Der ganze Jura kämpft gegen den Bau von Windrädern. Der ganze Jura? Nein. Die Situation in Seubersdorf und im benachbarten Zultenberg (Kreis Kulmbach) hat schon etwas vom berühmten kleinen gallischen Dorf. Am Samstagnachmittag fand ein "Schaufelfest" statt, mit dem der Baubeginn für die ersten Windkraftanlagen im Kreis Lichtenfels gefeiert wurde.
Wer Asterix und wer Obelix ist, bleibt der Fantasie des Betrachters überlassen. Friedbert Weiß jedenfalls, der bei der Feier als Sprecher für die Seubersdorfer Bevölkerung auftrat, war die Freude über den Start des Projekts ebenso anzumerken wie die über die Tatsache, dass sich das prekäre Thema nicht negativ auf den Dorffrieden ausgewirkt hat. "Eigentlich mussten wir gar keine Überzeugungsarbeit leisten. Schon bei der ersten Aufklärungsversammlung Ende 2010 war die Dorfgemeinschaft sehr aufgeschlossen", verrät er.

Eigentümer spenden einen Teil

Gut 15 weitere Treffen sollten folgen. Dabei ging es nie um das Ob, sondern nur um das Wie von Windenergie auf Seubersdorfer Gebiet. Weil Weiß und seine Mitstreiter Werner Bienlein, Reinhold Dauer und Erwin Weiß von Anfang an darauf bestanden hatten, dass das ganze Dorf von den Anlagen profitieren soll. Während es anderswo Streit gibt, wenn ein Grundstückseigner die Pacht einstreicht und der Nachbar leer ausgeht, wurde in Seubersdorf und Zultenberg eine beispielhafte Vereinbarung getroffen: Die insgesamt 50 Eigentümer (davon die Hälfte Seubersdorfer) spenden ein Fünftel der jährlichen Pachteinnahmen an die jeweiligen Dorfgemeinschaften.
So erhalte Seubersdorf pro Jahr einen Betrag im niedrigen fünfstelligen Euro-Bereich, rechnet Friedbert Weiß vor. Geld, das der Weismainer Stadtteil gut gebrauchen kann, da die Kommune bekanntlich finanziell nicht auf Rosen gebettet ist. Beispielsweise soll es für den im Rahmen der Dorferneuerung geplanten Umbau des früheren Feuerwehrhauses zum Gemeinschaftshaus verwendet werden. Mit solchen Argumenten gelang es, nahezu in allen Haushalten Begeisterung für Windkraft auszulösen. Gerade einmal drei Gegner des Vorhabens gebe es in dem 100-Einwohner-Ort, ließ Weiß durchblicken. Von der Bürgerinitiative, die mehrere tausend Unterschriften sammelte und mit Erfolg gegen die Ausweisung von Windenergieflächen vorging, blieben Seubersdorf und der Kasendorfer Gemeindeteil Zultenberg unbehelligt, weil stets Pro-Windkraft-Stimmung herrschte.

Verträglichkeit im Mittelpunkt

"Dass eine Dorfgemeinschaft so hinter einem Vorhaben steht, habe ich in meinem 20 Jahren in dem Geschäft noch nie erlebt", zeigte sich auch Projektentwickler Bernd Ehricke von der Firma Biokraft aus Neunkirchen beeindruckt. In den Beratungen habe nicht der monetäre Aspekt, sondern die Verträglichkeit im Mittelpunkt gestanden. Deshalb entschieden sich die Dörfer für den Bau von lediglich sieben Windrädern, obwohl die Vorranggebiete für zwölf Anlagen vorgesehen waren.
Zuvor hatten Vertreter von Politik, Dörfern und Firmen einen symbolischen Spatenstich vorgenommen, während die Pfarrer Stefan Lipfert und Christoph Müller dem Projekt den Segen spendeten.
Weismains Zweite Bürgermeisterin Gabi Huber wies darauf hin, dass das Areal das erste im Regionalplan Oberfranken-West und damit im Lichtenfelser Landkreis sei, auf dem Windräder entstehen. Sie sprach von einer "guten Lösung, da sich die Stadt Weismain der Energiewende nicht verschließen will". "Planer und Bürger zeigen, dass sie weiter sind als so mancher Politiker", befand Landtagsabgeordnete Susann Biedefeld SPD), die dazu aufrief, wieder sachlich über Windkraft zu diskutieren. Laut Thomas Engel, Leiter der Energiewende-Arbeitsgruppe an der Oberfrankenregierung sind in Oberfranken 130 Windkraftanlagen am Netz, 60 weitere seien bereits genehmigt, 70 befänden sich im Genehmigungsverfahren. Über die Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung informierte Harald Mild als Vertreter der Friedrich-Wilhelm Raiffeisen Energiegenossenschaft Creußen. Weitere Grußworte kamen vom Ersten und Zweiten Bürgermeister des Marktes Kasendorf, Bernd Steinhäuser und Klaus Amschler.

Fakten zum BürgerWindpark Kasendorf-Weismain


Windräder Von den sieben Windenergieanlagen entstehen vier auf Kasendorfer und drei auf Weismainer Gebiet (zwischen Seubersdorf und der Straße Richtung Zultenberg).

Höhe Die Nabenhöhe beträgt 139 Meter, der Rotordurchmesser 120 Meter. Die Abstände zum nächsten Haus liegen zwischen 900 und 1500 Metern.

Leistung Die erwartete Einspeiseleistung (kalkuliert wird mit 2800 Volllaststunden im Jahr) beläuft sich auf über 50 Millionen Kilowattstunden. JedesWindrad erzeugt Strom für 2000 Durchschnittshaushalte.
Kosten Das Investitionsvolumen beläuft sich auf 35 Millionen Euro; die Fertigstellung ist für Ende Oktober vorgesehen.

Beteiligung 50 Grundstücksbesitzer sind direkt beteiligt. Sie spenden 20 Prozent der jährlichen Pachteinnahmen an die Dorfgemeinschaften Seubersdorf und Zultenberg.
Zwei Windräder erwirbt die Creußener BürgerEnergie-Genossenschaft. Eine Beteiligung ist ab 2000 Euro möglich. Der derzeitige Zinssatz liegt bei vier Prozent, bei gutem Wind kann er auf sechs Prozent steigen. Mehr Infos: www.creussen.raiffeisen-energie-eg.de.