Das tat man auch im Altenkunstadter Ortsteil Strössendorf, der überwiegend von evangelischen Gläubigen bewohnt wird. Pfarrer Christian Brecheis pflanzte zusammen mit Bürgermeister Robert Hümmer und Vorsitzenden Jürgen Ros vom örtlichen Obst- und Gartenbauverein im Strössendorfer Schlossgarten eine Linde. Im Unterschied zum turbulenten Zeitalter der Reformation und Gegenreformation, von dem Bezirksheimatpfleger Günter Dippold bei seinem Vortrag in der Kirche St. Katharina erzählte, schwebte der Geist der Ökumene über den symbolischen Akt. Ganz in diesem Sinne stellte Ros fest: "Möge in 500 Jahren, wenn der Baum die Hälfte seiner Lebensspanne erreicht hat, das Gemeinsame und nicht das Trennende zwischen den beiden Kirchen im Vordergrund stehen." Eine Äußerung, die sich auch der Geistliche anschloss, der in seiner Rede den gedanklichen Bogen von der Baumpflanzung zum christlichen Glauben spannte. "Lassen Sie die Lebenskraft Gottes in Ihre Herzen einziehen, umso mehr wächst und gedeiht auch Ihr Glaube", sagte er. "Möge der Baum gedeihen, wachsen und Früchte tragen", wünschte Baron Christoph von Seckendorff, der verhindert war, in einem Brief, den Ros verlesen hatte. Bürgermeister Robert Hümmer berichtete Wissenswertes über die Linde, die einst in den Dörfern Treffpunkt von Jung und Alt gewesen war.
Auf Einladung der Bezirksgruppe Burgkunstadt/Altenkunstadt des Geschichtsvereins Colloquium Historicum Wirsbergense spürte Günter Dippold der regionalen Kirchengeschichte im 16. und 17. Jahrhundert nach, als sich auch am Obermain der neue Glaube ausgebreitet hatte. Bevor sich der Historiker und Bezirksheimatpfleger der eigentlichen Materie zuwandte, plauderte er aus dem Nähkästchen seiner Vorfahren: "Ich bin katholisch. Meine Mutter war evangelisch. Ein Vorfahre von ihr hat bei Martin Luther studiert." Dippolds Urahn passte ins Bild, das der Historiker von der Zeit vor der Glaubensspaltung zeichnete, die von einer tiefen und zugleich aufgewühlten Frömmigkeit geprägt gewesen war. "Die von ihm eingeleitete religiöse Grundsatzdebatte fand gerade deshalb eine solche Breitenwirkung, weil damals Religiösität Thema war", betonte der Experte.
Markgraf Albrecht Alcibiades von Brandenburg-Kulmbach hatte die Reformation in Altenkunstadt eingeführt. So kam es, dass in Altenkunstadt zwischen 1553 und 1574 evangelisch gepredigt wurde. "In den 1560er Jahren gab es sogar zwei evangelische Geistliche: den Pfarrer und den Strössendorfer Schlossgeistlichen", berichtete Dippold. Während Altenkunstadt im Zuge der Gegenreformation wieder zum alten Glauben zurückfand, blieben die Strössendorfer protestantisch. Allerdings waren die evangelischen Geistlichen, die seit Mitte des 16. Jahrhunderts in Strössendorf tätig waren, zunächst nur für den Schlossbezirk zuständig. "Wehe, wenn der Geistliche dagegen verstieß, wie im November 1651 der neuberufene Wolfgang Pfaffreuter. Als er ein Ehepaar trauen wollte, kamen Bewaffnete und führten die Hochzeitsgesellschaft zur Trauung nach Altenkunstadt ab", griff Dippold ein extremes Beispiel heraus.
Auch der Dreißigjährige Krieg hatte am Obermain Wunden geschlagen, standen doch Nachbarorte auf unterschiedlichen Seiten. "Die Protestanten hielten zur Union und der evangelischen Schutzmacht Schweden und die Katholiken zum Kaiser. In dieser aufgewühlten Zeit geschah es, dass die Weimainer in Strössendorf Turmuhr und Glocken raubten - und nie mehr zurückgaben." Diese konfessionelle Feindschaft hinterließ Narben. "Deren allerletzte Reste zu beseitigen, ist eine Aufgabe, der wir uns stellen müssen", so der Historiker.
Der evangelische Kirchenchor unter der Leitung von Organistin Valentina Backert hatte den Vortrag mit einer Luthermesse aus der Feder von Thomas Nüdling umrahmt.