Dialekt ist ein Faszinosum. Er kann erheitern, befremden oder Staunen machen. Er macht uns Menschen vertraut oder suspekt. Er kann plump oder mit Charme daherkommen, doch liegt das meist im Auge des Betrachters, pardon - im Ohr des Zuhörers. Gerhard Schmidt, Lichtenfelser Urgestein, Schulleiter a. D. und Geschichtsfreund, betätigte sich als Mundartkonservator.

Mit liebevollem, niemals oberlehrerhaftem Blick schaute er Kindern und Erwachsenen aufs Maul, notierte deren Aussprüche (fränkisch: "Soucherer") und diverse Anekdoten. Mit seinen beiden 2005 und 2008 herausgegebenen Büchlein "Schmunzl gschichdla" ist er heute noch immer wieder einmal zu Autorenlesungen unterwegs. Der Vortrag hat eine andere Qualität als das Selberlesen, weil Gerhard Schmidt die Gabe hat, Menschen und ihre Stimmlagen unheimlich gut nachzuahmen. Die Eigenarten des Dialekts und bestimmter Redewendungen lässt er lebendig werden, sein Publikum dabei manchmal nicht nur Schmunzeln, sondern herzhaft lachen. Hoffnung auf einen dritten Band seiner "Gschichdla" macht er dabei nicht. "Ich hab' keine mehr", sagt der Lichtenfelser.


Sprachliche Untersuchungen


Die Beschäftigung mit dem Dialekt hat er jedoch nicht abgeschlossen. Schmidt spürt mit sicherem Sprachgefühl den Besonderheiten der fränkischen Mundart nach, wie sie in seiner Heimat am Obermain gesprochen wird. Und er schreibt es auf. Es fasziniert ihn, "wenn das Falsche an die Grenze des Lustigen geht", wie er es formuliert. Das Schräge fällt ihm auf, aber er nimmt es nicht tragisch, sondern mit Humor. "Die sprachliche Ausformung hat mich immer interessiert. Die typische Michelauer Nasalierung zum Beispiel, die es so nur dort gibt."

In unserer multikulturellen Gesellschaft, mit einem Arbeitsmarkt, der dem Einzelnen Mobilität und Flexibilität abverlangt, ist der Dialekt auf dem Rückzug. Da sprechen Kinder aus einer ur-münchner Familie nicht mehr den Münchner Dialekt, weil sie in einem Viertel aufwachsen, in dem viele Zugezogene leben. Mit diesen Kindern haben sie von klein auf Kontakt und nehmen deren Sprache an. Schade, denn die Hirnforschung hat längst bewiesen, dass Mundartsprecher über ein größeres Repertoire an Ausdruckmöglichkeiten verfügen, es also von Vorteil ist, wenn Kinder Dialekt und Hochsprache beherrschen. Außerdem verleiht der Dialekt ein Heimatgefühl.

"Da, wo alle so sprechen, wie man selbst, ist man daheim", bringt es Gerhard Schmidt auf den Punkt. In seinem Fall also da, wo man versteht, dass eine Robbern eine Schubkarre ist, ein Weggla oder Laabla ein Brötchen und eine Lädder eine Leiter. Da, wo man auf die vermeintliche Frage nach einer Ortsangabe ohne zu zögern die richtige Antwort - nämlich die Uhrzeit - genannt bekommt: "Wie weid isn hie?" Wo die Verwendung von Dativ und Akkusativ seltsame Blüten treibt. Beispiele: "Ich haab dich ana nei." (Ich haue dir eine runter.) - "Aweng auf mir zu." (Ein wenig auf mich zu - als Richtungsangabe). Und noch eine spezielle Form des persönlichen Fürworts im Dativ gibt es hier: "Derer dafsd da nix glaab." (Der darfst du nichts glauben.).


Die Steigerung von "sehr"


Gerhard Schmidt führt die eigentümliche Steigerung von "sehr" und "mehr" vor Augen, wie sie wohl jeder am Obermain schon vernommen hat: "Es kindla hod sehrer gschreid." - "Mehrer ko ich douzu aa nier gsouch." Ihm ist aufgefallen, dass abwertende Bezeichnungen hier meist etwas mit schlagen zu tun haben: Einer hat "an Hieb, Fitzer, Schlouch, Badscher" oder ist gar "daabgschloung". Dass Körperteile gerne mit dem Umstandswort des Ortes "drinnen" verbunden werden. Jemand "hod kan Zoh mer din" oder "grichd a neus Knie nei".

Wie gesagt: Schmidt hat das alles aufgeschrieben. Rund 30 Seiten sind es schon. Mit Beispielsätzen aus dem Alltag legt er seine sprachlichen Befunde dar und lotst durch den Dialekt-Dschungel. Keine "Gschichdla" zwar, aber durchwegs unterhaltsam. Vielleicht kann ihn ja jemand zu einem dritten Büchlein überreden.