Sind Kassenkunden Patienten zweiter Klasse? Unsere Reporter haben im Kreis Lichtenfels Stichproben genommen. Er als Kassenpatient, sie als Privatversicherte, haben sich beide von fünf Facharztpraxen Termine geben lassen. Beim Neurologen sollte der Kassenpatient mehr als einen Monat länger warten. Beim Augenarzt wäre er überraschend schneller dran gewesen als die Kollegin.
Die angeblichen Beschwerden der Reporter waren vergleichbar. Beim Neurologen sollten anhaltende, pochende Kopfschmerzen untersucht werden. Der Augenarzt sollte nur mal die Sehkraft kontrollieren. Und dem Hautarzt wollte man vorsorglich die Muttermale zeigen. Zeitlich lagen die Anfragen maximal einen Tag auseinander. Sie stammen vom Mittwoch und Donnerstag dieser Woche.

Beide "Patienten" müssen sich beim Neurologen erst auf lange Wartezeit einstellen. Im November sei wieder was möglich, beide sollten sich Anfang Oktober noch einmal melden. Als die Kollegin sagt, dass sie privat versichert sei ("gibt es keine schnellere Lösung?") schaut die Praxismitarbeiterin nochmal genauer nach. Siehe da: Ein Termin am 21. September ist möglich - also nur fünf Tage Wartezeit. Als Kassenpatient müsste der Kollege mehr als einen Monat länger warten. Negativ-Spitzenreiter. Und die einzige Praxis, in der die Mitarbeiterin am Telefon nach der Krankenkasse fragt.
Die Reporter identifizieren sich als solche und fragen beim Arzt nach. Der verneint den Vorwurf, dass seine Mitarbeiter angehalten seien, Privatpatienten den Vortritt zu geben. Die Wartezeit hänge von anderen Faktoren ab: So gebe es täglich einen Termin, der für Notfälle freigehalten werde. Der könne von anderen Ärzten abgefragt werden, die einen potenziellen Notfall-Patienten haben. Dieser eine Termin, der pro Tag freigehalten wird, kann innerhalb weniger Tage in Anspruch genommen werden. "Sollte den aber kein Arzt für seine Patienten anfragen, wird er anderweitig vergeben", sagt der Arzt. Das könne der Grund für die mutmaßliche Bevorzugung der Privatpatientin gewesen sein. Auch möglich, dass ein Patient abgesprungen und deshalb ein Termin kurzfristig frei geworden sei.
Auch die Art der Beschwerden spielten eine Rolle bei der Vergabe, erklärt der Mediziner. Ein Verdacht an der Wirbelsäule sei anders zu untersuchen als Kopfschmerzen. Der voraussichtliche Zeitaufwand der Prozedur könne sich auf Wartezeiten auswirken. In unserem Fall meldeten sich beide Testpersonen mit Kopfschmerzen.
Ebenfalls sei der Wohnort wichtig. Die Mitarbeiterinnen seien angehalten, immer nach dem Herkunfts-Landkreis zu fragen. Ein Lichtenfelser käme wohl schneller dran als ein Bamberger - denn in Bamberg gebe es genug andere Neurologen. Unsere Test-Patienten haben beide Bamberg angegeben.
Eine Maßgabe, Privatpatienten schneller einen Termin zu geben, gebe es "eigentlich nicht", sagt der Neurologe. Der Anteil der Privatpatienten mache einen sehr geringen Anteil aus: Im Quartal vielleicht 100 von seinen insgesamt 2000 Patienten. Dass in unserem Fall der Kassenpatient mehr als einen Monat länger warten sollte, sei Zufall. Generell gelte sowieso: "Echte Notfälle, die gar nicht warten können, gehören in die Klinik."
Mit Herzrasen bitten unsere Tester beim Kardiologen um einen Termin. Der Kassenpatient bekommt einen in etwas weniger als einem Monat, am 15. Oktober. Die Privatpatientin einen Tag früher. Sie hat aber auch früher angerufen.

Beim Hautarzt bitten beide um den Muttermal-Check. Für den Herrn mit Kassenschutz ist der am 16. Oktober möglich. Die Kollegin darf - nachdem sie auf ihre Privatversicherung hinweist - am 6. Oktober kommen, letztendlich ist auf Nachfrage sogar der 1. Oktober drin. Also zwei Wochen früher als "Kasse".
Mit Schnelligkeit und Gleichberechtigung glänzt die Orthopädie-Praxis. Beiden Testern wird ein Termin um 15 Uhr am Tag des Anrufs angeboten. Als der ausgeschlossen wird, bekommt "Privat" den 21. und "Kasse" den 29. September vorgeschlagen. Ohne Frage nach der Versicherung.

Die Überraschung bietet der Augenarzt. Der Kassenpatient darf am 28. September zur Kontrolle kommen. Die Privatversicherte bekommt zum 15. Oktober einen Termin - mehr als zwei Wochen später. Auf Anfrage hieß es, das habe zum einen mit einem Praxisurlaub zu tun. Zum anderen damit, dass es eine eigene Sprechstunde für Privatpatienten gebe. In jedem Fall versuche man - unabhängig von der Art der Versicherung -, jeden so schnell es geht zu versorgen.
Das interessanteste Fazit unserer Stichprobe: Nur bei einer Praxis, der des Neurologen, wäre die Privatpatientin deutlich schneller dran gekommen. In den anderen Praxen spielte die Versicherungsart kaum eine Rolle.


Ein Kommentar von Lisa Kieslinger:
Kassenpatient, ein Mensch zweiter Klasse?



