Zirkus mit Tieren. Mag ich eigentlich nicht. Moralisch und ethisch verwerflich, raunt die Stimme im Unterbewusstsein. Auch mein Ökosohn hat mir das eingeredet. Aber ich geh trotzdem hin. Aus Neugier ... und wegen Paul und Carlotta.

"Toll, toll, toll, das war das Schönste, was ich je gesehen hab", ruft Carlotta, zwar etwas theatralisch, aber glücklich. Paul nickt geplättet, ihm sind die Worte weggeblieben, sie wirken beide erschöpft nach zweieinhalb Stunden. So lange hat die sensationelle Vorstellung gedauert. Glücklich sind wir alle drei, dass wir dabei waren. Man lernt ja nie aus.

Popcorn unterm Sitz versteckt und Zuckerwatte reingestopft sitzen sie da in freudiger Erwartung. Es wird dunkel, Nebel steigt auf und feenartige hübsche Frauen tanzen auf den Rängen mitten im Publikum. Ein Feuerschlucker schwebt im Raum. Ah, das ist ja wie auf dem fliegenden Teppich. Und eine coole Show beginnt, der Zirkusdirektor im Glitzeranzug macht es kurz: "Manege frei" - und eine beträchtliche Anzahl von Kamelen bewegt sich zu orientalischen Klängen.


Klassik und Moderne vereint

Was zunächst nach Gewimmel aussieht, endet in einer tollen Dressur. "Voll süß, wenn die mit den Höckern wackeln", kreischen die Kinder. Die Tiere machen einen entspannten Eindruck und kriegen ihr Leckerli. Es mag täuschen, aber fast denkt man, sie lachen das Publikum aus. Und der Feuerschlucker auf dem Teppich ist wirklich atemberaubend. Schlangen vervollständigen das Szenario.

Im gleichen Tempo geht es weiter mit Akrobatik auf dem Schlappseil zu spanischen Klängen. Überhaupt ist alles sehr modern, und der Einklang zwischen mitreißender Musik, Choreografie und Kunststück ist den Artisten enorm wichtig. Der erst 18-jährige Deniro Wille, der jüngste der Gebrüder Wille, tanzt und schwebt auf dem Seil und fabriziert waghalsige Kunststücke. Soviel Kraft und Mut, wenn er auf dem Rad auf dem Seil jongliert.

Als einziger Europäer könne er den Handstand auf einem durchhängenden Seil. Sogar bei der Show "Deutschland sucht das Supertalent" war er dabei. Später brilliert er noch mit einem einzigartigen Kraftakt an der Polestange und begeistert mit einer futuristischen Choreografie.

Spätestens jetzt begreift man, dass es sich um einen ganz besonderen Zirkus handelt. Hier will man den klassischen und modernen Zirkus miteinander vereinen, das sieht man an der Leidenschaft der Artisten, das überträgt sich aufs Publikum.

Durchtrainierte Menschen bewegen sich zu Standardtänzen, vermutet man, aber jetzt ist eine Verkleidungs- und Verwandlungsnummer angesagt. Man hantiert und schmeißt mit Glitzerstoffen und in wenigen Sekunden steht das Duo Manoleros in neuem Outfit da.

Alle sind wie elektrisiert, als sich Loredana ohne Netz und Boden hoch oben im "Spinnennetz" bewegt oder Marketa aus Prag am Trapez fliegt. Das Anmutige und Graziöse der Akrobatinnen täuscht über die Gefahr hinweg und macht wohl die eigentliche Faszination aus. Und richtig märchenhaft wird es in der Manege, als "Tinkerbell" ihre Handstandakrobatik vorführt.


Faszinierende Vertrautheit

Gleich zweimal treten die Clowns Charly und Antonia in Erscheinung. Sie sorgen dafür, dass kein Auge trocken bleibt, spätestens dann, als sie mit Wasser in die Menge spritzen. Die Kinder johlen vor Vergnügen.
Und auch der Wilde Westen kommt mit den "Colorados" in die Manege. Laut knallen die Peitschen, man zuckt förmlich zusammen, aber die Messerwerfnummer lässt das wieder vergessen.

Der Höhepunkt ist die Raubkatzendressur von Manuel (Manolito) Wille mit weißen Löwen, weißen Tigern, Berberlöwen und sibirischen Tigern. "Wir setzen auf Respekt und Anerkennung. Die Gefährlichkeit dieser Darbietung mit Raubtieren ist nicht zu unterschätzen", sagt er, und der Schweiß läuft ihm herunter.

Es ist unglaublich anzuschauen, wenn sich die Großkatzen von ihm streicheln lassen. Die Vertrautheit zwischen Tier und Dompteur zieht einen in den Bann, fast noch mehr als die Kunststücke selbst.