Wenn Karl-Josef Giebfried mit seinem Roller an der Ampel steht, dann hört man kein Röhren oder Knattern, kein Gestank, der in dichten Wolken aus dem Auspuff bläst. Doch - man muss sich vergewissern - Giebfried sitzt tatsächlich auf einem Roller. Und freut sich schon diebisch auf den Moment, wenn er anfährt. Dann blickt er gerne in den Rückspiegel und amüsiert sich über die verdutzten Gesichter der Menschen an der Straße hinter ihm.
Karl-Josef Giebfried muss jedes Mal schmunzeln, wenn er an die Situation an der Ampel denkt. Seit einem halben Jahr bringt er sämtliche Verkehrsteilnehmer zum Staunen. Im Juli 2011 hat sich der Unterzettlitzer einen Elektroroller zugelegt. Giebfried war damit der Erste im Landkreis, der ein zulassungspflichtiges Elektrofahrzeug angemeldet hat.

Verwirrung bei der Zulassung


Auf der Zulassungsstelle hat der E-Pionier einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Elektrofahrzeuge waren damals für die Zulassungsstellen Neuland. "Als ich rein kam, war die erste Frage, wie viel Kubikzentimeter mein Roller hat", schmunzelt Giebfried. Der Hersteller seines Rollers hat ihm extra ein Musterzulassung für Elektroroller mitgegeben - in weiser Voraussicht. Da wurde Giebfried seine Vorreiterrolle bewusst.
Und noch immer sind nicht all zu viele Elektrofahrzeuge gemeldet. Nach Auskunft des Landratsamtes Lichtenfels sind, neben 13 Hybridfahrzeugen (Elektro- und Benzinantrieb), aktuell fünf reine Elektrofahrzeuge im Landkreis zugelassen. Darunter sind drei Autos, ein Gabelstapler und ein Roller - der von Giebfried.
Karl-Josef Giebfried ist das, was man einen Pionier nennt. Der 45-Jährige hat bereits, als er vor 14 Jahren sein Haus plante, energetisch gedacht. Die Wände sind aus Styropor. "Niedrigenergie", sagt Giebfried und klopft an die Wand in seinem Esszimmer. Die Energiefrage lässt ihn nicht los. So kam auf dem Dach eine Photovoltaikanlage hinzu und eben sein letzter Streich für die Straße, der Elek troroller.
Er hat lange überlegt, ob er den Kauf wagen soll. Schon immer fuhr Giebfried leidenschaftlich Motorrad. Als seine letzte Maschine den Geist aufgegeben hatte, hat er ein neues Fahrzeug benötigt. Da er zeitgleich bei den Lichtenfelser Sonnentagen - der Energiemesse des Landratsamtes - einen Elektroroller erblickte - kam er ins Grübeln. Denn der Preis war stolz: 12 500 Euro. "Da hab ich schon geschluckt", sagt Giebfried. Für das Geld würde er auch einen herkömmlichen Kleinwagen bekommen. Also: Auto oder Roller? Will er das Risiko eingehen? Vergleichsmöglichkeiten oder Referenzen gab es nicht. Kaum einer der Erfahrung mit der neuen Technik hatte, aber Karl-Josef "Joe" Giebfried dachte sich: "Das mach ich."
Denn - und jetzt kommt die ganz verrückte Rechnung - er hat ja seine Photovoltaikanlage, dachte er. Giebfried produziert mit seiner Photovoltaikanlage pro Jahr 6000 Kilowattstunden Strom. Die fünfköpfige Familie verbraucht etwa 4500 Kilowattstunden pro Jahr. Bleiben 1500 Kilowattstunden über. "Mit denen könnte ich genau 300 Tage im Jahr zur Arbeit fahren", sagt Giebfried, der die Zahlen genau im Blick hat. Theoretisch könnte Giebfried also völlig autark vom öffentlichen Stromnetz und völlig Co2-frei fahren. Doch Giebfried speist seinen Strom ins öffentliche Netz ein. Was zu einer noch verrückteren Rechnung führt.

Fahrten zum Nulltarif


Jeden Tag pendelt der Elektroingenieur 28 Kilometer nach Coburg. Da Giebfried viel auf der Autobahn unterwegs ist, kann er 70 bis 80 Kilometer mit einer vollen Batterie fahren. Das reicht, um am Tag hin und zurück zu kommen. Am Abend stöpselt er den Roller an die Steckdose in der Garage an. Nach fünf bis sechs Stunden ist die Batterie wieder voll. "Ich brauche etwa fünf Kilowattstunden pro Ladung", hat Giebfried gemessen. Bei einem Preis von 22 Cent pro Kilowattstunde kostet ihn eine Fahrt 1,10 Euro. Doch dadurch, dass der 45-Jährige mehr Cent für seinen produzierten Strom bekommt, als er selber für den Strom wiederum bezahlen muss, fährt er unter dem Strich umsonst.
Giebfried reckt den Daumen nach oben. Die Investition hat sich aus seiner Sicht voll gelohnt. Die Leidenschaft dafür muss man aber haben. "Ich liebe es, mit dem Roller zu fahren", sagt Giebfried. Allerdings geht das nur bei Temperaturen bis drei Grad plus. Darunter ist Schluss. Die Leistung der Batterie lässt dann stark nach.
Wer umsatteln will auf Elektroantrieb, muss sich und seine Gewohnheiten umstellen. Vor allem nachts: Da wird geladen. Manchmal, wenn Karl-Josef Giebfried schon im Bett lag, ist ihm eingefallen, dass er die Batterie noch anschließen muss. Also musste er wieder raus in die Garage. "Das erfordert schon Disziplin", sagt er.
Der Umstieg auf umweltfreundlichere Elektromobilität kostet auch den Preis, sich auf den Straßen zu zügeln. Mit aggressivem Fahrstil kommt man, im wahrsten Sinne des Wortes, nicht weit, weiß Karl-Josef Giebfried. Und für die Fälle, dass dem E-Pionier einmal der Saft in Coburg ausgehen sollte, hat er sich bei seinem Arbeitgeber versichert: Die Steckdose darf er auch mal anzapfen.