3700 Menschen im Landkreis Lichtenfels müssen finanzielle Unterstützung des Staates für ihren Lebensunterhalt in Anspruch nehmen. Im Bereich der Stadt Lichtenfels sind es 1600 Personen, die auf diese Hilfen angewiesen sind, darunter 230 Kinder. Die Zahl der Geringverdiener steigt. Dies haben die Träger und Förderer der "Lichtenfelser Tafel plus" erkannt. Nun haben sie die ökumenisch getragene Einrichtung in der Conrad-Wagner-Straße 2, gegenüber dem Lichtenfelser Bahnhof, offiziell eröffnet. Sie wollen Armut lindern und qualitativ einwandfreie Lebensmittel, die normalerweise entsorgt würden, dorthin bringen, wo sie hingehören, nämlich auf den Tisch von Bedürftigen in Stadt und Landkreis Lichtenfels.
Weil christlicher Glaube und praktizierte Nächstenliebe zusammengehören, haben sich das zuständige Diakonische Werk Kronach-Ludwigsstadt/Michelau und der Caritasverband für den Landkreis Lichtenfels zusammengetan, um die gemeinsam getragene "Lichtenfelser Tafel plus" zu gründen. Bei der Eröffnung zeigte sich die geschäftsführende Vorsitzende des Diakonischen Werks, Karin Pfadenhauer, sehr dankbar, dass die Kolping-Dienstleistungs GmbH in ihrem Schnäppchen-Treff im ehemaligen Striwa-Gebäude die Räumlichkeiten für die Tafel kostenfrei zur Verfügung stellt und die Einrichtung darüber hinaus mit freigestellten Arbeitskräften unterstützt. Lang ist die Liste der Förderer, die den Tafel-Gedanken in Lichtenfels unterstützen. Pfadenhauer hob insbesondere den Lions-Club Lichtenfels hervor, der den Anstoß gab und ein Kühlfahrzeug mitfinanziert, den Rotary-Club Lichtenfels, die Aktiven Bürger, die Soroptimisten Coburg-Lichtenfels, den Innerwheel Club Coburg-Obermain, die Stiftung Helfende Herzen und die Hegler-Nothilfe-Stiftung. Sie übernehmen Anschaffungen, Transport- und Verwaltungskosten.
Überwältigt zeigte sich die Vorsitzende von der Resonanz auf einen Aufruf zur ehrenamtlichen Mitarbeit. 77 haben sich schon angemeldet. Sie werden bei der Prüfung, Sortierung und Ausgabe der Lebensmittel gebraucht, können als Fahrer, Türsteher, Bürokräfte, Handwerker und Öffentlichkeitsarbeiter mitarbeiten und sind nach den Worten von Karin Pfadenhauer ein wichtiges Fundament der Einrichtung.
Soziale Verantwortung übernehmen aber auch Lebensmittelhändler und -hersteller aus der Region. Die Vorsitzende berichtete von 14 Märkten und Bäckereien, die sich der Lichtenfelser Tafel angeschlossen haben, und hochwertige Nahrungsmittel zur Verteilung an Bedürftige zur Verfügung stellen.
Besonders stolz sind die Träger auf das "Plus" an ihrer Tafel, das Angebote bezeichnet, die über die Lebensmittelausgabe hinausgehen. Sie dienen dazu, die Lebenssituation der Menschen, die zur Tafel kommen, nachhaltig zu verbessern. Dies beinhaltet vor allem praktische Lebenshilfe, beispielsweise durch Erziehungs-, Sucht- und Schuldnerberatung, um den Betroffenen die Möglichkeit zu geben, ihr Leben wieder eigenverantwortlich in die Hände zu nehmen. Während der Ausgabezeit und zusätzlich nach Bedarf wird soziale Beratung angeboten. Bei größeren Problemen können die Tafelkunden auch an die entsprechenden Beratungsstellen von Caritas und Diakonie vermittelt werden. Mit der Beratung während der Tafelausgabe soll nach den Worten von Karin Pfadenhauer ein niederschwelliges Hilfsangebot dafür sorgen, den Kontakt zu den Beratungsstellen zu erleichtern. Dass die "Lichtenfelser Tafel plus" nach einer Planungszeit von einem Dreivierteljahr eröffnet werden konnte, sah die Vorsitzende auch als großes Verdienst von Projektleiterin Stefanie Kreische. Die Diplom-Sozialpädagogin hat in vielen Gesprächen die gesetzlichen Regelungen zum Tafelbetrieb abgeklärt, Betriebe für die Mitarbeit gewonnen und Kontakte zu benachbarten Tafeln und zum Bundesverband Deutscher Tafeln hergestellt. Für diese Hintergrundarbeit bedankte sich Karin Pfadenhauer und schloss in den Dank auch Caritas-Geschäftsführer Richard Reich sowie seine Mitarbeiter Heribert Träger und Beate Ehl ein.

"Gemeinsam mehr erreichen"

Als Vorsitzender des Caritas-Kreisverbandes sah Günter Dippold in der Lichtenfelser Tafel ein Signal für eine menschliche Gesellschaft. Auch diejenigen, die wenig Geld zur Verfügung haben, müssten in Würde einkaufen können. Denn Menschlichkeit und der christliche Glauben gebieten es, anderen dazu verhelfen, ihr Leben wieder in Eigenregie zu meistern. Günter Dippold zitierte dazu eine Studie der Bundesanstalt für Arbeit, nach der zwei Drittel der Firmen mit eingestellten Hartz IV-Empfängern zufrieden mit ihrer Personalwahl sind. Oft steckten tragische Familienschicksale und Benachteiligungen wegen ihrer Herkunft hinter den verarmten Menschen. Als einen Meilenstein bezeichnete Dippold die Zusammenarbeit von Caritas und Diakonie in Lichtenfels. Es freue ihn ganz besonders, dass hier zu einem guten Geist der Zusammenarbeit gefunden wurde und da rüber hinaus weitere Förderer die Tafel mittragen. Dippold: "Dies macht uns Mut für die Zukunft, denn gemeinsam lässt sich mehr für die Gesellschaft erreichen!"
Bevor der evangelische Dekan Johannes Grünwald und sein katholischer Kollege der Einrichtung den kirchlichen Segen erteilten, machte Dekan Schüpferling deutlich, dass die Menschen, die zur Tafel kommen, hier nicht abgespeist werden, sondern Herzlichkeit und Nächstenliebe und damit auch Wertschätzung erfahren dürfen. Brot allein nutze wenig, wenn die Liebe fehlt. Die Tafel als Angebot der Kirche nannte Michael Schüpferling allerdings auch einen Stolperstein in unserer Gesellschaft. Denn es schrecke auf, wenn es in unserem Land Lebensmittel im Überfluss gibt, und sich dennoch nicht alle Menschen ihr "tägliches Brot" leisten können.
Als einen Baustein für eine bessere Welt bezeichnete Landrat Christian Meißner (CSU) die Lichtenfelser Tafel. Er sah es als gutes Zeichen, dass sich so viele Vereinigungen und Ehrenamtliche daran beteiligten und stellte, vorbehaltlich der Zustimmung durch den Kreistag, Unterstützung in Aussicht. Bürgermeisterin Bianca Fischer zeigte sich gerührt, dass diese Einrichtung durch den gemeinsamen Willen vieler Beteiligter Wirklichkeit werden konnte und zollte Verantwortlichen und Unterstützern Respekt. jhw