Es waren einmal zwei Brüder, die ein erfolgreiches Familienunternehmen weiterführten. Das Material kam aus aller Herren Länder, die fertigen Produkte wurden in alle Welt versandt. Global vernetzt, Firmensitz Lichtenfels.

Sie haben sich über die Zukunft Gedanken gemacht, flexibel agiert, sich ehrenamtlich engagiert. Der eine Bruder stand der SPD nahe, der andere "Jung-Lichtenfels". Eine Partei, der damals Thomas Dehler vorsaß. Sie beauftragten namhafte Architekten, um sich ihre Villen bauen zu lassen. Der eine in der äußeren Bamberger Straße gegenüber der Spitalkirche, der andere in der Kronacher Straße. Beide Häuser stehen noch - und Bezirksheimatpfleger Günter Dippold zeichnete die Geschichte ihrer Erbauer nach: die Geschichte von Ludwig und Otto Bamberger.

Dippold referiert zweimal

Die Ausstellung über die Familie Bamberger, insbesondere ihrem Lichtenfelser Zweig, wurde damit eröffnet. Der Andrang war so groß, dass Dippold seinen Vortrag zweimal hielt. "Bedenklich, was sich schon bei flüchtigen Recherchen findet - denn mehr als ein wenig im Internet, in der Literatur und in alten Tageszeitungen habe ich für das Gesagte nicht geforscht, es liegt also alles offen da", sagte Dippold im ersten Stock des "Sonnenhauses", wie Erbauer Otto Bamberger sein Zuhause nannte. Die Villa in der Kronacher Straße 21 soll in naher Zukunft ein Kinderhort werden.

Die Stadt Lichtenfels hat das Gebäude gekauft. "Wir wollen die Geschichte des Hauses mit der Zukunft unserer Stadt verbinden", sagte Bürgermeister Andreas Hügerich. 75 Kinder werden in dem Denkmal lernen, toben, leben - zumindest tagsüber. Die dunklen Stunden erlebte das Haus und vor allem seine Eigentümer zu einer Zeit, als die Kronacher Straße "Adolf-Hitler-Straße" hieß und die Kreisleitung der NSDAP schräg gegenüber ihren Sitz hatte. Vorbei war es mit einer Inneneinrichtung im Bauhaus-Stil, die Otto Bamberger 1927 beauftrage. Verschollen ist seine Kunstsammlung bis heute - zumindest die wesentlichen Teile. "Otto Bamberger besaß dank seiner wirtschaftlichen Möglichkeiten, seines Geschmacks und dank seiner Kontakte eine erlesene Sammlung zeitgenössischer Kunst, besonders Druckgrafik", sagte Dippold seinen Zuhörern, die mucksmäuschenstill versuchten, das Gebäude, in dem sie saßen, und die Worte, die sie hörten, in Einklang zu bringen.

In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 - vor genau 81 Jahren - kam der organisierte Mob in Form von jungen Männern in braunen Hemden in die Villa. Die Eigentümer hatten die Lage rechtzeitig erkannt und waren bereits in Amerika oder auf dem Weg dorthin. Das Haus hütete "Kuni", die Haushälterin. "Als Kuni, die diese frechen, jungen Kerle gekannt hatte seit sie Kinder waren, anschrie und androhte, dass sie dies ihren Eltern sagen werde, verzogen sie sich einigermaßen eingeschüchtert, aber erst nachdem sie einen alten holländischen Kachelofen zerschlagen und mehrere hundert Bücher aus den Fenstern auf die Straße geworfen hatten", zitierte Dippold.

"Das Schlimme ist doch, dass das auch heute jederzeit wieder passieren kann", sagte Stadtpfarrerin Anne Salzbrenner im Anschluss. Nachdenklich strömten die Zuhörer nach Dippolds Vortrag aus dem Saal, verteilten sich in dem Haus, in dem jetzt auch eine Ausstellung über die Familie Bamberger zu sehen ist. Der Kronacher Familienteil ist von Christian Porzelt und wurde vom Aktionskreis Kronacher Synagoge 2015 in Auftrag gegeben. Den Lichtenfelser Teil steuerte Stadtarchivarin Christine Wittenbauer bei. Dippold stellte Zusammenhänge her. Grete Wagner, die Ehrenbürgerin der Stadt Lichtenfels, die mit einer Spende maßgeblich den Bau des Hallenbads und der Dreifachturnhalle förderte und für jeden sichtbar auf einer Tafel Dank erfährt, jene Grete Wagner kaufte zusammen mit ihrem Mann Conrad das Anwesen von Otto Bamberger - kurz nach der Pogromnacht, nachdem die, die noch fliehen konnten, flohen und dank einer "Reichsfluchtsteuer", die genau denen alles das nahm, was sie noch hatten.

Vom NS profitiert

Wagners Firma, die Striwa, fertigte Fliegermonturen für die Wehrmacht und beschäftigte von 1940 bis 1942 in einem polnischen Ghetto 2000 Juden für minimalen Lohn und während des Krieges 80 russische Zwangsarbeiter in einem Zweigwerk in Baunach. "Sieht man, wie sehr Conrad und Grete Wagner vom Nationalsozialismus profitierten, kann man mit Fug und Recht über dieses Haus sagen: Es wurde von einem Ort der Opfer zu einem Ort wenigstens von Nutznießern des Systems", sagte Dippold.

Stadtarchivarin Christine Wittenbauer war von der Familiengeschichte berührt, als sie zur Vorbereitung der Ausstellung durch dieses Haus ging. Die Räume bekämen eine andere Bedeutung, wenn man um die Geschichte wisse. Stadtbaumeister Gerhard Pülz und Architekt Johannes Morhard haben jetzt die Aufgabe, diesen geschichtsträchtigen Ort in eine moderne Nutzung zu überführen. "Die Kinder werden in den originalen Räumen betreut", sagt Pülz. Das Einzeldenkmal werde so erhalten, wie es ist, an manchen Stellen auch wieder in den originalen Zustand zurückversetzt. Treppenhaus, Aufzug und Garderoben werden in einem nebenstehenden Neubau untergebracht. In Anbetracht der Geschichte, will man sich für die Planung Zeit lassen.