In der Lichtenfelser Moschee hängt an der Wand im Gebetsraum eine besondere Digitaluhr. Ganz oben steht das Wort Imsak, weiter unten Yatsi. Und während der eine Begriff den zeitlichen Beginn des täglichen Fastens anzeigt, gibt der andere die Uhrzeit des täglichen Nachtgebetes an. Vor 3.53 Uhr sollte Mehmet Ali Cakir also gegessen und gebetet haben.

Arbeiten muss er trotzdem

Der Mann ist 45 Jahre alt, Lichtenfelser und auch Feuerwehrmann. In der Firma, in der er arbeitet, ist er Maschinenführer. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang isst er nicht, trinkt er nicht. Aber arbeiten muss er doch, denn Urlaub hat er gerade keinen. Seinen Ramadan hat er nicht zu organisieren, er hat ihn durchzustehen. "Es lässt sich aushalten", fasst er die Realität zusammen, die auf Außenstehende wie ein Dilemma wirken könnte.

"Jetzt hat es 30 Grad, jetzt habe ich Durst - jetzt weiß ich, wie ein Dürstender sich fühlt." Cakir ist Erster Vorsitzender der muslimischen Gemeinde in Lichtenfels. Was er sagen wird, geschieht in Abstimmung mit dem Mann, der zum Ramadan und seinen Hintergründen zwar mehr und theologisch basierter, aber nur auf Türkisch sagen kann: Vorbeter und Hodscha Ramazan Ölmez. "Pfarrer", nennt Cakir den 49-Jährigen für den Besucher des Fränkischen Tags. "Was will Gott mit dem Ramadan bezwecken?" ist eine Frage, die darum an den Hodscha geht.

Respekt vor Gott zeigen und Hungernde verstehen lernen

Die Antwort wird von Cakir übersetzt: Der Ramadan dient dazu, Respekt vor Gott zu zeigen und Hungernde verstehen zu lernen. Auch er selbst, so der Hodscha, verspüre keine körperlichen Probleme, hervorgerufen durch das Fasten. Der Mann wirkt taktvoll und er lächelt. Auf zwei Jahre ist sein Aufenthalt in Lichtenfels ausgelegt, dann wird er wieder in die Heimat zurückkehren.

Die 90 Mitglieder zählende Gemeinde hier vor Ort, die er betreut, bleibt. Diaspora nennt man religiöse Gruppen, die ihre traditionelle Heimat verlassen haben und unter Andersdenkenden leben. Eine Diaspora vergewissert sich über ihre Traditionen und Feste ihrer Verbundenheit. So auch im Landkreis?

Andere Muslime eingeladen

Am vergangenen Samstag, so erzählt Cakir, feierten Muslime aus Lichtenfels in der Schneyer Schützenhalle gemeinsam das Fastenbrechen nach Sonnenuntergang. Dazu luden sie andere Muslime aus Neustadt b. Coburg, aus Redwitz, aus Kulmbach und aus Coburg ein. Und die kamen. Das Ganze passiert auch umgekehrt und somit ist der Ramadan für die Muslime in und um die Korbstadt auch ein geselliges Ereignis. Finanziert wird es aus den jeweiligen Gemeindekassen.

Der "Pfarrer" stellt die seelischen Auswirkungen entgegen. Längst nicht jeder Mediziner hält das Fasten für eine vorteilhafte Sache. Hodscha Ölmez weist darauf hin, dass Kranke oder Schwangere ja ohnehin nicht zum Fasten verpflichtet seien, aber darüber hinaus will er auf das Mitgefühl mit den Armen verweisen. Und auch darauf, Pluspunkte für das Jenseits zu sammeln. Das Mitfühlen, erklärt Cakir, beginne schon für Kinder, für Mädchen ab neun Jahren und für Jungen ab zwölf Jahren.

Beginn mit der Pubertät

Das sei eine Richtschnur, aber durchaus verhandelbar. Das Eintrittsalter in den Ramadan als Pflicht für den Muslim oder die Muslima habe mit dem Einsetzen der Pubertät zu tun, sei daran gekoppelt. Für Kinder gebe es schon Einweisungen in ihre spätere religiöse Pflichtaufgabe, etwa dann, wenn ein Kind dazu angehalten werde, zunächst einmal einen halben Tag lang zu fasten. Auch wenn man in der Diaspora lebt, so erfreue sich der Ramadan bei jungen Türken am Obermain großer Beliebtheit, versichert Ölmez. "Das machen sie gerne, Fragen (nach einem Weglassen) kennen sie nicht."

Am 27. Juli endet der Fastenmonat, der sich nach dem islamischen Mondkalender richtet und sich jedes Jahr um zehn, elf Tage verschiebt. Bis dahin haben Cakir und viele andere gläubige Muslime um 22.42 Uhr ihr Nachtgebet zu sprechen und ihren Alltag oder ihren Schlaf so einzurichten, dass sie ihren Pflichten zwischen Imsak und Yatsi nachkommen.