"Das hört sich ja an wie das Plädoyer eines Verteidigers", sagte Richter Christoph Lehmann am Mittwoch zu einem einstmals Bestohlenen. Der brachte so viel Verständnis für den ihn schädigenden Dieb auf, dass auch Staatsanwalt Stefan Jäger in seinem Plädoyer noch einmal auf den ungewöhnlichen Benachteiligten einging.
Ansonsten hatten weder Richter noch Staatsanwalt Verständnis für das Verhalten eines 22-jährigen Lichtenfelser Arbeiters, der des Diebstahls überführt war.

Im Juni 2014 hob ein Mittvierziger aus Lichtenfels 200 Euro vom Geldautomaten ab. Das heißt, er dachte, er hätte abgehoben. In Wirklichkeit ließ er das Geld aus Schusseligkeit im Ausgabefach liegen, steckte seine Karte ein, setzte sich auf sein Rad und radelte davon. Nach ungefähr einem Kilometer wurde er stutzig. "Es ist so eine Schwäche von mir, das habe ich schon fünf Mal gemacht", bekannte der Mann sein regelmäßiges Missgeschick.
Wem das liegen gebliebene Geld nicht entgangen ist, war der 22-Jährige. Der wartete einen Moment und griff ins Fach. Obwohl er davon ausgehen musste, von Kameras gefilmt zu werden. "Ich weiß selber nicht, was mich geritten hat", so der Angeklagte. Er habe "auch überlegt, das Geld zurückzugeben", also wieder zur Bank zu bringen. Das tat er dann aber doch nicht.

Der Geschädigte hat sogar Skrupel

Der geschädigte Mittvierziger schätzte die Situation so ein: "Im Nachhinein tut's mir leid. Ich habe Verständnis für die Verlockung, der der Mann ausgesetzt war." Und der Geschädigte war sogar noch skrupulös: "Es kam mir fast vor, wie wenn ich eine Falle ausgelegt hätte."

Des Richters und des Staatsanwalts Verständnis hatte der Angeklagte weit weniger umfänglich. Erst recht nicht, da er schon mehrere Einträge im Bundeszentralregister stehen hat. Sie erzählen von Diebstahl, Sachbeschädigung und Unterschlagung, einmal aber auch von Körperverletzung. Während seiner Vernehmung konnte oder wollte er sich nur lückenhaft an maßgebliche Stationen seines Lebens erinnern. "Ich hatte hier letzte Woche eine 77-Jährige, die konnte das detaillierter angeben", so Lehmann rügend und launig an den Angeklagten gerichtet. Zu 750 Euro Geldstrafe wurde der mit 3000 Euro für seine Verhältnisse stark verschuldete Mann verurteilt. Den Schuldspruch nahm er an und beteuerte, dass es ihm leid täte und er den gestohlenen Betrag an den Geschädigten zurückzahlen werde.