Ein schottischer Kochbuchautor schrieb einmal: "Das folgende Rezept ist nichts für schwache Nerven." Die Rede ist vom Haggis, jenem mit Zwiebeln und Hafermehl zubereiteten Klops, der Herz, Leber, Lunge oder Nierenfett vom Schaf beinhaltet. Am Samstagabend landete das Rezept zubereitet auf ungefähr 50 Tellern im Gemeindehaus der Stadtpfarrkirche. Den Anlass dazu bot einmal mehr die Burns-Night des Städtepartnerschafts-Komitees Lichtenfels.

Burns-Night? Haggis? Wie kommt's? Seit Jahren feiert das Komitee im Zweijahresturnus eine solche Nacht eingedenk des schottischen Nationaldichters Robert Burns (1759-1796). Aber auch eingedenk der Menschen, denen man sich verbunden fühlt - den Menschen in Prestwick, jener schottischen Partnerstadt von Lichtenfels. Doch für die Schotten ist Robert Burns mehr als nur ein Dichter, er ist ein Symbol für Eigenständigkeit und erfährt kultische Verehrung. Die gipfelt in einem Mahl, zu dem stolz Tracht getragen wird, beispielsweise als Ausweis der Clan-Zugehörigkeit.

Da dieser am 25. Februar Geburtstag hatte, fällt um diese Zeit auch immer das "Burns Supper", das Burns-Mahl quasi, ein Essen in Geselligkeit und Liturgie, in schwelgerischem Träumen mit Zeremoniell und Nachtisch. Die Männer erheben sich, einen Toast auf die Vorzüge der Frauen auszubringen, und die Frauen werden es ihnen später gleichtun. Der jeweils Geehrte darf sitzen bleiben und sich gebauchpinselt fühlen. Toast to the Lassies bzw. Toast to the Laddies heißt das.

Highlandpiper macht Musik

Dazwischen gibt es Dudelsackmusik, die man hier besser nicht so nennt, denn Detlef Purucker ist Piper, sogar Highlandpiper. Einer, der immer wieder am Lichtenfelser Burns Supper teilnimmt, ist Volkhart Zimmermann. "Die Schotten sind uns Franken sehr ähnlich in ihrem Wesen", meint das über 80-jährige Mitglied des Partnerschaftskomitees und hört man ihm zu, dann versteht man, weshalb er die völkerverbindende Idee der Städtepartnerschaften mitträgt. Er kann erzählen von in der Jugend miterlebten Vorbehalten gegenüber Franzosen und deren Vorbehalten gegen Deutsche. Also ist er engagiert und also auch anwesend. Doch es wird die Gesamtvorsitzende des Städtepartnerschaftskomitees, Monika Faber, sein, die in einem Nebensatz die ganze Idee des partnerschaftlichen Wirkens anspricht und in Poesie taucht. Eine Frau aus der amerikanischen Partnerschaft Vandalia verstarb unlängst, und zur gleichen Zeit läuteten darum Totenglocken in Ohio und in Lichtenfels. Völkerverständigung. Für das Essen samt Zeremoniell im Saal hatte sie auch Worte übrig: "Ihr habt euch wieder übertroffen."

Zu dem "Ihr" gehörten auch Roland Dier und seine Frau Irmhild Heyer-Dier, die das Zeremoniell zu großen Teilen mittrugen. Der Rödentaler Roland Dier wird es an diesem Abend auch sein, der mit einem Dolch den Haggis aufschneidet. Das ist üblich in Schottland. "Meine Faszination für Schottland liegt 45 Jahre zurück", erinnert er sich und kommt mit einer unerwarteten Erklärung an. Ein Westernhagen-Lied habe seine Sehnsucht nach den High-, und Lowlands geweckt, da habe er sich eine Landkarte ins Jugendzimmer gehängt. Gelesen habe er auch schottische Autoren und die sind weltberühmt: Sir Walter Scott, eben jener Robert Burns oder Robert Louis Stevenson. "Wenn es sowas wie Wiedergeburt gibt, muss ich in einem früheren Leben ein Hochländer gewesen sein", so der in Kilt gekleidete Vorsitzende der Prestwick-Sektion im Komitee. Er sprach das traditionelle Gebet zum Haggis, rezitierte Burns Ode an den Haggis und reihte sich am Ende die Hände reichend zu denen ein, die das berühmte schottische Abschiedslied "Auld Lang Syne" sangen.