Geschichtsinteressierte konnten am vergangenen Freitag bei einem heimatkundlichen Vortrag im Jugendheim in Ebensfeld die Zeit eines großen landwirtschaftlichen Betriebs nacherleben. "Zur Geschichte eines oberfränkischen Gutshofes - vom mittelalterlichen Ansitz zur Keimzelle des Bezirksklinikums Obermain Kutzenberg" lautete das Thema von Anton Zenk vom Colloquium Historicum Wirsbergense, der Entwicklung und des Niedergangs des Gutshofes Kutzenberg beleuchtete.

Heute, im Jahr 2018, ist an der Stelle der ehemaligen Gutshofsansiedelung die Anlage des Bezirksklinikums Kutzenberg vorzufinden. 1900 wurde dort die erste Obstplantage angelegt, die Früchte in "hervorragender - heute würde man sagen Bio-Qualitat", so Zenk, lieferten. Auch heute sind noch einige der 100 Jahre alten Bäume vorzufinden, deren Ertrag jedoch allenfalls als Futter für die Tiere dient und ansonsten tonnenweise verfault, wie der Referent zu Bedenken gibt.


Schon im Jahr 802 erwähnt

Erste Erwähnungen des Gutshofs datiert Zenk auf 802: Die Herren von "Chozzinberg"(Kutzenberg) wurden im Zusammenhang mit der Herren von "Brahtingen"(Prächting) und den Herren von "Ansberg" (Veitsberg) genannt. Als Gutshof der Bamberger Hofkammer hob sich dieser mit besonderen Rechten wie ausgedehnten Weiderechten hervor. Ab 1403 werden die ersten Lehensherren, Hans Seelmann, und 200 Jahre später Familie Senger genannt, deren Ära jedoch mit einer Viehseuche, der nicht nur der gesamte Viehbestand, sondern auch Familie und Angestellte zum Opfer fallen, ein tragisches Ende findet.

Nach dem Erbantritt von Johannes Senger verkaufte dieser schon kurz darauf, 1606, an die Gemeinde Prächting. Von da an wechselten die Besitzer - Verwalter, Gutsinspektoren und andere einflussreiche Familien - häufig. 1796 fiel nach Zerschlagung des Hofes in zwei gleiche Teile, die Hälfte an Ignaz Müller, einen gebürtigen Ebensfelder, und die andere an den Schwiegersohn Johannes Adam Zillig aus Wolfsdorf.

Mit der Säkularisation 1803 kam es zu einer Wende in den Besitzansprüchen. Die Lehensherren, darunter vor allem Klöster, die bis zu diesem Zeitpunkt noch Abgaben der Bauern gnadenlos eingefordert hatten, mussten nach ihrer Entmachtung den Besitz an den Staat abgeben. Grundstücksflächen sowie Wohn- und Wirtschaftsgebäude wurden den Bauern zur weiteren Bearbeitung kostenlos zugestanden.


Mit Rübenzucker gescheitert

1827 entschloss sich der 1777 in Mellrichstadt geborene Bauer Christian Hohmann, der erste staatliche Verwalter des Gutes, ein in seinen Augen lukrative und durchaus umsetzbare Großprojekt zu starten: Auf dem Gut Kutzenberg solle eine Rübenzuckerindustrie entstehen. In seinem Antrag im Februar 1836 an den Bayrischen Regierungsbezirk Oberfranken wird deutlich, wie überzeugt er von der "neuesten und zuckerergiebigsten Methode" der Zuckergewinnung ist: "Die Fabrikation geht unglaublich schnell vonstatten. Aus den Rüben, welche am Morgen in die Fabrik geliefert werden, erhält man am Abend desselben Tages den fest kristallisierten Zucker, welcher sofort in die Trockenstube gebracht werden kann", so dem Schriftverkehr mit dem Bayrischen Regierungsbezirk zu entnehmen.

Dass der mit dieser überschwänglich angepriesenen Fabrikationsmethode angestrebte jährlichen Ertrag von 30 000 Zentner Rüben nicht mit Leiter- und Mistwagen, die Zenk als Dia zur Veranschaulichung seinen amüsierten Zuhörern zeigt, zu transportieren gewesen wären, schien Hohmann nicht bedacht zu haben. Die Konkurrenz durch die Zuckerfabrik in Redwitz des königlichen Oberleutnants Georg Phillip Freiherr von Redwitz sowie fehlende Geldgeber veranlassten den anfangs noch optimistischen Hohmann das Gut Kutzenberg 1841 weiterzuverkaufen.

1890 erwirbt ihn Ernst Stoll aus Nürnberg, der "erste Gutsverwalter mit geordneten Verhältnissen", so Zenk. Nach dem Verkauf 1904 an den Bezirk Oberfranken übernahm Gutsinspektor Josef Mühlbauer die Rolle des Gutsverwalters.

Heute zeugt nur noch wenig von dem einst so stolzen Gutshof Kutzenberg. Im Zuge des Fortschritts wurden landwirtschaftliche Stallungen und Einrichtungen größtenteils eingerissen. Mit dem Anbau von Mais und Futtergetreide auf den Acker- und Wiesenflächen wird Strom und Wärme erzeugt. Was bleibt sind die alten Fotos. "Und diese Bilder erinnern an die ,gute alte Zeit', eine ,Bio-Zeit', in der die Angabe eines Verfalldatums noch nicht nötig war", erklärt Anton Zenk mit einem andächtigen, vielleicht auch etwas wehmütigem Lächeln.