"Ein Erdbeben der Stärke 6 auf der Richterskala erschütterte heute Nacht den Landkreis Lichtenfels und richtete teilweise schwere Schäden an Gebäuden und Infrastruktur an. Besonders betroffen ist ein Gebäude am Kreuzberg in Bad Staffelstein.", erläutert Zug truppführer Daniel Schell den Einsatzkräften des Technischen Hilfswerks Bad Staffelstein die aktuelle Lage. "Dort werden noch Personen vermisst. Unsere Aufgabe ist es, das Gebäude zu durchsuchen und sich noch darin befindende Personen aus dem Gebäude zu schaffen."

Vorbereitung ist Pflicht

Das Szenario für die Einsatzübung der Bad Staffelsteiner THWler klingt zwar etwas unrealistisch und überzogen, als deutsche Katastrophen- und Zivilschutzorganisation muss das Technische Hilfswerk aber auf derartige Ereignisse vorbereitet sein. "Außerdem hat sich das Abbruchhaus, das uns die Stadt Bad Staffelstein bis zu dessen Abriss freundlicher Weise zu Ausbildungs- und Übungszwecken überlassen hat, für ein solches, angenommenes Ereignis angeboten.", fügt André Hofmann, Gruppenführer der 1. Bergungsgruppe hinzu.
Seine Helferinnen und Helfer werden bei der Einsatzübung am Bad Staffelsteiner Kreuzberg ziemlich gefordert: Weil angenommene Trümmerteile den Zugang zum Gebäude im Erdgeschoss versperren, können die Einsatzkräfte das Wohnhaus nur durch die Fenster der oberen Stockwerke betreten. Gegen Absturz gesichert, begibt sich der erste Trupp über eine Leiter auf der linken Seite in das Gebäude. Die Wohnung, die sie vorfinden ist leer, allerdings sind einige Zimmer wegen Trümmerteilen nicht mehr zugänglich. "Wir nennen so etwas einen "verschlossenen Raum"", erläutert André Hofmann. Jetzt geht es darum, Zugang zu den abgetrennten Räumen zu bekommen. In diesem Fall direkt durch die Wand. Mit einem elektrischen Aufbruchhammer stemmen die ehrenamtlichen Helfer die Wand auf. Zunächst ein kleines Loch, um schon mal einen Blick in den Raum werfen zu können, schließlich könnte ein Verletzter direkt an der Durchbruchsstelle liegen. Danach wird ein kleiner Durchgang in die Wand gemeißelt.

"Verletzter" entdeckt

Zwei THWler betreten durch den neu geschaffenen Zugang den Raum. Zur Erkundung, also um festzustellen, ob ein gefahrloses Betreten möglich ist und ob sich vielleicht Personen in dem Raum befinden. Hinter einer fast eingefallenen Mauer werden sie fündig: Angelehnt an die Außenwand sitzt ein "Verletzter". Natürlich kein richtiger Mensch, sondern eine Übungspuppe. Auf dem Zettel um ihren Hals steht "Stark blutende Kopfverletzung, Transport liegend, horizontal". Einer der beiden Helfer übernimmt die Erstversorgung, der zweite erstattet per Funk seinen Gruppenführer Bericht.
Jetzt geht es an den Transport des Verletzten aus der Schadenstelle. Da dieser möglichst horizontal liegend vonstattengehen soll, müssen die Einsatzkräfte auf Hilfsmittel zurückgreifen, um die Übungspuppe aus den zweiten Stock zu bekommen. Gruppenführer André Hofmann entscheidet sich für einen sogenannten Leiterhebel. Mit Hilfe einer Steckleiter, an der eine Schleifkorbtrage befestigt wird, können seine Helfer den Verletzten mit Seilen nach unten ablassen, wobei die Leiter dabei als Hebelarm wirkt. Nach erfolgreicher Rettung wird der Verletzte noch zur Verletztenübergabestelle gebracht, wo er im Echteinsatz an den Rettungsdienst übergeben werden würde.

Zwei Bergungstrupps beteiligt

Doch damit ist die Übung für André Hofmann und seiner 1. Bergungsgruppe noch nicht beendet. Über ein Loch im Boden des 1. Stocks gelangen die THWler ins Erdgeschoss, wo sich hinter einem erneuten Wanddurchbruch eine weitere verletzte Person befindet. Und auch die 2. Bergungsgruppe ist an der Übung beteiligt. Deren Helferinnen und Helfer betreten zeitgleich auf der rechten Seite das Gebäude, transportieren eine verletzte Übungspuppe aus dem zweiten Stock nach unten und verschaffen sich schließlich durch einen Wanddurchbruch Zugang zum Dachboden. Eine dort aufgefundene Übungspuppe wird schließlich mit der Schleifkorbtrage über eine Seilbahn nach unten gebracht.

Koordiniert werden die beiden eingesetzten Bergungsgruppen während der knapp achtstündigen Übung durch den Zugtrupp des Ortsverbandes. Neben Zugführer Johannes Stich und Zugtruppführer Daniel Schell hilft dort zum ersten Mal auch ein Junghelfer der Jugendgruppe mit: Der 16-jährige Erik Trebes hat die Rolle des Funkers übernommen. Er gibt Anweisungen an die beiden Bergungsgruppen in der Einsatzstelle weiter und dokumentiert eingehende Funksprüche für die Lagekarte und das Einsatztagebuch.
Weitere Junghelfer üben auch in den Bergungsgruppen. Gemeinsam mit den Erwachsenen stellen die Jugendlichen ihr Können bei der Verletztenbetreuung und bei der Anwendung von unterschiedlichen Rettungsmethoden unter Beweis. "Die Jugendlichen finden das gemeinsame Üben mit den Erwachsenen total klasse.", weiß Jugendbetreuerin Nadine Reich, "Schließlich hat man ja sonst kaum die Gelegenheit mal mit schwerem Gerät eine Wand zu durchbrechen." Und da geht es nicht nur den Jugendlichen so.