In einem Fall hat die Privatpatientin in unserem Test deutlich früher einen Arzttermin bekommen. Laut Stellungnahme des Arztes war das reiner Zufall. Doch beim alltäglichen Ärzte-Wahnsinn erleben Kassenpatienten diesen "Zufall" leider oft. Das fängt schon beim Hausarzt an. Kassenpatienten warten teilweise über eine Stunde, bis sie von der Sprechstundenhilfe aufgerufen werden. Komisch, dass Privatpatienten oft nicht einmal zehn Minuten neben einem im Wartezimmer sitzen - und schwups, schon sind sie hinter der Behandlungstür verschwunden: Privatpatienten werden bevorzugt - auch wenn das von Ärzten gern abgestritten wird. Geld regiert die Welt und das ist auch in unserem Gesundheitssystem so. Zwei-Klassen-Medizin auf hohem Niveau.

Hintergrundinformationen:
Terminservicecenter: Die Arztsuche wird nicht zum Wunschkonzert:

Was unsere stichprobenartige Terminsuche bei den Fachärzten ergeben hat, bestätigt Birgit Grain. Die Pressereferentin der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) verweist auf eine eigens eingerichtete Anlaufstelle für Patienten, die sich beschweren wollen. "Das Thema Wartezeiten kommt da kaum vor", erklärt sie.
Bei der Vergabe von Facharztterminen habe Bayern gegenüber den anderen Bundesländern sogar die Nase vorn. Eine bundesweite Umfrage habe ergeben, dass die Wartezeiten im Freistaat am kürzesten sind.
Birgit Grain räumt im Gespräch jedoch auch mit zwei Irrtümern auf. Der eine betrifft die Terminvergabe durch die Ärzte. Grundsätzlich habe ein Mediziner erst einmal selbst in der Hand, wie er seine Termine steuert. "Als Kassenarzt muss er sich selbstverständlich an gewisse Regeln halten", ergänzt sie, dass hierbei natürlich keine Willkür herrschen dürfe. Ein Kassenarzt müsse gewisse Zeiten für die Behandlung von Kassenpatienten einplanen. Die Notfallbehandlung habe zudem immer Vorrang, und bei Schmerzpatienten dürften keine Unterschiede zwischen privat und gesetzlich Versicherten gemacht werden.
Der zweite Irrtum, den die Pressereferentin ausräumt, betrifft die Terminservicestellen. Die Kassenärztlichen Vereinigungen müssen diese Anlaufpunkte nach dem neuen Versorgungsstärkungsgesetz einrichten, um Kassenpatienten Facharzttermine innerhalb von vier Wochen zu ermöglichen.


Politik in der Pflicht

"Es werden Erwartungen geweckt, die so vielleicht nicht erfüllt werden können", stellt Birgit Grain fest und erklärt: "Es wäre die Aufgabe der Politik, darüber zu informieren, dass es sich dabei nicht um die Wunschbehandlung handelt."
Die Patienten würden mit der Einführung der Terminservicestellen oft die Hoffnung verbinden, bei ihrem Wunscharzt zur perfekten Zeit ohne großen Vorlauf einen Termin zu bekommen. Doch darum gehe es nicht, und diese Erwartung könne auch nicht grundsätzlich erfüllt werden.
Vielmehr vermittle die Servicestelle einen freien Termin innerhalb einer so genannten Planungsregion. "Der muss nicht beim nächstgelegenen Arzt sein", unterstreicht Grain. Und auch zeitlich werde der Patient Kompromisse eingehen müssen.
Bis es überhaupt zu solchen Vermittlungen kommt, wird zudem erst noch einige Zeit ins Land ziehen. "Die Terminservicestellen sind ein Teil des neuen Gesetzes, das jetzt in der Umsetzungsphase ist - die hat aber gerade erst begonnen", betont die Pressereferentin. Ab Januar 2016 sollen die Servicestellen eingerichtet werden. Dabei werde es zudem regionale Unterschiede in den Bundesländern geben, stellt sie fest, dass das Konzept für diese Einrichtungen erst noch angepasst werden muss. mrm

Das neue Versorgungsstärkungsgesetz

Am 23. Juli ist das neue Gesetz in seinen wesentlichen Teilen in Kraft getreten. Wichtige Zielsetzungen sind (Quelle: Bundesministerium für Gesundheit):

 Das Gesetz gibt den Verantwortlichen vor Ort mehr Möglichkeiten, stärkere Anreize für eine Niederlassung in unterversorgten oder strukturschwachen Gebieten zu setzen.
 Gründungsmöglichkeiten für medizinische Versorgungszentren werden weiterentwickelt.
 Um die hausärztliche Versorgung nachhaltig zu stärken wird die Zahl der mindestens zu fördernden Weiterbildungsstellen von 5000 auf 7500 erhöht.
 Die Kassenärztlichen Vereinigungen werden verpflichtet, Terminservicestellen einzurichten. Sie sollen Versicherten mit einer Überweisung innerhalb von vier Wochen einen Termin bei einem Facharzt vermitteln.
 Im Arzneimittelbereich werden die Regelungen zu Wirtschaftlichkeitsprüfungen weiterentwickelt und regionalisiert.
 Ärzte sollen dort tätig sein, wo sie für eine gute Versorgung gebraucht werden. Künftig soll eine Praxis in einem überversorgten Gebiet nur nachbesetzt werden, wenn es für die Versorgung der Patienten sinnvoll ist.
 Versicherte erhalten einen Anspruch auf Krankengeld schon von dem Tag an, an dem die ärztliche Feststellung der Arbeitsunfähigkeit erfolgt ist. red