Matthias Pensel ist mit der Stadt eng verbunden. In seinen Hausflur hat er sich sogar die "Skyline" seiner Stadt an die Wand malen lassen. Irgendwo in dieser Skyline findet sich sein Lieblingsplatz am Obermain: eine Nische am Rathaus, eine kleine Mauer für den entspannt gerauchten Zigarillo zwischendurch. Mit Blick nach Westen wird der Mittvierziger dort zum Fotochronisten, hält Veränderungen im Ortsbild fest. Sommers wie winters.

Einen begeisterten Burgkunstadter, nennt er sich. Wenn er zu seinem Lieblingsplatz schreitet, dann nicht immer alleine. "Ich führe Bekannte und Freunde gerne an diesen Ort, um die Ästhetik zu teilen", sagt Pensel. Aber worin liegt die Ästhetik? Da wäre zum Beispiel die Gewissheit, am höchsten Punkt von Burgkunstadt zu sein, umgeben von Fachwerk und einer gepflegt beschaulichen Altstadt. Da wäre auch der Sitzplatz auf der alten Mauer. Kein bloßes Lungern, sondern ein meditatives Sitzen, bei dem man über alle möglichen Facetten des menschlichen Lebens sinnieren kann. Pensel denkt über die Liebe nach, über seine pubertierenden Kinder, über finanzielle Belange. Er genießt die Gegenwart historischer Gebäude und, das Rathaus im Rücken, den Blick in die Ferne schweifen zu lassen.

Manchmal aber begibt er sich relativ zweckfrei hierher, nur um dem Tag einen gefälligen Ausklang zu ermöglichen. Seinen Lieblingsort hat Pensel in seinem Alltag untergebracht.

Es kann ungemütlich an seinem Lieblingsplatz werden, zugig, windig, verregnet. Der Wind kann durch die Ritzen der drei Fahnenmasten am Rathaus pfeifen. "Jede Jahreszeit gibt meinem Plätzchen einen gewissen Charme, verändert aber auch meine Wahrnehmung und die Nutzung."

Kälte und Wind halten den Versicherungskaufmann jedenfalls nicht von einem Besuch ab - er macht es sich halt windgeschützt. Dann grüßt er gerne andere Burgkunstadter und findet Gefallen daran, selbst gegrüßt zu werden. "Die Anonymität anderer Städte mag ich nicht. Ist bestimmt auch Ausdruck meiner Heimatverbundenheit. Ist auch ein bisschen Stolz auf mein Burgkunstadt."

Wenn er auf seiner Mauer sitzt, dann freut sich der 46-Jährige auf einen Plausch mit Passanten, aber im Regelfall ist es ein intimer Ort, selbst wenn er ihn mit Telefon und Handy bewaffnet aufzusuchen in der Lage ist. Seit 16 Jahren wohnt er ganz in der Nähe. Die Mauer am Rathaus bietet ihm Überblick. Über die Heimat und über eigene Befindlichkeiten. Der Kordigast ist von hier aus zu sehen, die Stadtpfarrkirche von Altenkunstadt, die Gärten, die unter der Oberen Stadt liegen. Mit der Kamera hält er gerne die Veränderungen im Ortsbild fest. Ein Chronist durch Bilder. Matthias Pensel spielt mit dem Gedanken, die Skyline im Hausflur bald um ein paar Szenen zu erweitern.