Weit mehr als 100 Interessierte, jung und alt, Männer und Frauen, Einzelpersonen und ganze Familien sowie viele von Burnout Betroffene und ihre Angehörigen fanden am vergangenen Samstagnachmittag den Weg in den Festsaal des Bezirksklinikums Obermain in Kutzenberg. Das Thema des hochaktuellen Vortrags beim Gesundheitsforum lautete "Burnout - was steckt dahinter?".  Referent war der neue Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Nedal Al-Khatib.

"Burnout gilt inzwischen als Umschreibung für Misserfolg beim Streben nach Zielen", sagte der Chefarzt. 1974 sei das aus dem Englischen kommende Wort (deutsch: "ausbrennen")  erstmals von dem Psychotherapeuten Freudenberger beschrieben worden. Es sei ursprünglich auf Menschen in helfenden Berufen bezogen gewesen, auf Ärzte, Sanitäter, Krankenpfleger, aber auch Feuerwehrleute und Lehrer. Mittlerweile sei "Burnout" verallgemeinert worden, als Zustand einer physischen und mentalen Erschöpfung. "Es wird in unserer Leistungsgesellschaft sogar fast positiv anerkannt, nach dem Motto: Der hat aber viel geleistet", bedauerte Al-Khatib. Dabei seien es durchaus ernstzunehmende Symptome, die unbehandelt zu schwersten Depressionen und körperlich-seelischen  Erkrankungen führten.

In seinem einstündigen Vortrag, der erfreulicherweise für die vielen Zuhörer nicht mit zu viel "Fachchinesisch", sondern sehr gut verständlich gehalten wurde, stellte der Arzt dar, wie Betroffene ihren Alltag und ihren Arbeitsalltag erleben. Frustriert, überfordert, gefühllos, ängstlich, zynisch, aber auch desinteressiert an vertrauten Menschen - diese Phasen folgten dem anfänglichen Übereifer, dem Zwang, sich ständig zu beweisen.

Hausarzt erster Ansprechpartner

Chronische Überforderung am Arbeitsplatz, der Drang, immer mehr Verantwortung übernehmen zu müssen, Schichtdienst, zu einem gewissen Anteil auch die persönliche genetische Veranlagung - nach all dem werde ein Hausarzt wohl fragen, wenn sich der Verdacht erhärtet, dass Schlaflosigkeit, Magen-, Kopf- oder auch Rückenschmerzen nicht organisch bedingt sind. Der Hausarzt sei erster Ansprechpartner für Menschen, die sich als Angehörige oder eventuell Erkrankte informieren oder behandeln lassen wollen. Nach sorgfältiger Befragung werde dieser dann weitere Schritte einleiten, sei es eine ambulante, eine teilstationäre oder eine vollstationäre Behandlung. Diese bestehe nicht alleine aus der Gabe von Medikamenten, sondern es gebe sie nur als Gesamtpaket mit Einzel- und Gruppengesprächen, Entspannungs- und/oder Bewegungstherapie, Sport, Ergotherapie, Alltagsbewältigungstraining und vielem mehr.

Das war auch die Antwort auf die Zuschauerfrage, ob man  - wenn man einmal erkrankt war - wieder erkranken könne. Dazu nannte Al-Khatib, Facharzt der Neurologie, einige Vorsorgemöglichkeiten, die  dies - konsequent angewandt - verhindern.

Überhaupt beteiligten sich die Zuhörer sehr interessiert und aktiv an dem Thema. Nein, es sei keine Berufskrankheit in bestimmten Berufsgruppen, beantwortete der Arzt die nächste Frage. Burnout sei keine Diagnose, sondern eher eine geballte Ansammlung von Symptomen, die sich im Verlauf der Jahre zu einer Depression entwickeln. Bei Burnout gebe es jedoch eine gute Prognose, wenn er rechtzeitig und fachgerecht behandelt wird.

Sich nicht zurückziehen

Betroffene sollten versuchen, sich nicht zurückzuziehen, sondern den Kontakt zu Freunden oder der Familie suchen. Manch einer gehe vielleicht auch gerne in die Natur oder finde mit Kunst, Musik oder Sport wieder zu sich. Gerade Hobbys und Entspannung seien wertvoll, um aus den negativen Gefühlen herauszukommen. Hilfreich seien auch schon kleine Dinge wie bewusste Pausen, Spaziergänge oder bewusstes Atmen. Mann sollte dann auch mal dem Chef sagen: "Das ist mir zu viel. Kann das nicht ein Kollege erledigen?" Ein Arbeitgeber, sagte der Arzt, habe nämlich auch eine Fürsorgepflicht, und diese sollte nicht nur auf dem Papier stehen. In immer mehr Firmen würden Präventionsprogramme und Achtsamkeitslehrgänge angeboten und sportliche Aktivitäten gefördert.

"Primär geht es um eine menschliche Welt, nicht um eine materielle", erklärte der Chefarzt am Ende des Gesundheitsgespräches.