"Wenn man mit Herz pflegt, haben die wenigen schwarzen Schafe keine Chance, die weißen kaputt zu machen." Lieselotte Weisel gerät ins Philosophieren, wenn sie über die Situation in der Altenpflege nachdenkt. So viel Gutes weiß sie davon berichten, dass sie stundenlang erzählen könnte. Um Mitmenschen an ihren positiven Erfahrungen teilhaben zu lassen, hat sie Erlebnisse und Gedanken in einem Buch aufgeschrieben. Ein Buch, das mit Leidenschaft geschrieben ist, sich einfacher Sprache bedient und dadurch um so authentischer wirkt. Ein Buch, das anregt, über das Altwerden nachzudenken und das auch Hilfestellung gibt.

Schon lange hat es die gelernte Altenpflegerin gestört, wenn in den Medien über Pflegemissstände und Misshandlung von Senioren berichtet worden ist. Sie will nicht falsch verstanden werden: Missstände gibt es und die müssten auch behoben werden, sagt sie. Doch seien die Negativschlagzeilen immer nur eine Augenblicks-Darstellung; nur selten werde darüber berichtet, wie es zu den Verfehlungen gekommen ist. Positives über die Pflege hingegen komme in der öffentlichen Wahrnehmung so gut wie nicht vor. Lieselotte Weisel will das ändern.


Eine spontane Idee

Das Buch war nicht von langer Hand geplant, erzählt sie im Gespräch mit unserer Zeitung. Vielmehr ist es durch Zufall entstanden. Vor knapp zwei Jahren hatte sie als Altenpflegefachkraft ein Erlebnis, das sie nachdenklich machte und zugleich berührte: Eine Kollegin hatte in ihrer Freizeit einer zu pflegenden Seniorin die Haare frisiert. Auf der Heimfahrt von der Arbeit hörte sie dann im Radio einen Bericht über Pflegemissstände. Das gab den Ausschlag, sagt Weisel. Der Titel war schnell gefunden: "Nicht alle Schafe sind schwarz. Warum es Freude machen kann, für alte Menschen da zu sein."

"Ich will aufzeigen, wie es wirklich ist", sagt die 52-Jährige, die heute im Eugeria-Pflegezentrum in Kutzenberg als Wohnbereichsleiterin arbeitet. Die Geschichte in ihrem Buch ist ein Produkt aus vielfältigen Erfahrungen, die sie in verschiedenen Alten- und Pflegeheimen in Bamberg, Bad Staffelstein und Kutzenberg gesammelt hat.
Die Rentweinsdorferin will damit jungen Menschen Mut machen, in Pflegeberufe zu gehen und einen verantwortungsvollen Beruf zu ergreifen. Ohne die Situation zu beschönigen, beschreibt die Autorin auf liebevolle Weise am Beispiel der 90-jährigen "Frau K.", wie der Übergang von der gewohnten Umgebung, dem vertrauten Zuhause, in ein Pflegeheim gelingen kann. Sie beschreibt nicht nur die Herausforderungen für den alten Menschen und seine Kinder, sondern auch die Anforderungen, die an die Pflegekräfte gestellt werden und versucht, dem Außenstehenden den harten Pflegealltag näher zu bringen. Das Buch gibt zudem Hilfestellung und Tipps - für Senioren und deren Angehörige. Jeder sollte sich mit einer Pflegesituation vertraut machen, bevor sie eintritt, empfiehlt Lieselotte Weisel. Das erleichtert dem alten Menschen, sich auf notwendige Änderungen im Lebensalltag einzustellen und es hilft Angehörigen, nicht von schlechtem Gewissen zerfressen zu werden, weil sie ihre Mutter oder ihren Vater aufgrund zunehmenden Pflegebedarfs in ein Pflegeheim geben, damit dort professionelle Hilfe geleistet werden kann.

Natürlich weiß die 52-Jährige, dass dies leichter gesagt als getan ist; aber niemandem hilft es, vor Notwendigkeiten die Augen zu verschließen. Es könne viel leichter sein, wenn ein Senior frühzeitig selbst entscheidet und seinen Kindern mitteilt, in welchem Pflegeheim er einmal seinen Lebensabend verbringen möchte, sofern dies notwendig wird. Angehörigen ist damit eine schwere Entscheidung abgenommen, die sie ansonsten selbst und plötzlich treffen müssen, wenn durch eine plötzliche Erkrankung ein Pflegeheimplatz gefunden werden muss.
In 20 Kapiteln auf 103 Seiten gibt Lieselotte Weisel Einblicke in den Alltag im Pflegeheim, beschreibt dabei anhand von "Frau K." deren Lebenserfahrungen, wie verwachsen sie mit ihrer Heimat bis ins hohe Alter war. Der Umzug ins Heim, die neue Umgebung, der erste Tag und das Einleben im Heim sind weitere Kapitel.


