Barbara Starklauf sitzt in der ersten Reihe. Auf einem Platz, den man sich nicht kaufen kann. Die Staffelsteinerin hat im zweiten Stock ihrer Wohnung - gegenüber dem Heimatmuseum - einen perfekten Blick auf ein Familientreffen der besonderen Art.

Ein Turmfalkenpärchen hat kürzlich vier junge Turmfalken in eine Mauernische des Museums am Kirchplatz gebracht und diese dort groß gezogen. "Bewusst wahrgenommen habe ich die jungen Turmfalken vor rund drei Wochen und sie wachsen täglich zusehends", sagt Barbara Starklauf. Da Turmfalken bereits nach vier Wochen flugfähig sind, werden die Jungtiere das Nest schon in wenigen Tagen schon wieder verlassen.

Nur einige Meter vom Nistplatz entfernt arbeitet Matej Mezovsky. Er ist am Amt für Landwirtschaft in Bad Staffelstein als Wildlebensraumberater angestellt. Auch ihm sind die jungen Greifvögel in den letzten Tagen aufgefallen. "Turmfalken sind Kulturfolger, sprich sie gehen dahin, wo Menschen sind", sagt er. "Sie brüten größtenteils in Nischen, an alten Gebäuden, auf Türmen und heute weniger an Felsen oder auf Bäumen."
Barbara Starklauf kann dies bestätigen. Sie beobachtet das immer wiederkehrende Turmfalkenpärchen bereits seit fünf Jahren. In den letzten Jahren brüteten die Greifvögel noch direkt an der Kirche, unter einem der Ecktürmchen, erzählt sie.


Bestand geht in Städten zurück

Der Turmfalke ist neben dem Mäusebussard der häufigste Greifvogel in Deutschland. Die Population ist laut Matej Mezovsky aktuell auch im Landkreis Lichtenfels relativ stabil. Nach Angaben der Weltnaturschutzunion IUCN gilt der "Vogel des Jahres 2007" aktuell als noch nicht gefährdet. Thomas Köhler, Vorsitzender vom Verband "Artenschutz in Franken", warnt aber trotzdem: "Es ist mittlerweile zu einer Eigenart geworden, so lange zu warten, bis ein Vogel auf der Roten Liste steht. Und dann ist es zu spät." Der Artenschützer weist darauf hin, dass der Bestand an Turmfalken in einigen Großstädten bis zu 40 Prozent zurückgeht. Zu erklären ist diese Tatsache durch die Zunahme von Gebäudesanierungen nach energetischen Gesichtspunkten in jüngster Zeit. Dadurch verlieren die Vögel Lebensräume und Brutplätze. "Was für Menschen positiv ist, kann für Tiere negativ sein", sagt er. Man solle auch bei Renovierungsarbeiten darauf achten, ein mögliches Habitat für Vögel zu erhalten. Ein weiteres Problem seien die Schließungen vieler Kirchtürme und Dachstühle aufgrund örtlicher Probleme mit Tauben. Auch hier verlieren Turmfalken einen potenziellen Lebensraum.

Die Greifvögel sind selbst nicht in der Lage, ein etwaiges Taubenproblem auf natürliche Weise zu lösen. Matej Mezovsky: "Die Turmfalken sind in der Regel zu klein, um Tauben zu schlagen." Geeigneter seien hierfür Wanderfalken, die deutlich größer und schwerer seien. Turmfalken ernähren sich größtenteils von Mäusen und Insekten. Um die Nahrung auch für die Zukunft sicherzustellen, nimmt Thomas Köhler auch die Landwirtschaft in die Pflicht: "Mittlerweile gibt es durch Überdüngung zu viele insektenarme Ackerflächen."


Neues Projekt in Vierzehnheiligen

Damit die Biodiversität langfristig erhalten bleibt, wird derzeit in Vierzehnheiligen ein neues Quartier für bedrohte Tierarten errichtet. Ein altes Trafohäuschen wird mit Unterstützung der Audi Stiftung für Umwelt in einen Artenschutzturm umgewandelt. Aktuell werden Brutplätze für die Tiere eingerichtet. Dabei sind die Nisthilfen speziell auf die einzelnen Tierarten zugeschnitten. "Das sind alles Eigenentwicklungen. Aus 25 Jahren Erfahrungen wissen wir, was die Tiere bevorzugen", erklärt Thomas Köhler. Ehrenamtliche Mitarbeiter von "Artenschutz in Franken" übernehmen die Überwachung und Betreuung der Tiere. Es entstehen unter anderem Nistplätze für Insekten, Bienen, Fledermäusen und auch Turmfalken. Durch eingebaute Kameras und Mikrofone kann das Wachstum der Tiere im Internet verfolgt werden. Außerdem gibt es im untersten Stock einen Bildschirm und Infotafeln für Besucher.

Die moderne Technik soll vor allem die Jugend ansprechen. "99 Prozent der Kinder haben heute keinen Bezug mehr zu Tieren. Es ist wichtig, dass sie wieder ein Gespür bekommen", so Thomas Köhler. Die Patenschaft für das Objekt übernimmt die Maintal-Kindertagesstätte in Schönbrunn. Der Artenschutzturm wird im August eröffnet. Thomas Köhler betont aber, dass drei bis fünf Jahre vergehen können, bis das Gebäude komplett besiedelt ist.





Turmfalken im Überblick




Bestand Der Turmfalke ist neben dem Mäusebussard die häufigste mitteleuropäische Greifvogelart. In Deutschland gibt es aktuell rund 50 000 Brutpaare. Laut der Weltnaturschutzunion gilt der Turmfalke als noch nicht gefährdet.

Erscheinung Ein Turmfalke wird nur bis zu 35 Zentimeter lang. Weibchen sind mit einem Gewicht von rund 250 Gramm deutlich größer und schwerer als die männlichen Falken (170 Gramm).

Brut Als sogenannte Kulturfolger brüten Turmfalken bevorzugt in menschlichen Siedlungen in hohen Gebäuden wie Kirchtürmen. Sie können aber auch in Krähenhorsten in Baumkronen nisten. Die Eier werden dabei Mitte April gelegt und für vier Wochen bebrütet. Die Jungvögel bleiben dann noch einmal vier Wochen im Nistplatz, bevor sie flugfähig sind.

Ernährung Der Turmfalke ernährt sich von Mäusen, Insekten und Kleinvögeln. Tauben werden nur selten erbeutet, da sie in der Regel zu groß sind.