Mit dem aktuellen Jahresmotto der Luther-Dekade, "Reformation und Toleranz", griff das Dekanat Michelau bei seinem zentralen Reformationsgottesdienst in der Johanneskirche ein heikles Thema auf. "Ist es nicht ein Widerspruch in sich, wenn von reformatorischer Toleranz die Rede ist?", fragte Dekan Johannes Grünwald in seiner Festpredigt. Man könne die Reformationszeit heute mit Recht als exemplarisches Zeitalter der Intoleranz bezeichnen: Unduldsamkeit gegen Andersdenkende habe diese Zeit geprägt. Andere Religionen seien verurteilt und bekämpft worden. Und selbst innerhalb des Christentums hätten sich Katholiken und Protestanten bis aufs Messer bekämpft.

Erst aus dem Schrecken der Unmenschlichkeit des Dreißigjährigen Krieges sei die schmerzliche Erkenntnis erwachsen, dass die Selbstverabsolutierung einer Weltanschauung oder einer Religion der gesamten Gesellschaft schadet.

Obwohl sich die Reformation Toleranz nicht auf ihre Fahnen geschrieben habe, bleibe das protestantische Prinzip der sich ständig zu erneuernden Kirche gültig, Und so müsse sich die Kirche immer wieder neu fragen, ob sie das Evangelium so verkündet und lebt, wie es die Heilige Schrift bezeugt.

Resümierend stellte der Dekan fest, dass reformatorische Toleranz kein Widerspruch in sich selbst sein müsse. Im Gegenteil: Der interreligiöse Dialog müsse durch christliche Nächstenliebe und Respekt geprägt sein und auf Augenhöhe stattfinden. Er müsse darauf ausgelegt sein, die andere Religion kennen zu lernen. Denn nur das, was man kennt, könne man auch tolerieren.

Gemeinsame Grundlagen

Nach dem Gottesdienst bestieg mit Antje Yael Deusel erstmals eine Rabbinerin die Kanzel der Dekanatskirche. Zunächst machte sie deutlich, dass das Judentum als Religion vor dem Christentum existiert habe. Jesus sei Jude gewesen, "durch und durch".

Doch wie konnte es angesichts der gemeinsamen Grundlagen dazu kommen, dass sich die neue Lehre, das Christentum, so konträr und sogar feindlich gegenüber dem Judentum entwickelte? Während das Judentum keine Missionierung unternommen habe, hätten sich Menschen ausgerechnet im Namen Christi ereifert, den Juden den "wahren Glauben" nahe zu bringen, und wenn nicht mit Güte, dann eben mit brutaler Gewalt. "Warum? Warum nur?" fragte die Rabbinerin. "Weil man dann eben zugeben müsste, dass es nicht nur eine wahre Religion auf der Welt, nicht nur einen Weg gibt?"

Die Rabbinerin erläuterte dazu den Standpunkt des Judentums, der besagt, dass jeder Mensch, egal welcher Religion, am Ende Heil erlangen kann, wenn er sich an die ethischen Grundregeln hält. Sie meinte damit die sieben noachidischen Gebote, die die absoluten Grundwerte des Menschen beinhalten. Dazu gehören das Verbot von Götzendienst, von Gotteslästerung, von Mord, Raub und Ehebruch, von Misshandlung von Tieren und das Gebot der Schaffung von Gerichtshöfen als Ausdruck der Wahrung des Rechtsprinzips.

Wer diese Gebote einhält, werde nach jüdischer Auffassung als Gerechter ebenso Anteil an der künftigen Welt erhalten wie ein Jude. Von daher sei das Judentum eine tolerante Religion - ganz im Gegensatz zu den Reformatoren. Habe man zunächst von Luther eine gewisse Toleranz erfahren, so sei dies ein bedauerlicher Trugschluss gewesen. Einer ihrer Lehrer habe es einmal "enttäuschte Liebe" genannt, was Martin Luther mit den Juden widerfahren sei.

Habe doch Luther gemeint, wenn man die Juden freundlich aufnimmt und ihnen seine Erkenntnisse verständnisvoll erklärt, würden sie ihren "Irrglauben" verlassen und zum "wahren", zum christlichen Glauben kommen. Doch dem war nicht so. Damit sei es aus gewesen mit der Toleranz des großen Reformators. Später, zur Zeit der Aufklärung, seien Luthers Schriften sogar Grundlage für manchen antisemitischen Hassprediger gewesen.

Nachdem die antisemitischen Vorurteile im 20. Jahrhundert entsetzlich Frucht getragen hätten, sei es nun eines der schönsten Hoffnungszeichen heute in der Christenheit und in unserem Volk, dass überall nach der Bedeutung des Judentums und nach dem rechten Verhältnis der Juden und Christen gefragt werde, freute sich die Rabbinerin.

Antje Yael Deusel schlug vor, dass sich Christen und Juden gegenseitig in ihren Bethäusern besuchen, um sich besser kennen zu lernen. Dies müsse von gegenseitigem Respekt und Anerkennung begleitet sein. Nur so könne Akzeptanz, ein Einander-Annehmen-Können in der jeweiligen Verschiedenheit und Besonderheit erreicht werden.

Der Kanzelrede folgte eine Aussprache. Dekan Grünwald wünschte sich einen regelmäßigen Austausch zwischen den Religionen.