde ich angesprochen."


Durchdachtes System

Der Hühner-Anhänger ist ein ausgeklügeltes System. Auf der einen Seite befinden sich die Nester mit den Eiern, auf der anderen die Plätze, auf die sich das Federvieh zum Schlafen zurückzieht. Der mobile Stall öffnet die Türen automatisch und tageszeitabhängig - auch zum Schutz der Tiere etwa vor dem Fuchs. Es gibt einen Sonnenschutz und schattige Randbereiche. Der Weg, der daran vorbeiführt, wird von Spaziergängern und Joggern gut frequentiert. Sowohl auf dem Anhänger als auch im Verkaufsraum steht zudem eine Handy-Nummer, an die sich Interessierte wenden können. Einblicke in den mobilen Stall gewährt die Familie gern. "Wir haben nichts zu verbergen."

Die Investition in diese Art der Hühnerhaltung war wohlüberlegt. Der Großteil der Geflügelhaltung in Deutschland gefalle ihm auch nicht, räumt Simon Holl ein. Das Tierwohl sollte einen hohen Stellenwert haben, die Erzeugung transparent sein.

Die Methode mit dem Stall-Anhänger und wechselndem Standplatz sei teurer als der Bau einer konventionellen Unterkunft, der Betrieb arbeitsintensiver. Trotzdem wagte man diese Investition und hoffte darauf, dass dies auch Leute zu schätzen wissen, die dann bereit sind, ein paar Cent mehr für frische Eier zu bezahlen. Zehn Stück kosten drei Euro, die Sechser-Packung 1,80 Euro.

"Die Hühner finden's klasse", sagt Holl. Und ein bisschen Werbung für den Berufsstand sei es ja auch: "Man muss die Verbraucher mitnehmen."