Ein Schwarzweißfoto aus der Zeit um 1910 zeigt Elisabeth Kühn in festlichem Kleid mit langer Schleppe. Das Bild entstand nicht etwa zur Hochzeit oder zu einer banalen Familienfeier - es zeigt die junge Frau in der Robe, in der sie ein Fest am Hof des deutschen Kaisers besuchte.

Wer war diese mondäne Dame, von der man munkelt, sie sei möglicherweise sogar eine illegitime Tochter von Kaiser Wilhelm II. gewesen? 1883 in Pommern geboren, wuchs Elisabeth Kühn in Berlin auf. Ihr Vater, der königlich-preußische Staatsminister Hermann Kühn, ermöglichte ihr ein Studium der Malerei bei bedeutenden Künstlern. 1920 besuchte Elisabeth Kühn mit ihren Eltern erstmals Kloster Banz. Weitere Besuche folgten. Die Landschaft gefiel Elisabeth Kühn so gut, dass sie sich 1932 in Neubanz ein Landhaus baute. Regelmäßig besuchte sie Banz in den Sommermonaten, bis sie 1944 ihren Berliner Wohnsitz aufgab und ganz nach Neubanz zog.

Lanschaften und Blumen

Immer wieder malte sie das Kloster von ihrem Atelier aus. Landschaftsbilder des Maintals und naturalistische Blumenarrangements gehörten zu ihren Lieblingsmotiven. Dabei zog sie häufig mit Palette und Staffelei hinaus in die Natur und porträtierte das Staffelsteiner Land.

Ernst Paul Wagner, einst Staffelsteiner Milchhofdirektor, der in seiner Freizeit immer wieder lokale zeitgeschichtliche Themen aufarbeitet, hat die Lebensgeschichte von Elisabeth Kühn nachgezeichnet. Zum 50. Todestag der Malerin sei es ihm wichtig, an diese bedeutende Frau zu erinnern, sagt der 83-Jährige, der heute in Bamberg lebt.

Schon in seinem Kindheitsdorf Nassach, fährt er fort, sei er mit Malern in Verbindung gekommen. Bilder faszinierten Ernst P. Wagner sein ganzes Leben. Er begann zu sammeln. Einige der schönsten Gemälde hängen geschmackvoll arrangiert in seiner Wohnung. "Es bleibt nicht bei einem Bild, man hat die frischen Farben gerochen, dann ist man immer wieder schwach geworden", beschreibt er seine Passion.

Direkt aus Elisabeth Kühns Händen konnte er kein Bild erwerben, denn sie war bereits gestorben, als er 1966 nach Staffelstein kam. Aber ein Sammler wäre kein Sammler, wenn er nicht doch eines hätte aufspüren können: Ein Ölbild aus dem Jahr 1946, das Kloster Banz vom Forsthaus aus gesehen zeigt. Über die Malerin recherchierte er in Archiven und trug Fakten zusammen. Er wertete aus und bewertete. Herausgekommen ist ein vielseitiges Lebensbild.



Das Porträt der Malerin von Ernst P. Wagner

Elisabeth Kühn, eine Berliner Malerin in Franken.

Ein Gedenken zum Todestag vor 50 Jahren.


Familie und Gesellschaft

"Das hinter einem schönen Vorgarten in Neubanz gelegene Haus der Malerin atmet so recht alte Berliner Wohnkultur mit wertvollen Barockschränken, messingnen Deckenlüstern, Wandleuchten und Zinngefäßen. Diele und übrige Räume schmücken ganz im Naturalismus wurzelnd edle Landschaftsgemälde und wundervolle Stilleben aus der Hand der gottbegnadeten Künstlerin."

Soweit das Zitat aus einem Zeitungsnachruf vom 1. Juli 1965 auf die verstorbene Berliner Malerin Elisabeth Kühn. Ihr Lebensweg hatte im Wilhelminischen Königreich Preußen begonnen und endete im Freistaat Bayern.

Zwölf Jahre nach der Ausrufung des Deutschen Kaiserreichs im Jahr 1871 wurde dem jungen Amtsrichter Hermann Kühn (1851 - 1937) und seiner Ehefrau Ida Kühn, geb. Konitzkow (1858 - 1935) am 12. April 1883 in der Hansestadt Rügenwalde/Pommern eine Tochter geboren. Sie erhielt den Namen Elisabeth.

