"Wenn der Chef kommt, dann wird es richtig voll." CHW-Bezirksvorsitzender Gerhard Schmidt staunte nicht schlecht über den Andrang in der ehemaligen Synagoge, hatte die Erklärung für den ausgezeichneten Besuch mit einer augenzwinkernden Mischung aus Anerkennung und Flapsigkeit aber selbst parat. Wenn Bezirksheimatpfleger Günter Dippold über die Identität der Franken spricht, ist das fast schon ein Muss für alle an der Heimat interessierten Menschen.
Immer wieder mussten am Donnerstagabend Stühle hereingebracht werden, immer wieder rückten Besucher durch den Raum nach. Letztlich saßen dem Bezirksheimatpfleger Besucher auch ohne Stuhl zu Füßen. Im übertragenen Sinne könnten sie ihm oder der Mischung aus Person und Thema womöglich auch zu Füßen gelegen haben.
Nur Forschungsergebnisse gab es nicht zu hören. Der Vortrag unter dem Titel "Anmerkungen zur Geschichte und Identität Frankens" bot allerlei Informationen und Erklärungen. Dippold erntete wiederholt Szenenapplaus, womöglich auch von gequälten fränkischen Seelen. Überraschend wendungsreich gestaltete sich sein Tauchgang ins Land der Franken.


Von "schlichten Gemütern"

Wäre man vor 500 Jahren auf dieser von-scheffelschen Zeile gefahren, wäre man wohl nur bis Steigerwald oder Spessart gekommen. Das blieb begrifflich übrig vom enormen Frankenreich aus dem 9. Jahrhundert, das mit dem heutigen Franken nur von "schlichten Gemütern" gleichgesetzt würde.
Ja und selbst die Stadt Nürnberg, ein Inbegriff Frankens mit Burg, rot-weißen Fensterläden und einem Frankenstadion, habe humanistischen Autoren des 15. Jahrhunderts zufolge einst davon Abstand genommen, sich als Franken oder Bayern zu sehen. Man war Nürnberg und genügte sich.
Auf den 2. Juli 1500 gelingt die Datierung des Beginns einer verbindlichen Gliederung Frankens. Ab da erfolgte aber auch ein Parforce-Ritt durch allerlei Erhellendes zu Warenverkehr, Münzwesen und dazu, "wie der fränkische Reichskreis als Wirtschafts-, Sicherheits- und Militärunion in den Alltag der Menschen hineinwirkte".
Was den Reiz des Vortrags ausmachte, war nicht allein die Betrachtung von Grenzen und Grenzverschiebungen. Der Franke ist auch in seiner Sprache beheimatet. Oder vielleicht doch nicht? Es regte sich etwas im Publikum, als Dippold erklärte, dass man im Fichtelgebirge aufgrund langer Zugehörigkeit zum Markgrafentum Kulmbach fränkisch sei, aber nordbairisch spreche. Immer wieder traten zwei Erkenntnisse hervor: Dass es "nicht ein eindeutiges Franken gab, geschweige denn gibt", dass an diesem Franken jedoch etwas dran ist. Im Herzen Europas liegend, war es Transitland. Hier zogen italienische Familien durch, hier fanden Juden Zuflucht vor Pogromen in anderen Gebieten, hier schufen italienische oder sächsische Künstler Werke, die "viel von dem haben, was unsere heutige Identität ausmacht".


Neues Selbstbewusstsein

Bei der Aufzählung dieser Namen und Werke verstand der Zuhörer, dass Franken einst Mittelpunkt Europas war und als solcher gesehen wurde. Mehr noch: Der Professor und CHW-Vorsitzende Günter Dippold zeichnete das Bild eines fränkischen Motors für das gesamtbayerische Staatswesen im 19. Jahrhundert, fechtend für die Ideale von Demokratie und deutscher Reichseinheit. Etwa an diesem Punkt geschah die Wende zur Forderung: Es waren nicht nur Forderungen in Richtung München, beispielsweise, dass Forschungseinrichtungen auch nach Franken gehörten. Es war auch die Forderung an den Franken selbst, ob seiner Geschichte und Geschichten ein ruhiges, natürliches Selbstbewusstsein an den Tag zu legen.
Der Abend hatte viel zu bieten zwischen Philosophie, Anekdotischem, Humorigem und gesicherten Erkenntnissen, eingebettet in den knifflig auszuleuchtenden Begriff vom Franken und in eine gewisse CHW-Gemütlichkeit.
Am Ende aber, trotz der Schwierigkeit der Annäherung an den Begriff Franken, lag etwas in der Luft: Es gibt ihn doch!