Autorin nimmt kein Blatt vor den Mund

Respektvoll, liebevoll und würdevoll schildert die Autorin alle Facetten des täglichen Lebens im Pflegeheim. Beschäftigung und Zufriedenheit, sexuelle Übergriffe aufs Personal, Bedürfnis nach Liebe und Nähe, Besuche, die Jahreszeiten und Ausnahmesituationen kommen dabei ebenso zur Sprache wie der körperliche und geistige Abbau von "Frau K.", der Schwund des Selbstwertgefühls, die Situation junger Pflegekräfte und das Lebensende in Würde.

Das Buch ist schrittweise innerhalb eines dreiviertel Jahres entstanden. Immer wieder hat Lieselotte Weisel Gedanken niedergeschrieben. Unterstützung erhielt sie in Gesprächen mit einem befreundeten Ehepaar und einem freien Journalisten.

Derzeit ist sie an Altenpflegeschulen unterwegs, um ihr Buch vorzustellen und jungen Menschen einen bewussten Blick auf den Pflegealltag, auch auf den Konflikt zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu ermöglichen. Denn überladene Bürokratie mache es den Pflegekräften schwer, sich in der Art und Weise um die Senioren zu kümmern, wie sie das selbst gerne möchten. Sie verschweigt auch nicht, wie körperlich und psychisch anstrengend der Beruf ist. "Man muss von Anfang an für Ausgleich sorgen", rät sie jungen Kolleginnen.


Besondere Herausforderungen

Besonders berührt hat Weisel eine Begegnung mit einer Patientin, die zunehmend auf fremde Hilfe angewiesen war und die sich ihrer eigenen Sterblichkeit mehr und mehr bewusst wurde. Eines Tages sagte sie zu ihr: "Schwester, ich rate ihnen nur eins: Werden sie nie so alt wie ich." Gerade das ist es aber, was Lieselotte Weisel in ihrem Berufsalltag leben will: Für alte Menschen da zu sein, sie zu pflegen und zu begleiten - auch auf ihrem letzten Weg. Die 52-Jährige beschreibt das so: "Der Beruf ist alles andere als einfach, da es hier nicht um technische Geräte geht, sondern um Menschen mit ihren Eigenheiten, Wünschen und Bedürfnissen. Diese Anforderungen stellen eine besondere Herausforderung dar, machen den Pflegeberuf zu etwas besonderem und die Erfahrungswerte, die im Laufe dabei gesammelt werden, führen zu einem eignen inneren Wachstum."

Weisel übt Kritik am System. Im Laufe ihrer Tätigkeit sei ihr bewusst geworden, dass "dieser schöne Beruf mehr und mehr der Bürokratie gehört". Der Mensch, das menschliche Miteinander würden zweitrangig. Alles müsse dokumentiert werden, damit die Pflegekraft und das Pflegeheim schwarz auf weiß belegen können, dass alles Menschenmögliche getan worden sei, um die Bedürfnisse des zu Pflegenden zu stillen. "Auf der einen Seite ist dies auch wichtig und richtig", sagt Weisel, "aber kann es wichtiger sein als der Mensch selbst?"

Wenn sich eine zufrieden stellende Pflegesituation entwickeln soll, dann müssten Pflegekräften vom bürokratischen Aufwand entlastet werden, damit sie wieder mehr Zeit für den Menschen und seine Bedürfnisse haben."Dass sie mit Freude zum Dienst kommen und ihnen die Möglichkeit gegeben wird, mit Ruhe und Liebe zu pflegen", fordert die Rentweinsdorferin: "Dann bleibt kein Platz mehr für ,schwarze Schafe'."

Das Werk Das Buch "Nicht alle Schafe sind schwarz" (ISBN 9783848211159) ist als broschürtes Taschenbuch zum Preis von 12,95 Euro im Verlag "Books on Demand", Norderstedt, erschienen. Es ist auch im örtlichen Buchhandel ("Leseinsel" Ebern) erhältlich.

Zur Person Lieselotte Weisel, geboren 1960 in Rentweinsdorf, erlernte den Beruf als Altenpflegefachkraft mit erst 40 Jahren. Weiterbildungen zur Hygienebeauftragten und Wohnbereichsleitung schlossen sich an. In den elf Jahren ihrer Tätigkeit lernte sie verschiedene Pflegeheime und ihre Strukturen kennen. Zuvor arbeitete sie als Bäckereiangestellte, bei FTE und war zeitweise selbstständig. Sie ist geschieden und hat drei Söhne.

Weiterbildung Neben ihrer Tätigkeit absolviert die Rentweinsdorferin ein Fernstudium zur Gesundheitspädagogin, ist Entspannungspädagogin und lehrt Thai Chi.

Pläne Die Autorin arbeitet bereits an ihrem zweiten Buch, das den Pflegealltag noch detaillierter aufzeigen und in dem Praxisbeispiele und Lösungsansätze beschrieben werden sollen. mic