Der berufliche Weg des Vaters führte über Stettin, Thorn und Danzig im Jahr 1889 in die Reichshauptstadt Berlin. Dort begann mit seiner Ernennung zum Geheimen Regierungsrat und Staatssekretär im Reichsschatzamt der steile Aufstieg, der 1914 mit dem Regierungsamt Königlich Preußischer Staatsminister den Abschluss fand.

Das Noch-Schulkind Elisabeth ist während einer der glanzvollsten Epochen Deutschlands in einer Familie, die vor allem mit Persönlichkeiten aus dem Umkreis preußischer Politiker und Künstler verkehrte, aufgewachsen und entwickelte sich dabei zu einer jungen Dame. Sie fühlte sich bald zur Bildenden Kunst hingezogen und nahm das Studium der Malerei bei den damals bedeutendsten Berliner Malerpersönlichkeiten auf (Leistikow, Skarbina und Hübner).

In diesen für Elisabeth Kühn beglückten Jahren wurde sie als Tochter eines hoch ange-sehenen Vaters, in die Berliner Gesellschaft und am Hofe des Deutschen Kaisers Wilhelm II. eingeführt. Es gibt Belege dafür, dass sie um 1908 bis 1912 an Hoffesten teilnahm und dem Kaiser wie auch der Kaiserin vorgestellt worden ist.

Mit ihren Eltern wohnte Elisabeth Kühn in der Villenoase Westend "unter Leuten, die etwas können, etwas sind und etwas haben". Von Schicksalsschlägen jedoch blieb die kaisertreue Familie Kühn nicht verschont. Nachdem der eine Bruder Elisabeths früh verstorben, der andere im Ersten Weltkrieg an der Front gefallen ist, trat Vater Hermann Kühn 1915 infolge Meinungsverschiedenheiten über die Kriegsfinanzierung von seinem Staatsamt zurück.



Die Malerin

Wer, wie Elisabeth Kühn, Schülerin der renommiertesten Berliner Maler gewesen ist, bringt wohl beste Grundlagen für die Entfaltung einer eigenen Künstlerpersönlichkeit mit.

Die malerische Zwiesprache mit der Natur wurde Elisabeth Kühn zu einem echten künstlerischen Anliegen, das durch schöne poetisch gestimmte Landschafts- sowie farbenprächtige Garten- und Blumenbilder seinen Ausdruck gefunden hat.

Bald nach dem verlorenen Weltkrieg 1914/18 entzogen sich Elisabeth Kühn und ihre schwergeprüften Eltern im Jahr 1920 dem unruhigen Treiben in Berlin durch einen Aufenthalt im doch friedlichen Schloss Banz. Für das weitere Leben der fast vierzigjährigen Malerin wurde die Begegnung mit der ehemaligen Benediktinerabtei und deren unmittelbaren Umgebung von weittragender Bedeutung. Denn die Natur des Obermaingebietes und die romantische Idylle der Landschaft hielten sie als Großstadtmenschen fortan in Bann und ließen sie nicht wieder los. Schon im Jahr 1925 zeigte sie in einer Berliner Kunstausstellung ihr Gemälde "Maintal bei Banz". Die bald zum Lebensrhythmus im Leben der Malerin gehörenden Banzer Aufenthalte führten zu dem Entschluss, sich dort neben Berlin eine weitere Bleibe zu schaffen.

Im Frühjahr 1932 beauftragte Elisabeth Kühn den Lichtenfelser Architekten Georg Haag, einen Planentwurf "zu einem Landhaus nach Unnersdorf" zu fertigen. Von einem Problem, das sich durch den "Einbau eines Wasserspül-Closetts" ergab abgese-hen, aber dann doch behoben werden konnte, kam der Planentwurf zur Ausführung.

Unter der künftigen Hausnummer Unnersdorf 45 erbaute der Staffelsteiner Maurermeister Jakob Dörnhöfer im Sommer 1932 Elisabeth Kühns Landhaus am Ortseingang von Neubanz rechts der Banzer Auffahrtsstraße.

