Kerstin Vogel war mal Schlecker-Frau. Die Insolvenz des Drogeriemarkt-Riesen beendete eine 13 Jahre lange Phase ihres Berufslebens. So lange hatte die Einzelhandelskauffrau die Filiale in der Bahnhofstraße geleitet, bis diese im Juni 2012 geschlossen wurde. Als eine der letzten, denn sie gehörte zu den gutgehenden Geschäften der Kette. Aber letztlich gab es keine Rettung mehr. In der Arbeitslosigkeit erreichte die ehemalige Marktleiterin ein Anruf. Alfred Kalis aus Burgkunstadt, der Vermieter, fragte sie, ob sie sich vorstellen könne, in dem Geschäft "selber was zu machen". Kerstin Vogel erbat sich Bedenkzeit, doch darüber schlafen musste sie nicht. Wenige Stunden später telefonierten die beiden erneut miteinander, und da hatte sie schon eine mehrseitige Aufstellung für das künftige Sortiment erstellt. "Ohne sie hätten meine Frau und ich diesen Schritt nicht gewagt", sagt Alfred Kalis. Als Vermieter und Inhaber setzte das Ehepaar auf die Erfahrung der einstigen Schlecker-Frau.

Immer auf der Suche

Vor einem Jahr, am 6. Juni 2013, eröffnete der "Drehpunkt Redwitz", auf den ein frischer, roter Anstrich an der Fassade und ein Auszug aus dem Angebot auf zwei Schrifttafeln den Vorbeikommenden aufmerksam machte. Leicht wurde das Unternehmen "eigenes Geschäft" für die Beteiligten nicht. Aber im Gespräch mit ihnen merkt man, wie viel Herzblut sie hier eingebracht haben und immer noch einbringen.
"Meine Frau sucht fast jeden Abend im Internet nach neuen Ideen", erzählt Alfred Kalis. Nischen finden, Dinge anbieten, die es sonst so im Ort nicht gibt, das ist ihr Bestreben.

In diese Bemühungen eingebunden ist auch Kerstin Vogel. "Das ganze Jahr war eine einzige Suche", resümiert sie. Man musste feststellen, dass man die Drogeriemarkt-Filiale nicht ersetzen konnte, nicht mit der gewohnten Auswahl. "Es war deprimierend, festzustellen, dass man es als kleiner Einzelhändler ganz schwer bei den großen Zulieferern hat", räumt Kalis ein. Es galt also, Bezugsquellen zu erschließen und ein Sortiment aufzubauen, das auf Interesse stieß. Schwerpunkte sind inzwischen der Schreibwarenbereich mit Zeitschriften und eine große Auswahl an Glückwünschkarten sowie das im Vergleich zum Start stark vergrößerte Repertoire an Wolle für Handarbeiten. Den Trend der "myboshi"-Häkelmützen griffen Kerstin Vogel und eine Kollegin auf und initiierten einen Strickkreis im Bürgercafé. "Das hat so viel Spaß gemacht, dass wir nun alle vier Wochen dazu einladen", erzählt die 43-Jährige. Auch viele junge Leute kamen.

Die Kundschaft im "Drehpunkt" ist breit gefächert. Schüler, die dort etwas für die Schule besorgen oder sich die Spielwaren anschauen, zählen genauso dazu wie ältere Leute, die gerne auf die Beratung der Angestellten setzen. Dass man der Frau mit den Krücken hilft und sich auch einmal Zeit für eine Unterhaltung nimmt, ist selbstverständlich.

Auf den 220 Quadratmetern Verkaufsfläche findet sich heute ein buntes Angebot, das den Eindruck erweckt, dass es mit Bedacht ausgewählt wurde. Kleine Geschenkideen sind genauso darunter wie Naturkosmetik und Haushaltsbedarf. Auch auf Messen versucht sich das Team Anregungen zu holen.

Drei Arbeitsplätze

Leichter geworden ist es für Kerstin Vogel keinesfalls. In der Schlecker-Kette waren die Waren vorgegeben, zu bestimmten Saisonzeiten wurden Aufsteller mit Oster-, Muttertags- oder Weihnachtsartikeln geliefert, und das nicht Verkaufte wieder abgeholt. Heute muss sie sich darum selbst kümmern. Das unternehmerische Risiko, auf einem Produkt, das nicht ankommt, sitzenzubleiben, ist unmittelbarer spürbar. Trotzdem oder vielleicht sogar deshalb spürt man Optimismus im "Drehpunkt"-Team. Am Ball bleiben ist die Devise. Manch motivierende Äußerung aus der Kundschaft tut dazu ein Übriges. Die Mitarbeiterinnen gäben ihr Letztes für den Laden, betont Alfred Kalis nicht ohne Stolz. Und merkt an, dass es sich um drei reguläre Teilzeitkräfte handelt - nicht etwa um Minijobs. "Wir werden nicht reich, aber wir sind nicht in den roten Zahlen." Hoffnung setzt Kalis auch darauf, dass in die Redwitzer Bahnhofstraße bald noch ein bisschen mehr Bewegung kommt. Die geschlossene Bäckerei-Filiale mit Café soll unter neuer Leitung wiedereröffnet werden und ein Metzger soll wieder hierher kommen in diese Geschäftslage, die eigentlich die beste im Ort ist. Der Konkurrenzdruck durch große Supermärkte und den Internethandel wird bleiben. "Es sind gewaltige Anstrengungen", sagt Kalis. "Wir wissen schon viel, aber wir lernen jede Woche dazu."