15 Jahre ist es her, dass Kurt Schütz sen. seine Vorstellungen von einem "Haus des Deutschen Flechthandwerks" öffentlich präsentierte. Ein Besuchermagnet sollte es werden, der Titel Deutsche Korbstadt für Touristen damit zu jeder Zeit erlebbar sein, nicht nur an drei Korbmarkt-Tagen im Jahr. Die Idee war als Projekt "Flechthaus" über Jahre ein Thema. Umgesetzt wurde sie bis heute nicht. Letztlich war der politische Wille dafür nicht mehr in der nötigen Geschlossenheit da, die Sorge um Finanzierung und Folgekosten sowie Zweifel am Nutzen zu groß.

Kurt Schütz ist kein Bundesinnungsmeister mehr, aber er ist immer noch von dem Gedanken beseelt, das Potenzial dieses in der Region verwurzelten "Urhandwerks der Menschheit" müsse genutzt werden. Seine Vision ist nicht kleiner, sondern größer geworden. Er spricht jetzt von einer "Flechtwelt" in einem "Jahrhundert-Bauwerk", das mit dem historischen Rathaus korrespondiert und sich als moderner Rundbau mit einem Durchmesser von 25 bis 30 Metern unterhalb des Stadtschlosses in die Marktplatz-Kulisse einfügt. "Die Flechtwelt darf kein Museum werden", sagt Schütz. "Ein Museum haben wir schon in Michelau, dafür machen wir Werbung." Seiner Vorstellung nach sollte vielmehr ein lebendiges Kaufhaus der Flechtkulturen aller Kontinente entstehen, in dem man Meisterwerke des Flechthandwerks anschauen und kaufen kann, mit einer Lebenden Werkstatt als Herzstück.

Schütz stellt sich das Ganze mit einem professionellen Management und fachkundigem Personal vor und geht von einer Investition aus, bei der es mit zehn Millionen Euro nicht getan sein werde. Man werde auf Fördermittel angewiesen sein, aber mit der Zeit sollte sich die Attraktion selbst tragen. Vor allem soll sie geeignet sein, den Tourismus und damit auch den Umsatz in nennenswerter Größe anzukurbeln. "Das ist kein Hirngespinst! Man muss etwas wagen." Es gehe ihm um die Stadt, um die Zukunft, betont der heute 83-Jährige.

Die Problematik ausblutender Innenstädte trifft nicht nur Lichtenfels. Internethandel, Einkaufszentren an der Peripherie - "es ist ein Trend der Zeit", stellt Schütz fest. "Aber es stimmt nicht, dass wir in Lichtenfels nichts machen können." Für ihn ist das Flechthandwerk ein großes Thema, ein Alleinstellungsmerkmal, das es entsprechend zu vermarkten gelte. Schon der damalige Regierungspräsident Hans Angerer, dem er einmal seine Pläne gezeigt hatte, habe ihn ermuntert, an dieser Geschichte dranzubleiben.

Das beim Jahresempfang der Stadt präsentierte neue Logo für Lichtenfels war für Schütz Anlass, sich jetzt zu Wort zu melden. Er vermisst darin das Wort Korbstadt; der Flechtknoten als Symbol ist ihm zu wenig, über die Region hinaus nicht selbsterklärend genug. Aber eigentlich geht es ihm gar nicht so sehr um diese Design- oder Geschmacksfrage, sondern vielmehr um Wert und Bedeutung eines Titels: "Ich möchte nicht, dass die Korbstadt untergeht", sagt er. Er wolle nicht schweigen, einfach nichts tun, erklärt er. Dann würde er sich schuldig fühlen. Lieber lasse er sich "nochmal prügeln". Seine Enkel, die alle der Region verbunden seien, hätten ihm Mut gemacht, seine Idee der "Flechtwelt" zu präsentieren, "damit endlich diskutiert wird". Diskutieren möchte Kurt Schütz, durchaus auch mit Skeptikern: "Ich möchte, dass sie Fragen stellen." Und er würde gerne überzeugen.

Die Geschichte des Projektes "Flechthaus"

Anfänge Die Anfänge des Themas "Flechthaus" mit Gläserner Werkstatt als Attraktion für die Deutsche Korbstadt Lichtenfels liegen vor der Jahrtausendwende. Im Stadtentwicklungskonzept von 2001 hieß es: "Es muss geprüft werden, wie sich im Zentrum der Stadt eine Möglichkeit für Einblicke in die Herstellungsverfahren des Flechthandwerks schaffen lassen." Dieses Handwerk müsse dazu genutzt werden, mehr Menschen für Lichtenfels zu interessieren. Der damalige Bürgermeister Winfred Bogdahn (SPD) betonte die Chancen einer Umsetzung: Dieses Projekt sei kein Luftschloss.

Unterstützung Unterstützung fand man beim damaligen Regierungspräsidenten Hans Angerer. Fördermittel der Europäischen Union, der Städtebauförderung sowie der Oberfrankenstiftung wurden in Aussicht gestellt. Als Standort angedacht war das Gebäude Marktplatz 2 (ehemals "Deichmann").

Objekt-Wechsel Unter Bürgermeisterin Bianca Fischer wird das "Flechthaus" zum Politikum. Zunächst wird die Umsetzung aufgrund der Finanzlage der Stadt auf Eis gelegt, 2004 wird als neuer Standort das größere Objekt Marktplatz 10 ins Spiel gebracht. Die CSU-nahe Bürgermeisterin spricht von einer großen Chance, dort "das Stadtschloss und das gesamte Umfeld des Marktplatzes mit einbeziehen" zu können. Der Stadtrat entscheidet sich mit der Mehrheit von CSU und Jungen Bürgern dafür. Problematisch ist, dass Zuschüsse nur für ein mieterfreies Gebäude in Aussicht gestellt werden, der Schlecker-Markt aber noch einen langfristigen Vertrag hatte.

Streit Der Streit über den richtigen Standort und die Umsetzung des inzwischen als "Haus des deutschen Flechthandwerks" bezeichneten Vorhabens zieht sich über ein Jahr hin. Mitte 2005 fällt auf Antrag der CSU-Stadtratsfraktion die Entscheidung, das Projekt "unter den gegebenen Umständen" nicht mehr weiterzuverfolgen.

Machbarkeitsstudie Die Stadt Lichtenfels beabsichtigt, ein externes Büro damit zu beauftragen, die Nutzungsmöglichkeiten des Gebäudes Marktplatz 10 zu untersuchen. Für diese Studie sind 50 000 Euro angesetzt. Aus dem Städtebauförderungsprogramm erhofft man sich einen Zuschuss von 60 % hierzu. Mit der Regierung hat es Vorgespräche gegeben. Zunächst muss sich die Stadt aber über die künftige Nutzung im Klaren werden. In diesen Prozess ist der Verein ZEF (Zentrum Europäischer Flechtkultur) Lichtenfels eingebunden.

Architektenwettbewerb Die Kosten für einen Architektenwettbewerb zum Anwesen Marktplatz 10 werden von der Stadtverwaltung auf rund 200 000 Euro beziffert. Ein solcher Wettbewerb wäre der nächste Schritt nach Vorliegen der Machbarkeitsstudie. pp