Herbert Mengesdorf begegnet seinem Lieblingsplatz mit beständiger Regelmäßigkeit. Wenn der Ebensfelder aus dem Haus tritt, dann dreht er seine Runde. Seinetwegen und auch wegen des Hundes Cora. Herbert Mengesdorf wendet sich also nach links, geht am Main entlang zu einem Wegkreuz, bald darauf zu einem idyllischen Platz am Wasser und kehrt - zumindest im Sommer - an Sträuchern entlang wieder heim. Seine Lieblingsplätze am Obermain befinden sich entlang einer vertrauten Tour. Diese Orte sind voller Gedanken, Hoffnungen, gelöster Momente.

"Da sitze ich stundenlang und schicke meine Gedanken auf Reisen. Ins Weltall." Mengesdorf schätzt die Abgeschiedenheit an einer ruhigen Stelle des Mains. Platz zum Überlegen, Raum zum Empfinden. "Das ist Überschwemmungsgebiet, da hat man die Natur in Ruhe gelassen", so der Rentner, der sich als Musiker einen Namen gemacht hat. Aber auch wenn die Natur dort für ihn so angenehm in Ruhe gelassen wird, stört sich der ältere Herr bisweilen doch an etwas. Darum, so sagt er, habe er manche Weiden von dem freigelegt, was der Fluss so mit sich führte: Schlamm, Morast, Stöcke, Dreck. Ansonsten ist das "heile Welt dahinter", mit Paddlern die freundlich vom Fluss aus winken, Paddlern, denen man den eigenen Hund im Scherz als Seehund verkaufen kann.


Blick geht einfach "nur ins Leere"

Die meisten Gedanken, die er hier im Beisein von Blässhühnern oder Enten hat, sind musikalischer Natur. Er staunt darüber, dass die Vögel nicht vor seinem Hund fliehen. Der ist gutmütig, aber das sieht man ihm ja schließlich nicht an. "Die gehen nicht weg, die haben wohl Erfahrungswerte", folgert Mengesdorf. Oft aber gehe hier an diesem Ort sein Blick einfach "nur ins Leere" und er sauge die Natur auf.

Anders am Kreuz. Nur Natur ist hier nicht. Mengesdorf ist gläubiger Katholik, und auch wenn es sich hier behaglich bis zum Veits- und Staffelberg schauen lässt, so kommt sein Blick doch nicht an Jesus vorbei. Denn dieses von Clemens Muth geformte Feldkreuz hat eine Aussage, eine Zweigeteiltheit. Eine Botschaft? Mengesdorf meint: ja. Seine Frau habe ihn darauf hingewiesen, denn sie habe im Gesicht des Gekreuzigten gelesen: Die linke Gesichtshälfte wirke gequält, der linke Arm scheine zum Boden zu deuten; die rechte Gesichtshälfte werde von befreiten Zügen umspielt, der rechte Arm deute zum Himmel. Herbert Mengesdorf ist überzeugt, dass es jedem ins Stammbuch geschrieben ist, wann der Tag der Abreise kommt. Täglich zieht es ihn zu diesem Kreuz hin. Werktags betet er dort ein Vaterunser, sonntags zwei. Zu Jahreswenden drei. Laut und vernehmlich. Weil man eben dankbar sein sollte, wenn es einem gut geht. Und weil das Leben schön ist.