Es riecht würzig im Laden des Lagerhauses Böhmer in der Bärengasse. Sämereien und Gartengeräte, Hunde-, Vogel- und Katzenfutter sowie Schnecken-, Wespen- und Fruchtfliegenfallen werden feilgeboten. Michael Hellmuth, der heutige Inhaber, hat viel zu tun. Ein Kunde gibt dem anderen die Klinke in die Hand. Die Leute schätzen die bunte Vielfalt des Angebots und die fachkundige Beratung. Doch nun sucht Rudi Böhmer, der Eigentümer des Lagerhauses, einen neuen Pächter. Es wäre schade, sagt der 77-Jährige, wenn das Fachgeschäft verschwände, denn die Kundschaft komme aus dem weiten Umkreis.
Gegründet wurde das Landwirtschaftliche Lagerhaus 1926 von Friedrich Böhmer. "Verkauf von Getreide, Mehl, Futtermittel, Kunstdünger, Sämereien und landwirtschaftlichen Maschinen" steht in eckigem Sütterlin auf dem Anmeldeschein, der im Staffelsteiner Rathaus mit dem Dienstsiegel gestempelt wurde.

Hochbetrieb zur Erntezeit


1962 übernahm Rudi Böhmer das Lagerhaus von seinem Onkel und führte es zusammen mit seinem Cousin Bernhard Schmitt mehrere Jahrzehnte. Das Getreide verkauften sie an Mühlen und Malzfabriken im weiteren Umkreis. "Wenn Getreideernte war, wurde von früh um 6 bis nachts um 12 gearbeitet", sagt Rudi Böhmer, "aber jetzt fahren die Bauern den Raps gleich nach Bamberg in den Hafen".
"Die Landwirtschaft hat sich geändert", sagt der gelernte Kaufmann, "und damit auch der Landhandel". Zunächst sei das Getreide in 75-Kilo-Säcken in der Bärengasse angeliefert worden. 1968 habe man eine automatische Anlage in Betrieb genommen, die es ermöglichte, Getreide lose anzunehmen und lose weiterzuverkaufen. 20 Tonnen Stundenleistung habe diese Anlage gehabt. In einer Erntesaison konnten rund 2000 Tonnen Getreide und Raps erfasst werden. Zwei Hallen - die Güterhalle am Bahnhof und ein Gebäude in der Bahnhofstraße - nahmen das Korn auf. Außerdem wurden pro Jahr 50 bis 60 Güterwaggons Düngemittel mit je 25 Tonnen Ladung umgeschlagen, erinnert sich Böhmer. "Aber heute kommt das alles lose im Bamberger Hafen an und wird dort umgeschlagen."

Traktoren stauten sich


"Die kleinen Bauern, die unsere Kunden waren, hörten auf.", fährt er fort. Hinzu kam, dass die Enge in der Staffelsteiner Innenstadt das alles nicht mehr zuließ. "400 bis 500 Tonnen Kapazität hatten wir schon", sagt der 77-Jährige, "aber das meiste wurde schnell wieder abgeholt." Es kam vor, dass sich die Traktoren mit Anhängern während der Erntezeit stauten: Von der Bärengasse um die Kirche herum über die Kirchgasse bis in die Bahnhofstraße hinein. Doch diese Zeiten sind lange vorbei.
"Der Wandel ging sehr schnell", ergänzt Rudi Böhmer, "in den vergangenen 20 Jahren war's rasant". 1996 entschlossen sich sich Rudi Böhmer und Bernhard Schmitt, den Getreidehandel aufzugeben. "Wir haben die Entwicklung nicht verschlafen, das Geschäft hat sich weiterentwickelt", sagt er. Ein leistungsfähiges Fachgeschäft für Gärtner, Kleingärtner und Tierfreunde sei daraus geworden, das eine gute Basis mit festem Kundenstamm habe. Futtermittel "von der Biene bis zum Pferd" gebe es hier. Doch die Entwicklung der vergangenen 50 Jahren schreite weiter voran, sagt Rudi Böhmer, der im Fachgeschäft aushilft, wenn er gebraucht wird. Für die Staffelsteiner Innenstadt sei das Geschäft ein wesentlicher Faktor. Pflanzkartoffeln gebe es hier noch immer, "mehlige, festkochende oder frühe, wie's die Leute eben wünschen", sagt Rudi Böhmer, "mancher braucht Klößkartoffeln, ein anderer eben nicht".
An den lebhaften Getreidehandel in der Bärengasse erinnert heute noch ein Relikt: Die Hinweistafel "Sackgasse".