In seiner Berufsschulklasse ist Ahmad Alhendi der einzige Nichtdeutsche. Er macht eine Ausbildung zum Kaufmann für Bürokommunikation, zwei Drittel der Mitschüler sind weiblich. Ahmad spricht von "Kollegen", man helfe sich untereinander. Es ist noch keine drei Jahre her, da konnte der 27-Jährige kein Wort Deutsch. Heute kommt für ihn sogar eine Ausbildungsverkürzung von drei auf zwei Jahre in Frage. Seine Noten sind gut, er ist ehrgeizig. Eine Ausnahme? - Ja und nein. Ja, weil zirka drei Viertel der Asylanten keine ausreichende schulische Bildung haben, um hier binnen so kurzer Zeit eine Berufsausbildung zu schaffen. Nein, weil diejenigen, die eine Chance bekommen, in der Regel höchstmotiviert sind. "Das hat sich mittlerweile bei Arbeitgebern herumgesprochen", weiß Bianca Dümlein, Arbeitsvermittlerin beim Jobcenter Lichtenfels. Pauschale Urteile sind ihrer Meinung nach bei diesem Thema ohnehin fehl am Platz. "Man muss den einzelnen Menschen sehen." Deshalb sucht sie frühzeitig den persönlichen Kontakt, schon während der Sprachkurse. Die kurzen Wege in einer kleinen Stadt wie Lichtenfels machen vieles leichter, die Bildungsträger sitzen mitunter im selben Gebäude, auch ehrenamtliche Unterstützer wie die Aktiven Bürger stehen dort als Ansprechpartner zur Verfügung.


Kontakt zu Arbeitgebern

Nicht zuletzt könne so ein kleines Jobcenter auch besser Kontakt zu Arbeitgebern pflegen, merkt Teamleiter Freddy Schrodt an. 20 Prozent der "Kunden" des Jobcenters sind Flüchtlinge, derzeit über 300 Personen. Nicht alle streben eine Ausbildung an, aber über die beruflichen Möglichkeiten wird individuell gesprochen. Im vergangenen Jahr belief sich die Vermittlungsquote auf 40 Prozent. Das ist ein vergleichsweise hoher Wert, mit dem das Jobcenter Lichtenfels deutschlandweit an achter Stelle rangiert. Doch lieber als über Zahlen möchten Dümlein und Schrodt über Menschen sprechen - und mit ihnen. Deshalb treffen wir sie in Ahmad Alhendis Ausbildungsbetrieb. Es ist die Firma Kanaligator in Michelau.
Eigentlich habe man auf der Ausbildungsmesse Nachwuchs für den technischen Bereich gesucht. Wie vielseitig und anspruchsvoll die Tätigkeit als Fachkraft für Rohr-, Kanal- und Industrieservice ist, sei vielen jungen Leuten nicht bewusst, betont Verena Michel. Die Industriekauffrau aus dem Büro des Unternehmens begleitet nun den jungen Syrer während seiner Lehrjahre. Der wollte unbedingt eine Ausbildung machen - möglichst aufbauend auf den Kenntnissen, die er aus seiner Heimat mitbrachte. Dort hatte er eine Schule für Buchhaltung besucht, vergleichbar mit unserer Wirtschaftsschule. Ein duales Ausbildungssystem gibt es in Syrien nicht. Berufspraxis konnte Alhendi kaum sammeln, denn nach zwei Monaten in einer Firma fasste er den Entschluss zur Flucht. Er wollte so dem Krieg und vor allem dem Dienst bei der Armee entkommen. "Ich kann nicht auf andere Leute schießen", sagt er.
Zunächst ging er in den Libanon. Es sei schwer gewesen, dort mit dem geringen Lohn als Verkäufer über die Runden zu kommen.
Nach drei Jahren brach er gen Deutschland auf. "Ich habe gehört, es gibt dort viel Arbeit und viel Geld zu verdienen." Nur das, was in seinen Rucksack passte, hatte er bei sich. Die Mutter, die als Näherin arbeitet, und seine Schwester mit ihren drei Kindern, deren Vater im Krieg umkam, blieben zurück. Ahmad versucht, sparsam zu leben, um ihnen ab und zu etwas Geld überweisen zu können. Er hat inzwischen seinen Führerschein gemacht und ein kleines Auto angeschafft, um auch in der Bamberger Zweigstelle des Betriebs eingesetzt werden zu können.
Alleine Kundentelefonate entgegenzunehmen, ist aber noch ein Problem für den Auszubildenden. So gut er auch Deutsch gelernt hat - es ist ungleich schwieriger, jemanden zu verstehen, den man nicht sieht und der womöglich im Dialekt spricht und diverse Fachbegriffe verwendet. Allgemein sei der Erklärungsbedarf sehr viel höher als normalerweise, sagt Verena Michel. Denn man bemühe sich nicht nur darum, Ausbildungsinhalte zu vermitteln, sondern auch lebenspraktische Dinge. Schließlich gelte es für die Flüchtlinge ja, den Alltag in dem für sie fremden Land zu bewältigen.
Durch diesen Austausch erfahren beide Seiten etwas von der anderen Kultur - das ist gelebte Integration.