Der 13. Januar 1936 ist ein nebliger Wintertag. An diesem Montag sind fünf Luftwaffensoldaten mit einem einmotorigen Tiefdecker unterwegs. Der Pilot, der 25-jährige Hauptmann Wolf Freiherr von Gültlingen, fliegt auf Sicht. Radar gibt es zu dieser Zeit noch nicht. Der Höhenmesser ist vereist. Er fliegt sehr tief, um sich an der Topographie zu orientieren, am Flusslauf des Mains und an an den Städten.

Mit sonorem Brummen, das weithin hörbar ist, nähert sich die Junkers W 34 von Norden her dem Staffelberg. Die Felskrone ist vom Nebel eingehüllt. Der Pilot kann den Berg nicht sehen. Die Maschine mit knapp 18 Metern Spannweite ist mit vielleicht 100 km/h oder wenig schneller unterwegs. Sie prallt gegen den Hang, überschlägt sich und bleibt zerfetzt auf dem Hochplateau des Bergs liegen. Der Motorblock wird abgerissen und rollt den Hang hinab.

Zwei Insassen sind sofort tot

Der Pilot und ein Passagier sind sofort tot. Zwei weitere Insassen, der 25-jährige Leutnant Karl Hermann Kurt von Plüskow und der 26-jährige Unteroffizier Peter Zapf, sterben kurz darauf. Der Name und das Schicksal des fünften Mannes, der überlebt haben dürfte, sind bis heute unbekannt.

Im wenige Kilometer entfernten Romansthal ist das laute Krachen des Aufpralls zu hören. Viele Romansthaler eilen auf den Berg, um nachzusehen, was passiert ist. Zunächst laufen sie in die falsche Richtung, doch dann hören sie Hilferufe vom Staffelberg-Plateau, denn Leute, die unweit der Hochebene Holz gemacht hatten, waren die ersten am Unglücksort. Sie finden die zertrümmerte Junkers und drei herausgeschleuderte, schwer verletzte Personen. Tot im Wrack eingeklemmt sind der Pilot und der 23-jährige Leutnant Rudolf Scharnier (dieser Name ist nicht sicher verbürgt, der Anfang ist in der Todesurkunde unleserlich).

Verletzte werden geborgen

Ärzte und Sanitäter werden dazugerufen, sie kümmern sich um die drei Verletzten. Die Toten werden zunächst in der Adelgundiskapelle aufgebahrt. Die drei Verletzten bringt man auf Tragen nach Romansthal. Von hier aus werden sie mit Krankenwagen ins Lichtenfelser Elisabethen-Spital gefahren. Unteroffizier Zapf stirbt noch am selben Tag, Leutnant von Plüskow drei Tage später.

Die Bergung des Wracks ist schwierig, denn zu jener Zeit führt keine Straße aufs Hochplateau. Die Reste der Ju müssen zerlegt und über Fußwege fortgetragen werden. Einige Bauern beteiligen sich mit Ochsenkarren und bringen die Trümmer nach Romansthal. Dort werden die Wrackteile auf Lastwagen verladen und weggebracht.
Das Gelände rund um den Staffelberg wird von der Luftwaffe zum militärischen Sicherheitsbereich erklärt. Dennoch gelingt es etlichen Schaulustigen, zum Unglücksort vorzudringen und sich ein Bild vom Geschehen zu machen. Einer davon ist der 16-jährige Heinrich Geuß aus Staffelstein. Sein Bruder, der heute 79-jährige Adolf Geuß, kann sich gut an die Augenzeugenberichte von Heinrich erinnern: "Schon als Kinder sind wir oft rauf auf den Staffelberg, und der Heiner hat uns immer wieder erzählt, was hier passiert ist." Die Maschine, sagt Adolf Geuß, habe eine am Staffelberghang stehende Salweide gestreift, prallte an den Hang und schlitterte dann über das Plateau. In der Mitte des Plateaus blieb das Wrack liegen. An dieser Stelle ist noch heute eine kleine Mulde im Boden zu sehen.

Viele Fragen bleiben offen

"Die wollten das damals geheim halten", sagt Adolf Geuß. Deshalb sind auch heute noch viele Fragen zu dem Unfall offen. Weder der Ort des Abflugs noch das Ziel der Maschine sind bekannt. Wolfgang Seidlitz aus Zeil, dessen Hobby die Luftfahrthistorie ist, versuchte vor etlichen Jahren Licht ins Dunkel zu bringen: "Der Staffelberg-Absturz ist, da kein Kriegsverlust, eine besonders schwierige Sache." Als gesichert gilt nur, dass die Ju der 3. Staffel des Kampfgeschwaders 455 angehörte und die Kennung "D-O..." trug. Das Kampfgeschwader 455 war in Giebelstadt beheimatet. Auch Wolfgang Seidlitz' Nachforschungen brachten keine Gewissheit über den Zweck der Reise und das Schicksal des unbekannten fünften Mannes an Bord.
Weil an der Unglücksstelle aufgerissene Koffer mit Ballkleidern gefunden wurden, wird vermutet, dass die Soldaten unterwegs zu einem Faschingsball gewesen sind. Doch das sind Spekulationen, die wohl nie mehr bewiesen oder widerlegt werden können.

Vom Wrack auf dem Staffelberg gibt es nur ein unscharfes, inzwischen vergilbtes Foto, dessen Urheber unbekannt ist. Die Trauerfeier für die vier toten Soldaten im Fliegerhorst Giebelstadt ist hingegen fotografisch gut dokumentiert. Wolfgang Seidlitz besitzt zehn Schwarzweißfotos, die ein Unteroffizier von der Aufbahrung in der Flugzeughalle, der Aussegnung, der Trauerparade und vom Ehrensalut machte.

"Wäre der Pilot nur wenige Meter höher geflogen, wäre wahrscheinlich nichts passiert", sagt Adolf Geuß. Das gehe ihm immer wieder im Kopf herum, wenn er auf dem Staffelberg ist. Ihm ist wichtig, dass der Unfall nicht in Vergessenheit gerät. Immer wieder stelle er fest: "Leut', die 40 Jahr' oder jünger sind, haben davon noch nie was gehört."