"Sich dreckig zu machen ist eigentlich das Beste", findet Julia Backert, Industriemechanikerin im vierten Lehrjahr. "Ich finde es super, einen handwerklichen Beruf zu machen. Wenn man da abends heimkommt, weiß man, was man geleistet hat."

Julia ist eine von elf weiblichen Azubis, die bei der Firma Scherer und Trier in Michelau einen handwerklich-technischen Beruf lernen. "Insgesamt haben wir in diesem Bereich im Moment 115 Azubis", erklärt Gerd Pfaff, Leiter der Ausbildung. "Leider bekommen wir nicht viele Bewerbungen von jungen Frauen." Nach wie vor entscheiden sich nur wenige Mädchen für einen sogenannten Männerberuf, viele beschäftigen sich gar nicht mit dieser Möglichkeit.

So ging es auch Maria Keppler. Beinahe wäre sie Kindergärtnerin geworden. "Ich hatte eigentlich mal vor, irgendwas mit Kindern zu machen, Erzieherin oder so", erzählt die 19-Jährige. "Auf etwas anderes bin ich gar nicht gekommen." Doch dann besuchte ihre Schulklasse eine Werksführung bei Bosch. "Das hat alles verändert. Die Technik hat mich sofort fasziniert - wie die Greifarme der Maschinen sich bewegt haben - da wusste ich: sowas will ich machen." Inzwischen befindet sie sie im zweiten Ausbildungsjahr zur Verfahrensmechanikerin für Kunststoff- und Kautschuktechnik bei Scherer und Trier. Dort lernt sie, Spritzgussmaschinen einzurichten und anzufahren und für einen reibungslosen Fertigungsablauf zu sorgen. "Meine Freundinnen haben sich zuerst gewundert, dass ich meine Berufspläne so radikal geändet habe. Aber sie stehen hinter mir, genau wie meine Eltern."

Bank und Büro gefielen ihr nicht

Auch Julias Eltern sind stolz auf ihre Tochter. "Ich bin die erste Frau in unserer Familie, die so einen Beruf lernt." Zuerst hätten ihre Eltern ihr geraten, Büro- oder Bankkauffrau zu lernen, erzählt die 20-Jährige. "Während der Schulzeit hab' ich da auch Praktika gemacht. Aber das hat mir überhaupt nicht gefallen." Bekannte und Verwandte der Michelauerin, die bei Scherer und Trier arbeiteten, erzählten ihr von den Berufen, die dort möglich sind. "Da wurde mir klar, dass das das Richtige ist für mich." Jetzt baut sie mit an Maschinen, die für die hauseigene Fertigung bei Scherer und Trier gebraucht werden, montiert und verkabelt Pneumatik und Hydraulik.

"Meine Mitschüler haben damals nicht verstanden, dass ich als Mädchen so einen Beruf lernen will. Da hieß es: Was, das ist doch ein Männerberuf - und zwar sowohl von Jungs als auch von Mädchen," erzählt Julia. Im Freundeskreis wird ihre Entscheidung aber völlig akzeptiert, und auch beim Anbandeln mit dem anderen Geschlecht kommt ihr Beruf nicht schlecht an. "Zuerst sind die Jungs verblüfft, aber dann finden sie es cool."
Christina Piwonski und Nadine Deschner fangen ihre Ausbildung gerade erst an, für beide ist es ein Neuanfang. Erfahrung in technischen Tätigkeiten haben sie aber beide schon. "Nach der Schule hatte ich eigentlich Hauswirtschafterin gelernt", erzählt die 24-jährige Christina. "Aber das war überhaupt nichts für mich. Ich hab das nur gemacht, weil ich keine andere Ausbildungsstelle bekommen habe." Ihr war klar, dass sie in diesem Beruf nicht weitermachen wollte. Stattdessen arbeitete sie zwei Jahre lang in einer Firma, die Möbelfüße aus Metall herstellt. "Dort hab ich Bohrungen gemacht, Kufen geschliffen und zusammengebaut und gemerkt, dass mir das richtig liegt." Sie bewarb sich bei Scherer und Trier als Maschinen- und Anlagenführerin für Metalltechnik und bekam die Stelle. "Ich hab' mich wirklich gefreut, dass das geklappt hat, und bin schon sehr gespannt auf die Ausbildung."

Auch für die 33-jährige Nadine Deschner ist es die zweite Ausbildung. "Ich habe bisher als Veranstaltungstechnikerin gearbeitet", erzählt sie. "Aber da habe ich meist am Abend und am Wochenende gearbeitet, und da ich auch noch weit fahren musste, haben mein Mann und ich uns kaum gesehen." So sah sie sich nach etwas Neuem um. Das es etwas Technisches sein sollte, war klar.

Neuanfang als Mechatronikerin

"In einem Büro könnte ich nicht arbeiten. Ich will was mit den Händen machen." Ihr Mann steht voll hinter ihr. "Wenn bei uns zu Hause eine Lampe angeschraubt werden muss, mache ich das das. Er hat zwei linke Hände." Sie hat sich für eine Ausbildung zur Mechatronikerin entschieden. "Das ist praktisch der Allrounder in einer Firma", erklärt Lukas Lerf, ebenfalls Ausbilder bei Scherer und Trier. "Eine Mischung aus Elektroniker, Industriemechaniker und Fachinformatiker. Der kann Maschinen warten, programmieren und elektronische Systeme instand halten."

Zuverlässiger und bessere Umgangsformen

Um Mädchen über die verschiedenen Ausbildungsangebote zu informieren, nimmt das Unternehmen Scherer und Trier jedes Jahr am Girls' Day teil und bietet Schnupperpraktika an. "Durch den demografischen Wandel gibt es insgesamt weniger Bewerber, deshalb würden wir uns freuen, wenn sich mehr Mädchen für unser Angebot begeistern könnten," sagt Pfaff. Die Erfahrung habe gezeigt, dass Mädchen ihre Aufgaben außerdem kein bisschen schlechter erledigten als Jungs, so Lerf. "Mädchen sind meist zuverlässiger, was das Führen des Berichtshefts angeht, und haben bessere Umgangsformen." Das tue auch der Gruppendynamik gut. "Die Jungs benehmen sich besser, wenn Mädels dabei sind." Julia Backert kann ihm da nur zustimmen. "Die Jungs führen sich manchmal ganz schön auf. Aber wenn ich dann reinkomme, und sie zusammenscheiße, hören sie auch auf mich", sagt sie und grinst.

"Muskelkraft spielt hier heutzutage keine Rolle mehr, für schwere Lasten gibt es ja technische Hilfsmittel", so Pfaff. Mitbringen sollte man Interesse an Technik, logisches Denken und räumliches Vorstellungsvermögen. "Und Selbstbewusstsein", ergänzt Julia. "Viele Mädels haben, denke ich, Angst, von den männlichen Kollegen nicht respektiert oder gemocht zu werden." Diese Angst sei aber meist unbegründet. "Die Männer sind nett, helfen uns, falls nötig und akzeptieren uns als Kollegen." Mädels sollten sich nicht davon abschrecken lassen, das etwas als typischer Männerberuf gilt, findet sie. "Einfach rantrauen - vielleicht ist es ja genau das Richtige!"