Die Einbindung des dörflichen Lebensraums und landschaftliche Schönheit, sind nun Bildgegenstand, Motiv und Thema zugleich. Elisabeth Kühn gibt sich in einer Reihe um Banz entstandener Landschaftsgemälde momentanen Naturstimmungen hin, denn längs hat sie das Atelier im Hausobergeschoss in die freie Natur verlegt.

Die Garten- und Blumenbilder Elisabeth Kühns sind in ihrer künstlerischen Gestaltung durch ausgewogene Farbkompositionen charakterisiert.



Elisabeth Kühn in Neubanz

Anfangs des Kriegsjahres 1944 war für Elisabeth Kühn der Zeitpunkt gekommen, bei zunehmenden Luftangriffen Berlin zu verlassen und ihrem Landhaus in Neubanz zuzueilen. Dort bot ihr in vertrauter Umgebung das vor gut zehn Jahren an der Banzer Auffahrtsstraße erbaute Landhaus, seither von der Künstlerin als Sommersitz genutzt, Schutz vor den nächtlichen Bombardierungen. Für die Sechzigjährige wurde Neubanz völlig zur Heimat.

Anstelle des Einmarsches der Roten Armee im Frühjahr 1945 in Berlin, erlebte Elisabeth Kühn hier das relativ friedfertige Vordringen der US-Army.

Im Haus war genügend Raum für die Malerin, für eine Hausangestellte und in der Nachkriegszeit auch für die Unterbringung Heimatvertriebener.

Elisabeth Kühns Eltern lebten nicht mehr. Sie waren 1935 (Mutter) und 1937 (Vater) in Berlin verstorben. Ein großer Freundeskreis wurde in Berlin zurückgelassen.

Das bisher schon bestehende und gepflegte gutnachbarliche Verhältnis zur Neubanzer Dorfgemeinschaft, insbesondere zu der unmittelbaren Nachbarschaft wurde vertieft, ebenso entstanden Bekanntschaften und Freundschaften zu kunst- und kulturinteressierten Bewohnern in Banz und Umgebung, vornehmlich in Staffelstein.

Diesem Kreis von Kunstfreunden haben wir es auch zu verdanken, dass die Kulturinitiative Staffelstein (KIS) im Rahmen ihrer Aktionen im Spätsommer 2001 fünfundzwanzig ausgeliehene Bilder präsentieren und einen Einblick in Elisabeth Kühns Banzer Malerei bieten konnte. Diese Ausstellung ist in Band 2 "Bildende Kunst in Bad Staffelstein", Bad Staffelsteiner Schriftenreihe, dokumentiert.
Kaum jemals zuvor befassten sich Maler mit der Landschaft um Banz und der Blumenpracht bäuerlicher Gärten so nachhaltig intensiv und ausgeprägt wie dies Elisabeth Kühn über viele Jahre hin getan hat.

Mit harmonischen Farbklängen hat sie eine lange Reihe Lob- und Danklieder auf ihre neue Heimat gesungen. Fern ab von Berlin erlebte sie hier die Reifezeit ihres künstlerischen Schaffens und Lebens.

Aus Gesprächen mit Freunden und Bekannten, Neubanzer Nachbarn, Schlossbewohnern und Mal-Schülern ergaben sich Hinweise auf das Alltagsleben der Künstlerin.

Demnach hatte Elisabeth Kühn im Alter zunehmend unter nachlassender Sehkraft ihrer Augen zu leiden und konnte nur noch eingeschränkt an der Staffelei mit Pinsel und Farben arbeiten.

In der Hoffnung, bald wieder nach Hause zurückkehren zu können, begab sich Elisabeth Kühn zur ärztlichen Behandlung in das Lichtenfelser Krankenhaus, das damals noch an der Bamberger Straße lag. Einige Tage später jedoch ist die Zweiundachtzigjährige mitten im Sommer, am 28. Juni 1965, unerwartet dahingeschieden.

Aus der Klosterkirche Banz wurde ihr Leichnam am 1. Juli 1965 zum unterhalb liegenden Friedhof gebracht, wo sie ihre letzte Ruhestätte fand.

Ernst Paul Wagner