Wenn Gertrud Löffler ihren Einkaufzettel schreibt, dann hat ihr jüngster Sohn keine Chance zu lesen, was seine Mutter im Laden besorgen möchte. Nicht aber, weil sie undeutlich schreibt. Ganz im Gegenteil. Löffler benutzt stets einen Füller, ihre Schrift ist sehr ordentlich. Die pensionierte Lehrerin beherrscht Stenografie.
Silben werden in kleinen Zeichen zusammengefasst, Vokale fallen weg, es entstehen Striche und Kringel. Rechtschreibung ist erstmal Nebensache. Für Könner ist die Kurzschrift eine große Zeitersparnis. Schließlich muss nicht jeder Buchstabe ausgeschrieben werden. So ist es möglich, sehr schnell zu notieren - bis zu vier- bis zwölfmal schneller als gewöhnlich. Drei Stufen werden erlernt: die Verkehrs-, Eil- und Redeschrift. Am Ende ist mit wenigen Strichen ein ganzer Satz geschrieben. Eine Möglichkeit viel Zeit zu sparen, doch die Kurzschrift beherrschen nur noch wenige Menschen.
Dies bedauert Löffler sehr. Sie sitzt in ihrem Arbeitszimmer. Vor ihr auf dem Tisch liegen alte Lehrbücher, Stenografie-Übungen und Zeitungsausschnitte. In ihrem Leben hat die schnelle Form des Schreibens überall einen Platz - auf Notizen, auf ihrem Einkaufszettel, und auch bei Wettbewerben. "Steno heißt aber auch viel Fleiß. Ein Widerspruch unserer Zeit: Heutzutage stehen die Leute unter Stress. Sie haben nicht die Zeit, Steno zu lernen, um dann damit schneller arbeiten zu können."

Die Glanzzeit des Vereins


Stenografie bedeutet Löffler viel, deshalb hat die 64-Jährige vor ein paar Jahren den Vorsitz des Stenografenvereins 1952 in Burgkunstadt übernommen. "Dieses Jahr feiern wir unser 60-jähriges Bestehen", sagt Löffler und erinnert sich an die 1950er und 1960er Jahre zurück. Eine Zeit, in der Stenografie modern war. "Der Verein prägte das gesellschaftliche Leben in Burgkunstadt. Er veranstaltete sogar Bälle in der Stadthalle. Mehr als 200 Mitglieder hatten wir. Nur junge Leute."
Mittlerweile ist es ruhiger geworden um den Stenografenverein. "Wir haben 60 Mitglieder. Aber das ist nicht mal wenig", sagt Löffler und erzählt, wie es in den 1960er Jahren in Burgkunstadt um die Kurzschrift bestellt war. "Stenografie war sehr wichtig. Durch die ansässigen Firmen gab es einen großen Verwaltungsbedarf - und damit viele Leute, die Steno für ihre Arbeit brauchten", sagt Löffler. Damals wurde die Kurzschrift überwiegend von Sekretärinnen genutzt, um diktierte Briefe schnell zu Papier zu bekommen.

Tippen mit zehn Fingern


Heutzutage ersetzen meist Diktiergeräte diese Aufgabe. Dennoch biete die Kurzschrift Vorteile: "Gerade wenn man sich Notizen macht, schnell Gedanken entwirft, kann sie hilfreich sein", sagt Löffler. Früher wurde Stenografie in der Schule gelehrt, mittlerweile ist es von den Lehrplänen verschwunden. "Höchstens Tastenschreiben wird manchmal gelehrt", sagt Löffler. Denn zur Stenografie gehört auch das Tippen mit zehn Fingern. Auch darin ist Löffler gut. In ihrem Arbeitszimmer steht ein Computer. Regelmäßiges Üben sei auch hier Pflicht.
Derzeit überlegt sie mit Aktiven des hessischen Stenografenbunds, wie man die Kurzschrift auch am PC lehren kann. Dafür braucht sie ein Tablet und einen Scanner. Kein Problem für die 64-Jährige. "Steno hilft, das Gedächtnis fit zu halten - und es macht mir sehr viel Spaß."