Auf der Suche nach ihren Angehörigen wenden sich immer wieder Menschen an die Stadtarchivarin Adelheid Waschka. Nach Möglichkeit hilft sie beim Klären von Schicksalen. Jüngst erhielt sie Besuch eines gebürtigen Amerikaners. Der Sohn eines US-Soldaten hatte um Hilfe nachgesucht, denn sein 1946 in Staffelstein stationierter Vater ist unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen.
Die Quellenlage erlaubt zwar Mutmaßungen, lässt aber keine Rückschlüsse auf das tatsächliche Geschehen zu. Adelheid Waschka bittet nun ihrerseits darum, dass mögliche Zeitzeugen sich melden und Auskünfte darüber geben, was im Frühjahr 1946 in Staffelstein geschehen ist (Tel. 0171/1849570).
"Die Anfrage klingt zunächst äußerst mysteriös und lässt ein merkwürdiges Ereignis entdecken", sagt die Stadtarchivarin. Die Anfrage kam vom Jazzmusiker Famoudou Don Moye, der 1946 in Rochester (Staat New York) geboren ist und der heute in Marseille lebt.


Afro-Amerikaner als Army-Helfer

Er war nach Bad Staffelstein gekommen, weil er versuchte das Schicksal seines Vaters zu klären, der im Frühjahr 1946 in Staffelstein ums Leben gekommen war. Im Rahmen seiner Nachforschungen suchte er Informationen zum amerikanischen Quartiermeister-Trupp 3511, der zu dieser Zeit in Staffelstein stationiert war. Diese Einheit bestand überwiegend aus Afro-Amerikanern, zumeist freiwilligen Zivilisten, die für die Versorgung der US-Streitkräfte zuständig waren, sagt Adelheid Waschka.
Einer dieser Männer war Donald F. Moye. Im letzten Brief an seine Ehefrau schrieb er noch, wie sehr er sich auf die Geburt seines Sohnes freue. Dieser - Famoudou Don Moye - wurde am 23. Mai 1946 geboren. Seinen Vater, der im November 1945 für die Quartermaster Truck Company angeworben wurde und am 27. Mai 1946 in Staffelstein unter ungeklärten Umständen starb, hatte er nie kennengelernt.
Dessen Leichnam wurde schließlich im Juli 1949 nach Amerika überführt. Als Todesursache ist im Veteranenfriedhof von Rochester verzeichnet: "died non battle" (starb in keiner Schlacht).
Der jungen Witwe hatte man zunächst erzählt, ihr Mann sei von einem der Transport-Trucks überfahren worden, dann hieß es "accidental shooting" (zufälliger Schusswechsel), sagt die Stadtarchivarin. Rätselhaft sei jedoch "die Nachricht eines Kameraden, der Frau Moye erzählte, Donald und 40 weitere farbige Männer seien in den Hungerstreik getreten, um gleiche Nahrungsrationen zu bekommen wie die weißen Soldaten. Es hätte einen Aufruhr gegeben, mit mehreren Toten und Verletzten".
"Doch wo hat sich die Leiche - oder die Leichen - bis zur Überführung 1949 befunden?", fragt Adelheid Waschka. Auch hier sind Zeitzeugen gefordert: Handelte es sich etwa um jenen farbigen Amerikaner, der am Main von einer Fähre erdrückt und in Niederau unter einem Baum begraben worden war?
"Die Kinder haben ihm immer Blumen auf das Grab gelegt", erinnert sich Georg Würstlein aus Unterzettlitz. Doch dieses Unglück muss sich um den 8. April 1945 zugetragen haben. Auch die sterblichen Überreste dieses Soldaten sind nach Recherchen der Stadtarchivarin erst einige Jahre später in die Vereinigten Staaten überführt worden.
"Mysteriös klingt diese Angelegenheit eigentlich erst, wenn man den Quartalsbericht liest, den der vom 30. April an eingesetzte Kommandant der 3511. Quartiermeister-Einheit für die Zeit zwischen April und Juni 1946 abfasste", sagt Adelheid Waschka.
Die Aktenkopien aus dem Nationalarchiv der Vereinigten Staaten kamen 2001 in den Bestand des Stadtarchivs. Dieser Arbeitsbericht bezog sich auf eine unbekannte Anweisung vom 7. Mai 1946 und enthält einen Passus, wonach die Einheit im April 1946 nach Staffelstein verlegt wurde.


Organisatorische Aktennotizen

Aus den Akten geht laut Adelheid Waschka hervor, dass aufgrund dieses Personalwechsels für die Company eine zweiwöchige Befreiung vom Transportdienst notwendig wurde, damit sich das Personal neu einrichten konnte. Während man den allgemeinen Dienst beibehielt, wurden verschiedene Bereiche neu organisiert - darunter die Kantinenhalle und Küche (evtl. beim "Schießhaus" hinter der Brauerei Brütting oder dem "Gasthof zur Post"), der Fuhrpark und Einkauf, die Unterkunft der freiwilligen Männer, und das Sportprogramm.


Kein Kontakt zu anderen Soldaten

Das Personal der Company hatte keinen Kontakt mit den alliierten Streitkräfte oder mit früheren deutschen Streitkräften. Die Company hatte keinen Auftrag erhalten, Aufsicht zu übernehmen und die Zivilbevölkerung zu entnazifizieren.
Ein Unfall oder der Tod von Donald F. Moye am 27. Mai 1946 sind mit keinem Wort erwähnt. Warum wurde dieser im Bericht verschwiegen?