Midlife-Crisis. Nein, Thomas Schaller schüttelt den Kopf und erklärt, dass es diese Worte "nicht treffen". In so einer Midlife-Crisis gehe es den Betroffenen zu oft um die Herbeiführung eines Richtungswechsels. Das trifft auf den 53-jährigen Lehrer so nicht zu. Sein Weg in den Gitarrenbau ist eher ein Richtungszugewinn und die Antwort auf eine Frage.
Schallers haben ein schönes Haus. Es gibt dort Nischen für Hobbys, für Spiritualität und vor allem für Musikalität. Und wenn der Religionslehrer von einer besonders gemütlich gestalteten Ecke seines Gartens auf sein Haus blickt, dann könnte er eigentlich zufrieden sein. Manch einer wäre es angesichts eines solchen bürgerlichen Traums.


Impuls auf dem Staffelberg

Doch Schaller gibt zu, dass da vor einiger Zeit eine Frage in ihm zu keimen begann: "Wo legst du dein Ei noch hin?" Ein Ei hat er sich schon vor vielen Jahren gelegt, er ist leidenschaftlicher und hochgelobter Fingerstyle-Gitarrist, hat komponiert, CDs aufgenommen, Konzerte gegeben. Das reicht. Oder besser: reichte. Bis zu dem entscheidenden Impuls im vergangenen Jahr auf dem Staffelberg. Mit einem Kumpel dort sitzend, kam die Frage auf, was man nach der Pensionierung mit seiner Zeit anfangen wolle. "Ich würde gerne Gitarren bauen", vertraute Schaller seinem Kumpel an. Der hörte zu, sagte lange nichts und dann, mit dem Rücken an die Adelgundiskapelle gelehnt, dann doch etwas: "Mach's doch gleich." Bumm! Das habe gesessen. Was für ein Satz - und so einfach. Ja, warum eigentlich nicht gleich?
An dieser Stelle im Jahre 2017 angekommen, muss man die Zeit rund 34 Jahre zurückdrehen. Was Schaller dazu erzählt, verblüfft schlichtweg. "Nach dem Abitur wollte ich Zupfinstrumentenbauer werden", setzt Schaller auseinander, nippt an seinem Kaffee und lächelt. Er sei auf dem Arbeitsamt gewesen, sich nach einer Lehrstelle erkundigend. Der Sachbearbeiter sei verblüfft gewesen, weil er einen Abiturienten vor sich hatte, der einem Studium glatt das Nachsehen zugunsten dieses Handwerksberufs geben würde. In Deutschland sei eine Lehrstelle schwer zu bekommen gewesen, besetzt, belegt, weiter weg. So habe er ein Studium ins Auge gefasst und war mit dieser Entscheidung sehr zufrieden. Doch dann habe sich wider Erwarten der Sachbearbeiter vom Arbeitsamt erneut gemeldet. "Der war so engagiert", erinnert sich Schaller und erzählt von der Lehrstelle, die der Sachbearbeiter ihm recherchiert habe: in Japan. "Das habe ich mich dann doch nicht getraut - damals war die Welt noch nicht so eng beieinander wie heute." Damit war der Traum verschüttet.
Es ist ein kleiner Raum, er muss auch nicht größer sein, denn alles ist jetzt hier: eine rote aus den USA stammende Schraubzwinge mit schwenkbaren Backen, eine Reihe unterschiedlich geformter Stemmeisen , japanisches Kamelienöl für Lasuren, eine kleine Bandsäge mit dünnem Blatt, ja selbst eine Schürze hängt hier irgendwo in dem Kellerzimmer, das wohl nicht mehr als 15, 16 Quadratmeter hat. Schaller greift in ein Regal und holt zwei, drei kleine Plastikkästchen heraus. Der Mann schaut verschmitzt, als er fragt, ob man sich vorstellen könnte, was sich in den Kästchen befindet. Als die Antwort ausbleibt, öffnet er die Kästchen und präsentiert - Schleifstäube. Sie dienen dazu, sich mit Harz verquirlen zu lassen, um an dieser und jener Stelle der Gitarre so etwas wie kosmetische Farbangleichungen vorzunehmen.


Griff zum Lieblingshobel

Tricks, auf die man eben so kommt, sobald man sich einer Sache hingibt. Seit einigen Monaten also verbringt Schaller hier unten Zeit, nachdem er intensive Recherchen zu Saitenzug, Korpus- und Schablonenbau, Decke oder Bebalkung anstellte.
Er greift zu einem Hobel, nicht irgendeinem Hobel, sondern seinem Lieblingshobel. Mit ihm lässt sich in einer Stärke von 0,05 Millimeter Holz abziehen. Das Gerät ist verhältnismäßig klein, aber Schaller hat sich verliebt. Besitzerstolz - Männer und Werkzeuge.
Dass er mal so würde, hätte er auch nicht gedacht, denn ein Heimwerker war er eigentlich nur bedingt. Doch nun zeichnet er Pläne, die er mit seiner Hände Fertigkeiten umsetzt, stellt Zargen aus Nussbaumholz her, den Gitarrenhals aus Erle, die Bindings aus Birnbaum, das Griffbrett aus Ebenholz. Selbst für eine Intarsie hat er Perlmutt in winzig kleine Streifen gesägt, um sie einen Kreis bildend um das Schallloch herum einzulassen. "Das hier ist die reinste Meditation", äußert Schaller zu einem Nebeneffekt seines Tuns.


Peter Finger letzte Instanz

Der Korpus steht, das Griffbrett auch, bauchig wird sie und eine Aussparung, einen Cutaway, am Fuße des Stegs, bekommt sie auch. Mehr und mehr habe er diese handwerkliche Tätigkeit zu lieben gelernt, erklärt der Lehrer und sagt einen die Zukunft bedauernden Satz: "Der homo faber (schaffender Mensch), der mit seinen Händen gestalten kann, gibt das an Maschinen ab - mein Gott, was geht da verloren!" Eine Gitarre von Hand gemacht ist ihm lieber, doch wie seine mal klingen wird, davon hat auch er keine echte Vorstellung. "Ich glaube fest, dass sich die intensive Zuwendung im Klang wiederfindet, aber wie genau weiß ich auch net." Eilig hat es der Marktzeulner nicht mit der Vollendung. Sie soll irgendwann im Laufe des Jahres" passieren. "Allein der letzte Lack muss sechs Wochen durchhärten", erklärt er. Das ist nicht unwichtig, denn so ein Lack hat wiederum Einfluss auf den Klang. Doch dann klopft er gegen die Decke der Gitarre, lauscht ihrer Schwingung und resümiert bei geschlossenen Augen ein "Mmmh". Sie soll gelingen und dann nicht die letzte bleiben, Bestellungen erwünscht. Einen Konflikt mit seinem Lehrerberuf gebe es dabei nicht.
Der verschüttete Traum ist dabei, ausgegraben zu werden. Was sie taugt, soll einer beurteilen, der von Gitarren wirklich was versteht: Peter Finger aus Osnabrück. Der Mann gilt als einer der bedeutendsten Fingerstyle-Gitarristen mit Bandbreite zwischen Romantik, Jazz und freier Tonalität.