Just am vorgestrigen Mittwochabend, als der Kreisverband der AfD zur Bürgerveranstaltung in die Scheffelklause lud, lief im Fernsehen das Politmagazin "Kontrovers" samt Beitrag zur AfD. "Heute Abend werde ich dort durch den Kakao gezogen", sagte Kreisvorsitzender Georg Hock. Da ist er sich sicher, und so lächelt der Mann zufrieden.
Sich selbst bezeichnete der 65-jährige Kulmbacher als "ausgewiesenen Kenner des Islam", als "Marketingspezialisten" und als "Oberfrankens härtesten AfD-Knochen" - der Mann ist mindestens selbstbewusst. Hätte er noch Charisma, könnte er womöglich Fehler überspielen.
Gerade mal 15 Interessenten sind an diesem Abend ins Nebenzimmer der Scheffelklause gekommen, um sich zur AfD und ihren Themen zu informieren. Aber die Themen sind das eine und die Art der Verpackung das andere. Derzeit steht die AfD in der Kritik, rechtspopulistisch zu sein. Wenn viele Parteien nach links rücken, wird der konservative Sitzenbleiber zwangsläufig zum Rechtsaußen. So ungefähr würde es Hock erklären und solcher Logik ist nicht zu widersprechen. Aber der Mann ist an diesem Abend unglücklicher oder bewusster Stichwortgeber für zutreffende oder fälschliche Verdachtsmomente. Eben weil er zunächst sachliche Argumente mit rechtspopulistischen Floskeln krönt. Wie soll eine Partei da nur unverdächtig werden?


15 Leute - es werden mehr

15 Besucher machen nicht unbedingt viel her, dennoch zeigt sich Hock zufrieden. Im Vergleich zum vormaligen Treffen seien es mehr geworden, ein Erfolg also. Die Menschen treibt etwas um, das spürt und hört man. Nazistische Gesinnung lässt sich nicht feststellen, die Menschen könnten genauso gut bei der CSU ihr Kreuz machen. Oder wie Hock glaubt: "Vor Jahren hätten sie dort ihr Kreuz gemacht, denn wir sind die CSU, wie sie früher mal war."
Doch wären seine Besucher bei einer CSU-Veranstaltung, würden sie sich womöglich häufiger namentlich zitieren oder fotografieren lassen. Hier aber schieben einige das in einer öffentlichen Veranstaltung kaum greifende Recht am eigenen Bild als Riegel vor. Tätig im öffentlichen Dienst und vermutlicher Ärger mit dem Arbeitgeber, fallen als Begründung. Auch die Presse bekommt Schelte und wird als voreingenommen linkslastig eingestuft.
Auf dem Siedepunkt einer kurzen Hitzigkeit wird auch der Ex-Fußballtrainer Adi Pinter, bislang stiller Beobachter, das Wort ergreifen und zu mehr Toleranz und Besonnenheit aufrufen. Aus Interesse sei er da, und bekommt von Hock ein Mitgliedsformular zugesteckt. Doch zum eigentlichen Thema kommt man erst über vier Anläufe. Immer wieder kündigt Hock das Problem Islamismus an, immer wieder aber schweift er ab. Hin zum Strompreis, zur Wirtschaft und wieder zurück. Zeremonie ist das nicht, eher Fahrigkeit.
Der selbsternannte ausgewiesene Islamkenner macht dann auch einen groben Fehler: Er spricht davon, dass Mohammed den Koran geschrieben habe. Aber der Mann war Analphabet. Mögen alle vorherigen Betrachtungen auch noch so vernünftig gewesen sein, in einem solchen Moment widerlegt Hock seine Selbsteinschätzung.
Nein, die AfD ist nicht aus der Flüchtlingskrise geboren. Ihr Start 2013 begann EU-kritisch und wirtschaftsliberal. Dann aber kam es zu einer Spaltung und ihr derzeit beherrschendes Thema ist der Flüchtlingszustrom nebst möglichen gesellschaftlichen Veränderungen. Das treibt der Partei mindestens konservative Wähler zu und könnte gar für einen möglichen Wähleraustausch sorgen. Darauf angesprochen erklärt Hock, dass ihn das nicht stören würde, da die AfD die "restriktivsten Aufnahmebedingungen" habe und Nazis abgelehnt würden.


Bundesweit für 22 Prozent gut

Einen solchen Satz bekommt der Mann auch in Nachbarschaft zu Bemerkungen unter, bei denen man sich - wie beim Plädieren für ein liberaleres Waffenrecht - fragen kann, ob er auf einem wirklichen oder vermeintlichen political-correctness-gebohnerten Parkett unglücklich oder absichtlich hinschlägt. Wählerpotenzial vermutet er jedenfalls auch bei Akademikern und für 22 Prozent auf Bundesebene sei die AfD über kurz oder lang gut.
Die Atmosphäre im Nebenzimmer scheint eine Melange aus Bürgerfrust, Vermutungen, Parteiprogramm, Vernunft und Polemik zu sein. Aber Letzteres zieht Hock immer wieder konsequent in eine anrüchige Grauzone. Was mitunter wie verunglücktes Kabarett wirkt, versteht er als "Marketingmaßnahme". "Parteiwerbung funktioniert wie in der Werbung über den Bauch", erklärt er und schiebt im Gespräch mit unserer Zeitung nach: "Wir sind APO (Außerparlamentarische Opposition) - die muss außerparlamentarisch randalieren."
Nach dreieinhalb Stunden ist der Abend gelaufen, sind Klischees bedient und womöglich auch Wahrheiten zu Wirtschaft, Banken und Islamismus angesprochen. Die Menschen gehen heim, Adi Pinter lässt seinen Mitgliedsantrag zurück und Kontrovers wird Hock an diesem Abend nicht durch den Kakao ziehen. Im 45-minütigen Format fallen gerade elf Sekunden für den Mann ab. Dabei wird seine Bewerbung für den Landesvorstand zitiert: "Ich bin ein überwiegend rechtspopulistisch agierender gnadenloser Demagoge. Im Dienste meiner AfD."