Wecktermin: fünf Uhr morgens. Es ist noch dunkel, wenn Nicole Hönninger den Schlüssel in das Schloss am Glasvorbau des Merania-Bades steckt. Kein Mensch ist zu sehen, und dennoch ist die 31-jährige Lichtenfelserin nicht die Einzige hier. Ihre Mutter Edeltraut Fischer ist kurz vor sechs Uhr auch schon da. Für die Dauer von zwei Stunden werden die beiden gemeinsam eine Lichtenfelser Einrichtung pflegen, aber dabei nicht oder nur spärlich miteinander sprechen. Das passiert später, so in etwas mehr als zwei Stunden, wenn dieser Job erledigt ist und der zweite Auftrag an diesem Tag, irgendwo in Michelau, bevorsteht.
Was Edeltraut Fischer gekonnt vor sich herführt, sieht ein wenig aus wie ein Minensuchgerät. Die Dame muss bei diesem Vergleich lachen. Der Blocker, so heißt die Maschine, schwingt unter ihren Händen und unter Strom von links nach rechts und rechts nach links. Leicht ist das für die Arme nicht, aber die Frau hat den Bogen raus. "Bis die Maschine tut, was man will, braucht´s seine Zeit", weiß sie. Ihre Tochter arbeitet weiter entfernt von ihr, auf der Galerie, der Zuschauertribüne, die sie über ein Kabel ausfahren konnte.
17 bis20 Arbeitsstunden wöchentlich putzt die junge Frau, die sich als Reinigungsfachkraft bezeichnet. Jeden Tag ist sie ab sechs Uhr für zwei Stunden hier, manchmal, selten zwar, aber das kommt gelegentlich an Samstagen vor, hat sie auch ihren fünfjährigen Sohn dabei. Für den ist die Größe der Turnhalle ein Highlight. "Er hilft mir wahnsinnig gerne", sagt die junge Mutter und verrät, dass sie den Knirps bei der Gelegenheit "gleich ranzieht", damit dieser merkt, dass nichts von nichts kommt. Saubere Erziehung.
Wenn Nicole Hönninger den feuchten Mopp schwingt, tut sie das nicht hüftsteif, sondern in fließender Bewegung. Sie nimmt jeglichen Schmutz garantiert mit. Doch, sie merkt diese Bewegung im Rücken. Leicht. Noch? Worüber Kolleginnen klagen, weiß sie nicht. Sie jedenfalls merkt´s im Rücken. Ansonsten, das ist unbestritten, kann es bei ihrer Arbeit zu Hautirritationen durch Reinigungsmittel kommen. Aber dagegen kann man sich mit Handschuhen oder Salben schützen.

9 Euro Stundenlohn

Die Mutter ist in den WCs der Turnhalle zugange. Ihr Stundenlohn, für den sie arbeitet, wurde von der Bundesregierung für allgemeinverbindlich erklärt. Er beträgt 9 Euro brutto im Westen. Ein Leiden, ein Gebrechen, welches sie auf ihre Putztätigkeit zurückführen könnte, fällt der älteren Dame nicht ein. Das Knie vielleicht. Vielleicht aber hat das auch andere Ursachen. Sie könnte ein neues gebrauchen, sagt sie lachend, nach einem schon ein bisschen längeren Leben und 24 Jahren Putzdienst. Aber eigentlich glaubt auch Edeltraut Fischer nicht, dass es eine typische Berufskrankheit gibt.
Bis 7.45 Uhr muss der Turnschuhgang gewischt sein, damit er eine Viertelstunde Zeit zum Trocknen hat und die Schulkinder nicht ausrutschen. Das zeigt, dass Putzen mit System betrieben werden muss. Immerhin gilt es, Zeit und Wege zu sparen. In die wohl vernünftigste Reihenfolge wurde Nicole Hönninger vor dreieinhalb Jahren, als sie eine Krankheitsvertretung übernahm, eingewiesen. In ihrem eigentlichen Beruf als Friseurin würde sie wohl weniger als 9 Euro die Stunde verdienen, sagt sie.

"Wer Kinder hat..."

Muss sie manchmal Ekel überwinden? - "Ich kann die Putzhandschuhe anziehen und danach wieder ausziehen", lautet ihre Antwort. "Wer Kinder hat...", eröffnet sie den von ihr unvollständig gelassenen Satz, den man mit einem "ist Einiges gewohnt" beenden darf. Von Blut bis mit Klopapier verstopften Toiletten über eingetrocknetes und äußerst schwer von Kacheln entfernbares Duschgel, welches von übermütigen Jungs und Mädchen spaßeshalber in den Duschen vergeudet wurde - alles Alltag, zwischen wenig abschreckend und ärgerlich.
Was die gesellschaftliche Anerkennung einer Putzfrau, einer Reinigungsfachkraft, anbelangt, da sind sich Mutter und Tochter einig, dass man nicht überall auf Achtung stößt. Aber eigentlich ist ihnen egal, was Fremde von ihrem Job halten. Nur eines verbitten sich die Frauen: Schikane. Die kann, so ist ihnen zu Ohren gekommen, bei privaten Putzstellen vorkommen. Dann, wenn Kunden beispielsweise Geldscheine so verstecken, dass sie gefunden werden müssen. Nur so, als Test für die Ehrlichkeit der Putzfrauen. Wenn ihr das widerführe, so eine entrüstete Edeltraut Fischer, würde sie "sofort in Rente gehen".