Zweimal ein Messer, einmal eine Pistole. Das sind die Waffen, die in seiner Polizeikarriere auf Ralf Fenderl (48) gerichtet wurden. "Die Situationen sind nicht außer Kontrolle geraten", sagt der stellvertretende Leiter der Lichtenfelser Polizeiinspektion. Aber sie verdeutlichen, dass Gewalt gegen Polizeibeamte auch abseits der Großstädte droht.

Wie oft, das zeigt die neueste Statistik. Sie besagt, dass im Jahr 2014 fast 600 Angriffe auf Beamte verübt wurden. Mehr als jeder zweite oberfränkische Ordnungshüter ist - statistisch gesehen - während des Dienstes beleidigt, bespuckt oder körperlich angegriffen worden. Wir haben das zum Anlass genommen für ein Gespräch mit Fenderl und dem stellvertretenden Dienstgruppenleiter Christian Heyd (40). Über Aggression durch Alkohol, Psychologie und die Kunst, Situationen zu entschärfen.

Welche Ausprägungen von Gewalt erleb(t)en Sie im Dienst?
Heyd: Man muss grundsätzlich unterscheiden zwischen Affekt und Vorsatz. Diese Affekt-Taten passieren oft unter Alkoholeinfluss, nicht selten aus einer Gruppe heraus. Außerdem wenn sich eine Person bedrängt fühlt. Wenn jemand eigentlich nur weg möchte, aber dann den Schritt nach vorne zum Angriff wählt. Das andere sind bewusste Angriffe, die vielleicht auch geplant sind. Die sind weit seltener.

Wann haben Sie das letzte Mal von Gewalt gegen Beamte dieser Dienststelle mitbekommen?
Fenderl: Das ist nicht lange her. Dürfte in einer Nacht des vergangenen Wochenendes gewesen sein. Eine versuchte Körperverletzung, die zum Glück rechtzeitig unterbunden werden konnte.

Kommt das fast jedes Wochenende vor?
Fenderl: Nein, hier zum Glück nicht. Wir haben unser Stammpublikum, das wir kennen und mit dem wir auskommen müssen. Darauf sind wir vorbereitet, sodass einer Eskalation in der Regel ausgewichen werden kann. Diejenigen, die regelmäßig Aggression gegenüber Beamten zeigen, sind sehr wenige.

Können sie dieses "Stammpublikum" einordnen?
Fenderl: In den bei weitem überwiegenden Fällen sind Personen, die Widerstand leisten, jung, männlich und angetrunken oder stehen unter dem Einfluss von Drogen. Oft spielt der Einfluss einer Gruppe eine Rolle, vor der der Angreifer - durch Widerstand gegen polizeiliche Maßnahmen - sein Gesicht wahren will.

Wie ist es, sich in einer Situation zu befinden, etwa nachts vor der Disco, die eskalieren könnte?
Fenderl: Man macht seine Arbeit, hat keine Lust sich zu prügeln und möchte gesund wieder nach Hause gehen. Und tut deshalb alles, was möglich ist, um eine körperliche Auseinandersetzung zu vermeiden. Auf der anderen Seite müssen wir bereit sein, bei einer Eskalation durchzugreifen. Man muss ruhig bleiben, den Überblick behalten. Das ist nicht immer leicht.

Herr Heyd, wie reagieren Sie, wenn man Sie schwer beleidigt? So etwas trifft den Stolz.
Heyd: Der Stolz ist in so einer Situation nicht das Entscheidende. Im Laufe einer langen Berufserfahrung wird das Fell dicker. Aber es wäre das falsche Signal, sich als Polizist in der Öffentlichkeit vorführen zu lassen. Eine Beleidigung muss bestraft werden. Allein schon, um Nachahmer abzuschrecken. Wichtig ist dabei die Verhältnismäßigkeit.

Was ist eine verhältnismäßige Strafe für Beamtenbeleidigung?
Fenderl: Es kommt auf die Situation an. Wenn jemand ACAB auf der Jacke stehen hat, juckt mich das nicht die Bohne. Wenn jemand in einer aufgeheizten Situation eine Beleidigung brüllt, ist es nicht möglich, das durchgehen zu lassen. Dann werden wir die Personalien desjenigen feststellen. Und wenn das nicht möglich ist, nehmen wir ihn mit auf die Wache, bis die Identität festgestellt worden ist. Beleidigung ist eine Straftat.

Wie wurden Sie auf Situationen, in denen Gewalt droht, vorbereitet?
Zu unserer Ausbildung gehören Psychologie und Soziologie. Neuerungen im Umgang mit Konfrontation werden bei Schulungen gelehrt. Aber vieles bringt die Erfahrung. Die macht man schnell: Seit ich eine Uniform trage, werde ich beleidigt.

Abseits von Gewalt: Haben Sie das Gefühl, dass der Respekt gegenüber Polizisten nachlässt?

Heyd: Ich glaube schon. Früher war es vielleicht selbstverständlicher, Beamte zu respektieren. Das mag mit Erziehung zu tun haben. Aber das ist schwer zu sagen.
Fenderl: Ich bin ja schon etwas länger bei der Polizei. Seit 1986. Das war die Hochzeit von Wackersdorf (extreme Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten wegen eines Atomkraftwerk-Baus, Anm. d. Red.). Da wurde man auf Streife laufend beschimpft. Das hat im Anschluss wieder nachgelassen. Erziehung ist vielleicht ein Faktor. Ein anderer die Berichterstattung. Vor allem über Fälle von Polizeigewalt in den USA. Obwohl die deutsche Polizei damit nichts zu tun hat: Die Videos, die auftauchen, führen dazu, dass auch bei uns das Verhalten von Polizisten hinterfragt wird.

Diese angeblichen Video-Beweise für Polizeigewalt gibt es auch hierzulande ...
Fenderl: In Zeiten von Smartphone-Videos werden Sachverhalte oft aus dem Kontext gerissen. Dann filmt jemand ein Durchgreifen von Polizisten, aber was vorher passiert ist - wie es dazu kam - wird nicht gezeigt. Ob ein Beamter da unverhältnismäßig gehandelt hat, ist selten zu entnehmen. Aber in dem Moment macht er eine sehr schlechte Figur. Das führt nicht dazu, den Respekt vor Polizeibeamten zu heben.

Wie sehr macht Ihnen eine Statistik mit vielen Fällen von Gewalt gegen Beamte Angst?
Heyd: Wenn sie mir Angst machen würde, wäre ich falsch in dem Beruf. Wichtig ist, dass durch unseren Berufsstand die richtigen Signale gesetzt werden: Möglicherweise müssen Vorgehensweisen überdacht werden, um einer negativen Entwicklung gegenzusteuern.
Fenderl: Wir sind nicht da, um Leute zu ärgern. Es ist wichtig, dass das auch so verstanden wird. Zudem glaube ich, dass die Dinge ständig im Fluss sind. Es gibt ruhigere und unruhigere Zeiten für Polizeibeamte. Angst habe ich nicht. Ich glaube, wir sind in Bayern sehr gut aufgestellt.

Das Gespräch führte Hendrik Steffens.