1988: Ein schöner Sommertag. Einige hundert Fans des FC Schalke 04 fiebern bei der Auftaktfeier der Saison entgegen. "Wir brauchen Mitglieder", sagt Günter Siebert, Präsident dieses e.V. aus Gelsenkirchen, einem mittelgroßen Verein, der gerade in die Zweite Fußball-Bundesliga abgestiegen ist. Jürgen Wachter zögert nicht, unterzeichnet ein Beitrittsformular und erhält die Mitgliedsnummer 8855. - 2013: Wieder ein schöner Sommertag. Rund 9000 von über 120 000 Mitgliedern des nun zweitgrößten Vereins Deutschlands disputieren bei der Jahreshauptversammlung über die Geschicke ‚ihres‘  e.V. Mittendrin der Döringstadter, der für 25-jährige Vereinszugehörigkeit geehrt wird.
Jürgen Wachter erzählt, wa rum er mehrmals im Jahr die 1000-Kilometer-Strecke auf sich nimmt, um zu Heimspielen zu fahren. Er spricht über Tränen, Tragödien und Triumphe, die Fanfreundschaft zum 1. FC Nürnberg und warum er am Obermain die königsblaue Fahne schwenkt. "Königsblaues Blut" fließe in seinen Adern, sagt Jürgen grinsend. Als Schalker werde man geboren. "Seit 1985 fahre ich auf Schalke. Damals konntest du zu jedem Spiel fahren und hast immer eine Karte bekommen. Der Boom fing erst mit der Arena an."
Seit 2001 steht die von der Uefa als "Fünf-Sterne-Stadion" ausgezeichnete, 61 673 Zuschauer fassende und von Fans liebevoll "Donnerhalle" genannte Multifunktionsarena.

Dreimal pro Saison im Stadion

Nach langer Fahrt in den Ruhrpott gibt es nur eines: Stehplatz Nordkurve. Früher fuhr Wachter fünfmal pro Saison zu Heimspielen, heute rund dreimal. "Wenn du in der Kurve stehst, ist das Adrenalin pur: Fangesänge, Anfeuern der Mannschaft, Hoffnung auf Sieg, Gemeinschaft. Die Spiele leben von der Stimmung. Ich fahre, um dieses Gefühl zu erleben, das man am Fernseher nicht hat."
Auf Schalke sei alles extremer als bei anderen Vereinen. Zweifelsohne hat das mit der Tradition zu tun. Mitten im bergbaugeprägten Ruhrpott schufen am 4. Mai 1904 einige Fußballbegeisterte einen Verein, der später "FC Gelsenkirchen-Schalke 04 e.V." heißen und bislang sieben deutsche Meisterschaften und fünf Pokalsiege feiern soll. Harte Maloche, Einsatz füreinander und Gemeinschaftsgefühl begleiten seit jeher Schalke und Fans.
Freilich veränderte sich in Jürgens 25 Schalker Jahren einiges. Nun sei Schalke professioneller, größer, kommerzieller orientiert: "Früher gab's Aufnäher und Schals, heute sogar Briefkästen oder Toaster mit Wappen." Stimmung und Euphorie änderten sich nicht. "Aber den Kumpel- und Malocherklub gibt's nicht mehr. Zum einen wegen wirtschaftlicher Veränderungen weg vom Bergbau, zum anderen, weil man den Spagat zwischen Tradition und Moderne schaffen will. Wir müssen ihn schaffen, wenn wir dauerhaft oben und international mitspielen wollen."
Apropos Diskussionen: Als Schalker ist man am Obermain einer unter wenigen. Gleichsam das königsblaue Schaf unter Rot-Weißen aus München und Rot-Schwarzen aus Nürnberg. "Gestichel ist immer", lacht Jürgen. Das um die Schulden habe sich seit dem kontinuierlichen Abbau gelegt: "Es ist ja unsere Donnerhalle - komplett eigenfinanziert", sagt er augenzwinkernd.
Warum ist er gerade Schalker? Ein "Clubberer" versteht das meist, verbindet die beiden Vereine doch eine jahrzehntelange Fanfreundschaft. Jürgen stehe schon mal mit Schalke-Trikot im Frankenstadion und unterstütze den "Glubb". "Es sind das Herzblut und die Offenheit der Fans untereinander. Wenn du am Tiefsten bist, hält alles zusammen."

Stolz auf das Team

Gerade in Tragödien erlebte er dies. Etwa 2001: "Es war das letzte Saisonspiel, das letzte im Parkstadion. Es gab ein Fünkchen Hoffnung, dass wir doch noch Meister werden." Jürgen schweigt. Gewiss flimmern vor seinem inneren Auge die fünf Minuten zwischen deutscher Meister und "Meister der Herzen". "Wir waren trotzdem stolz auf unser Team", spricht er weiter. "Es gab schon immer Hochs und Tiefs. 1989 war ich beim entscheidenden Spiel gegen den Abstieg in die dritte Liga gegen Blau-Weiß 90 Berlin. Mit einem Abstieg wär's wohl mit dem Verein aus gewesen. Aber wir haben 4:1 gewonnen - vor 66 000 Zuschauern."
Zusammenhalt ist auch in Triumphen wie Pokalsiegen, Uefa-Cup-Sieg 1997 oder Champions-League-Halbfinale 2012 zu spüren. Manch unvergessliche Stunde erlebte er - etwa 1990: "Wir - insgesamt 50 Fans - wollten zum Trainingslager nach Teneriffa fliegen. Wegen des Golfkrieges sagte es der Verein ab. Das wussten wir erst am Flughafen. Trotzdem war die Stimmung auf Teneriffa klasse.
Später haben wir den Verein kontaktiert. Als Entschädigung gab's ein Spiel gegen die Traditionsmannschaft auf dem Trainingsplatz und eine Dauerkarte für die Rückrunde. Das waren die einzigen Spiele, bei denen ich saß", erinnert sich Jürgen.
Am schönsten findet er übrigens die Derbysiege gegen Lüdenscheid. Umso schöner, dass er für die nächste Saison wieder Karten für die "Mutter aller Derbys" ergatterte. Natürlich Stehplatz, natürlich Nordkurve.