"Die Stechhexe Gisi" bringt sie an, der Tätowierer Gerhard Habeck entfernt sie mitunter: Tätowierungen. Eine Tattoo-Convention ist ein Tummelplatz von Menschelndem, Individuellem und zu Hinterfragendem. Impressionen aus der Stadthalle vom Wochenende.
Ein Surren liegt in der Luft. Tätowiermaschinen bringen diesen Klang hervor, bedient von 70 Tätowierern an wohl 50 Ständen. Der Trend scheint nicht abzuebben, denn im Vergleich zum Vorjahr wird an zehn Ständen mehr gesurrt. Eine, die sich das neuerdings gerne gefallen lässt, ist Gisela Gilg. Aus der Oberpfalz ist die Seniorin angereist und mit 61 Jahren ließ sie sich ihr erstes Tattoo stechen. Heute, zwei Jahre später, hat sie sich, das zeigt ihr Körper, der Sucht des Tätowiertwerdens ergeben. Sucht, so nennt sie selbst ihren Hang zur Farbe unter der Haut. Es herrscht eine gewisse ausgelassene Stimmung in der Halle, etwas, das mit Freude an der Suche nach sich selbst samt eigener Verwirklichung zu tun haben muss. Nur hier strahlen Menschen, wenn sie von ihrer Sucht reden.
Jetzt gleich wird die Oma sich ein Bekenntnis zu ihrer Lieblingsmotorradfirma in die Haut stechen lassen. Aber die Frau hat eine im Leben gewonnene Souveränität und lässt die Frage zu, wie sie denn nun zu ihrer Rose auf der Haut bei nachlassendem Bindegewebe steht: "Dann welkt die Blume eben", sagt sie und lacht.


Porzellanfee mit Kulleraugen

Cindy Frank kommt aus den neuen Bundesländern, eine bildschöne Frau, sehr tätowiert. Unter ihren Tätowierapparat geriet ein Oberschenkel und wird dort, mit Unterbrechungen, sechs Stunden bleiben. Am Ende wird er eine Art Fee mit Kulleraugen und Porzellanteint hinterlassen - Geschmacksache. Die junge Frau, die das nun tragen wird, hatte das Gefühl, es wäre "mal wieder Zeit" für eine neue Tätowierung. Ab und an hält ihr Mann ihr die Hand. Aber die Frau mit dem Kurzhaarschnitt ist hart im Nehmen und hält sechs Nettotätowierstunden durch. Am Ende darf sie stolz sein, denn was sie nun ganz frisch auf der Haut trägt, wird einen Preis abräumen.
Tagespreise für beste Arbeiten, diese Wettbewerbskategorie gibt es hier. Doch, Moden, so sagt Cindy Frank, gebe es bei Tätowierungen schon. Derzeit sei das Semikolon beliebtes Codezeichen. Dann fragt sie einen Umstehenden, warum er noch nicht tätowiert sei. Eine entwaffnende Frage, zu der der Angesprochene ad hoc nicht leicht eine begründete Antwort findet.
Nein, im Bild sein möchte der Mann nicht. Er möchte nicht erkannt werden - öffentlicher Dienst und so. Das, was auch schon Gisela Gilg jahrelang von einer Tätowierung abgehalten habe, hält ihn nicht ab, lässt ihn sich aber für eine im beruflichen Alltag nicht einsehbare Stelle entscheiden. Ihn zog es zur Tätowiererin namens Gisi, die sich verspielt Stechhexe nennt. Der Mann, so um die Mitte 40 und aus dem östlichen Landkreis, hat schon eine Tätowierung am Oberarm. Eigentlich zwei, denn die wurde überarbeitet und neugestaltet und eigentlich übermalt. Auch das eine Disziplin, die Beachtung und Bewertung findet. Heute ist ihm nach einem Betty-Boop-Tattoo, einer uralten Cartoon-Figur aus der Zeit, als die Bilder gerade mal laufen konnten. Was er damit ausdrücken möchte, ist ihm nicht ganz klar, aber die Erinnerung an den Schmerz des ersten Tattoos ist ihm zu verblasst.
Wenige Meter entfernt steht ein junger Mann, blond, mittelgroß und mit einer Frage: Was soll ich mir stechen lassen? Stechen, so heißt das Anbringen einer Tätowierung im Fachjargon. "Ich habe noch Platz frei", führt er als Begründung an, als er seine Arme betrachtet. Und eine Tätowiererin bemerkt außerdem, dass das Geld für Tätowierungen lockerer säße als für andere Anschaffungen. Gerhard Habeck hat sich ein Büro in der Stadthalle eingerichtet. Dort, wo der Backstagebereich ist. Der Mann aus Hof ist in die Organisation eingebunden und hat das Catering im Blick. 18 Jahre muss man alt sein, um tätowiert werden zu dürfen, erklärt er. Oder 16, dann aber in elterlicher Begleitung. Ein Abebben des derzeitigen Tätowiertrends sieht er nicht. "Es kommen immer neue Nichttätowierte nach", sagt er und ein Schmunzeln spielt um seinen Mund. So um die 290 Euro kostet die Standmiete.