Am Sonntagabend kommen immer wieder zwei Namen auf dem Lichtenfelser Marktplatz auf. Gemurmelt wie eine Beschwörung in die regnerische Abendluft. Der eine ist ein Held der Verteidigung, der andere ein Publikumsliebling und Torjäger des Abends. Boateng und Schweinsteiger heißen die Fußballer, die sich von Frankreich aus in die Herzen der Lichtenfelser spielten.
Boateng fiel rückwärts ins Tor, als er mit vollem Einsatz Neuer an der Torlinie unterstützte und einen gefährlichen Torschuss der Ukrainischen Mannschaft gerade so wegkicken konnte. Wäre Boateng in dieser Situation nicht gewesen, das Spiel hätte auch anders verlaufen können. Schweinsteiger hingegen sorgte für Begeisterung, indem er nur kurz nach seiner Einwechslung den Sieg der deutschen Mannschaft kurz vor Spielende mit dem Tor zum 2:0 besiegelte.
Etwa 120 Fans hatten sich zu diesem Zeitpunkt trotz des Regens auf dem Lichtenfelser Marktplatz zum Public Viewing versammelt, um den Sieg der Deutschen gemeinsam zu feiern. "Trotz des Wetters sind so viele Leute da, ich bin total happy. Bei besserem Wetter wird das Ding das nächste Mal voll", gibt sich Bürgermeister Andreas Hügerich zuversichtlich. Schon am Freitag habe man eigentlich "nur zur Probe" bereits die Leinwand aufgebaut und mit recht wenigen Leuten gerechnet, schließlich habe Deutschland gar nicht gespielt. Stattdessen seien mehr als 300 Besucher beim Public Viewing gewesen. "Das hier kommt also an und das freut mich riesig", sagt Hügerich. Für das Spiel der Deutschen am Sonntagabend war eigentlich geplant, den Film "die Mannschaft" über die WM-Sieger von 2014 zu zeigen. Wegen des schlechten Wetters wurde die Vorführung nun aber auf den nächsten Spieltag der deutschen Mannschaft am Donnerstag verschoben.
Um den Bürgermeister herum sitzen und stehen mehr als 100 Fußballfans und verfolgen gemeinsam das Spiel. "Das Bild ist schon echt große klasse. Richtig scharf", sagt Markus Häggberg. Auch andere Zuschauer sind nicht nur von der Leistung der deutschen Mannschaft, sondern auch von der aufgebotenen Technik fasziniert. "Das Bild ist schon wirklich der Hammer. Ich war schon Freitag hier und wusste daher, dass sich das Kommen selbst bei Regen lohnt. Für das Bild hält man schon ein wenig Regen aus", schwärmt Wolfgang Günther. Der gelernte Elektroingenieur hat als leidenschaftlicher Fußballer in seinen 67 Lebensjahren schon so einige EM- und WM-Übertragungen mitgemacht. "Das Bild war oft grausig und hat mich noch öfter gestört. Sowas kann das Erlebnis kaputt machen. Hier ist das hervorragend gemacht."
City-Manager Steffen Hofmann zeigt sich stolz, dass die Mühen so gut ankommen: "Wir bemühen uns wirklich, hier höchste Qualität zu leisten. Die Lichtenfelser sollen einen echten Mehrwert haben, wenn sie hierher kommen." Lässt man den Blick über die Reihen sitzender und stehender Zuschauer schweifen, erkennt man an Mehrwert vor allem eines: Emotionen. In der zweiten Reihe beißt ein Mann im Deutschlandtrikot angespannt in die Fingerknöchel seiner rechten Hand, als die Ukrainer zu einem weiteren Angriff ansetzen. Es ist der Moment, kurz bevor Boateng zum Retter der Verteidigung wird. "Das ist der Wahnsinn! Es gab ja schon echt gute Spiele in der Vorrunde aber das ist echt das beste und spannendste!", sagt Thomas Widmann. "Schmarr net, die machen viel zu viele Fehler!", ruft es vom Biertisch gegenüber.


Bangen bis zur Minute 90

Währenddessen läuft das Spiel auf dem Bildschirm weiter. Mustafi hatte die Deutschen per Kopf bereits in der 19. Minute in Führung gebracht, der Jubel über das Tor aber währt in Lichtenfels nur kurz. Zu sehr bangt man, die kämpferischen Ukrainer könnten jeden Moment den Ausgleich schaffen. Es dauert bis nach Minute 90, bis sich die Lichtenfelser endlich erleichterter Freude hingeben können. Immer noch 1:0 für Deutschland, dann Flanke von Özil auf Schweinsteiger. Tor. Der Mann der im Laufe seiner Fußballkarriere so viele Verletzungen, Brüche erdulden, so oft so viel Einsatz zeigen musste, drischt den Ball zum finalen 2:0 ins Tor.
Andreas Hügerich zeigt auf sein Schweinsteiger-Trikot, das lausbübisches Grinsen im Gesicht, als hätte er das Tor gerade selbst geschossen. "Ich bin einfach nur glücklich mit dem Spiel und wie alles lief. Jetzt brauchen wir für das nächste Mal nur noch gutes Wetter."